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Maschinenbau: Gute digitale Arbeit

Maschinenbau: Gute digitale Arbeit

Was Assistenzsysteme leisten können

31.10.2016 Ι Die Digitalisierung krempelt ganze Wirtschaftsbereiche um. Auch der Maschinenbau ist davon massiv betroffen. Wie sich Arbeitsabläufe verändern und was sogenannte Assistenzsysteme bewirken, wird bei Bosch Rexroth in Homburg getestet. Der Betriebsrat hat ein wachsames Auge drauf.

Seit zwei Jahren beschäftigt man sich bei Bosch Rexroth im saarländischen Homburg intensiv mit der Digitalisierung. An einer Multiproduktlinie werden derzeit sogenannte Assistenzsysteme getestet. Jeder Arbeitsplatz ist mit einem Monitor ausgestattet, wo der einzelne Mitarbeiter die einzelnen Montageschritte visualisiert bekommt. Dabei werden zum Beispiel 3D-Animationen für einzelne Arbeitsprozesse gezeigt. Die Assistenzsysteme unterstützen die Mitarbeiter in ihren komplexen Montageprozessen. Über grünes LED-Licht wird dem Beschäftigten gezeigt, welches Bauteil er als nächstes montieren soll. Greift er falsch, leuchtet ein rotes LED-Licht.

Die Liniensteuerung überwacht den Montageprozess von Hydraulikblöcken für landwirtschaftliche Maschinen. Von sechs Grundtypen der Hydraulikblöcke gibt es 200 Varianten. Früher mussten die Beschäftigten die Details alle im Kopf haben und wissen, wie sich die vielen Varianten zusammensetzen. Heute übernimmt das der Computer. "Das Unternehmen verspricht sich durch die neue Arbeitsorganisation Effizienzvorteile", sagt Betriebsrat Holger Krökel, der das Pilotprojekt bei Bosch Rexroth begleitet.

Belegschaft nicht auseinander dividieren
"Wir als Betriebsrat sehen das sehr kritisch, weil die neue Montagelinie vom einzelnen Mitarbeiter sehr hohe Flexibilität erfordert und eine Mehrbelastung bedeuten kann." Die Beschäftigten müssen öfter den Arbeitsplatz wechseln und weitere Wege gehen, die neuen Technologien beherrschen und wesentlich flexibler in ihren Arbeitsprozessen sein. Gleichzeitig wird die Zykluszeit wesentlich verkürzt. Die Intelligenz geht zukünftig vom Produkt aus. Durch RFID-Sensoren kommuniziert das Hydraulikventil mit der Anlage und weist die Liniensteuerung an, wie es weiter bearbeitet werden möchte. Der Beschäftigte führt die jeweiligen Arbeitsprozesse dann aus. "Das ist ein ganz anderer Ansatz als früher", sagt der Betriebsrat.

Aufhalten könne man die Entwicklung nicht, so Krökel. "Um im internationalen Wettbewerb standzuhalten, haben wir keine andere Chance, als den technologischen Fortschritt zu begleiten und für die Beschäftigten bestmöglich zu regeln, etwa durch Betriebsvereinbarungen." Bei Bosch Rexroth gibt es dazu schon geeignete Rahmenvereinbarungen und eine Gesamtbetriebsvereinbarung, die bei der Einführung neuer 4.0 Lösungen den Betriebsrat schon in der Planungsphase einbindet. Somit können in sogenannten Pilotphasen die jeweiligen Umsetzungsprozesse genau analysiert werden und notwendige Reglungsbestandteile erkannt werden.

Krökel sieht unter anderem seine Aufgabe als Betriebsrat darin zu verhindern, dass die erhobenen Daten zum Nachteil der Beschäftigten ausgewertet werden. Leistungs- und Verhaltenskontrolle heißt der Fachbegriff. Gemeint ist eine Überwachung, wie oft der Beschäftigte beispielsweise daneben greift und wie lange er für einen Montagevorgang braucht. "Woanders werden die Assistenzsysteme schon in diesem Sinne instrumentalisiert, um Leistungsträger und weniger Schnelle auseinander zu dividieren. Durch unsere Mitbestimmungsrechte können wir das in Deutschland verhindern", sagt Krökel. 

Mehr Ergonomie am Arbeitsplatz
Es gibt jedoch nicht nur bedenkliche Veränderungen. Was auf der einen Seite die Gefahr einer umfänglichen Überwachung darstellt, kann auf der anderen Seite für positive Effekte sorgen. Der Mitarbeiter wird durch einen sogenannten "Bluetooth-Tag" beim Betreten des Arbeitsplatzes erkannt. Durch das Erkennen jedes einzelnen Mitarbeiters kann eine individuelle Gestaltung des Arbeitsplatzes realisiert werden. Ergonomie am Arbeitsplatz bekommt dadurch einen ganz anderen Stellenwert. Es ist heute schon möglich, für jeden Mitarbeiter die Beleuchtungsstärke am Arbeitsplatz, die Muttersprache, Schriftgröße der Assistenzsysteme wie auch zukünftig die Arbeitshöhe individuell automatisch anzupassen.

Wer in der Branche arbeitet weiß, dass der deutsche Maschinen- und Anlagenbau  die Digitalisierung vorantreiben muss, um mittelfristig mithalten zu können. Die einen befürchten weitreichende Jobverluste, die Erosion mittlerer Tätigkeiten und erweiterte Kontrolle. Andere Fachleute prognostizieren das Entstehen neuer Arbeitsplätze, steigende Qualifikationen und eine verbesserte Work-Life-Balance. Ja, sie versprechen sich von der Digitalisierung, dass Industriearbeit wieder attraktiver wird. Noch ist ungewiss, wie sich das Blatt wendet. 

Vision von "Guter digitaler Arbeit"
Alternativlos ist in diesem Zusammenhang die Qualifizierung der Beschäftigten. Denn die Kernanforderungen verändern sich durch Industrie 4.0 rasant. Manche Tätigkeiten verschwinden, neue kommen hinzu. IT-Kenntnisse und Systemdenken werden noch wichtiger werden. Aber auch das Selbsterlernen neuer Arbeitsabläufe und Techniken wird vom Einzelnen stärker gefordert werden. In einigen Betrieben gibt es bereits digitale Assistenz- und Wissenssysteme, die Beschäftigte wie bei Bosch Rexroth in ihrer Tätigkeit unterstützen. Sie können schwere, gefährliche und monotone Arbeit übernehmen und die Lernförderlichkeit des Arbeitsplatzes erhöhen.

Kernpunkt dieser Strategie muss deshalb die Qualifizierung der Beschäftigten sein, betont der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. "Die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben können den Weg in die Digitalisierung nur mitgehen, wenn ihr Zugang zu beruflicher Bildung geebnet ist und Bildungsformen und -inhalte entsprechend modernisiert sind. Dafür brauchen wir gute Konzepte, angefangen bei der Berufsausbildung über die Weiterbildung am Arbeitsplatz bis hin zur gezielten Qualifizierung für Experten."

Auf der Maschinenbaukonferenz der IG Metall in Berlin Ende September stand daher auch die Frage im Raum, wie groß die Bereitschaft der Unternehmen ist, in Digitalisierung zu investieren und die Beschäftigten entsprechend zu qualifizieren. 

 

Es gibt die Vision: Die IG Metall will gute digitale Arbeit gestalten. Der zufolge profitieren die Beschäftigten von Digitalisierung, weil sie ihre Arbeit stärker selbst gestalten können. Denn die Digitalisierung erweitert das Aufgabenspektrum der Mitarbeiter. Das erhöht die Qualifikationen und Handlungsspielräume und verbessert auch den Zugang zu Wissen.

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