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Jugendliche mit Migrationshintergrund benachteiligt

Migrationshintergrund lässt Jugendliche häufiger scheitern

26.11.2012 Ι Schlechtere Schulabschlüsse, schlechtere Ausbildungen, schlechtere Jobs: Die Zukunftschancen für Jugendliche mit Migrationshintergrund sind alles andere als rosig. Und zwar nicht, weil sie etwa zu faul, sondern weil sie benachteiligt sind. Verschwendung - denn die Gesellschaft braucht sie.

Ein Drittel der 20 bis 30-Jährigen mit Migrationshintergrund steht mit Nichts in der Hand auf dem Arbeitsmarkt da. Sie haben weder eine abgeschlossene betriebliche Ausbildung noch ein Studium. Der Anteil der Bildungsverlierer unter den gleichaltrigen "Deutschen" ist mit 13 Prozent nicht einmal halb so groß. Das zeigt der aktuelle Bildungsbericht der Bundesregierung. Wer genauer hinschaut, sieht, dass der Bildungsrückstand der Migrantenkinder nicht etwa kulturell und schon gar nicht biologisch bedingt ist, sondern soziale und strukturelle Ursachen hat.


Soziale Herkunft entscheidet über Bildungschancen

Wie in kaum einem anderen Industrieland entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft über die Bildungschancen. Das zeigt die Pisa-Studie regelmäßig. Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund: Wer Eltern mit niedrigem Bildungsniveau hat, hat deutlich geringere Chancen auf ein Abitur oder gar ein Studium. Und da viele der vor einem halben Jahrhundert angeworbenen "Gastarbeiter" eher gering qualifiziert waren, haben es auch ihre Kinder und Enkel schwerer, die sozialen Hürden im Bildungssystem zu überwinden. Während unter den "einheimischen" Bürgern nur 1,5 Prozent keinen Schulabschluss und 11,4 Prozent keine Berufsausbildung haben, sind es bei den Bürgern mit Migrationshintergrund 13,3 Prozent ohne Schul- und 38,7 Prozent keinen Berufsabschluss. Bei den Menschen aus den Ex-Anwerbeländern sind es sogar noch einmal deutlich mehr (16,6 und 46,3 Prozent).

Das setzt sich in den nächsten Generationen fort. Erst die dritte Generation schafft den Anschluss in der Schule und dann auch in der Ausbildung. Das haben die Forscher des internationalen Migrant Integration Policy Index (MIPEX) herausgefunden. Sie untersuchen die bildungspolitische Bedingungen für Migranten in 31 Ländern. Ihr Gesamtfazit: Deutschland schneidet bei der Integration in der Schule international am schlechtesten ab.


Schlechte Bildung - schlechte Arbeit, schlechtes Leben

Die Anforderungen an Qualifikation in der Arbeitswelt werden immer höher, gering Qualifizierte bleiben auf der Strecke. Menschen mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig arbeitslos - und haben, wenn überhaupt, doppelt so häufig schlechte Jobs: 46,6 Prozent haben gering qualifizierte Stellen. Bei den Nicht-Migranten sind es 24,9 Prozent.

Und Migranten sind doppelt so oft in Leiharbeit oder befristet. Das zeigt eine Umfrage des IG Metall-Ressorts Migration in 84 Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie. Zugleich ist ihr Anteil an der zunehmenden Zahl der Angestellten in den Betrieben verschwindend gering.


Stukturelle Diskriminierung

Doch Jugendliche mit Migrationshintergrund sind nicht nur sozial beteiligt. Sie werden zudem in den Betrieben diskriminiert. Haupt- und Realschulabsolventen mit Migrationshintergrund haben eine 20 Prozent niedrigere Chance auf einen Ausbildungsplatz. Das zeigt eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung. Ein ausländischer Name genügt schon, um bei gleicher Qualifikation bei Vorstellungsgesprächen außen vor zu bleiben. Zukunft sieht anders aus.


Die Gesellschaft braucht die Migrantenkinder

"Die Menschen werden in ihrer Würde verletzt und die freie Gestaltung von Lebensperspektiven wird ihnen verwehrt", kritisiert der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel. "Zudem wird dadurch auch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gefährdet." Denn gerade in Zeiten des Fachkräftmangels braucht die deutsche Gesellschaft die Kinder der Migranten: Die Geburten sinken seit 1991 stetig - mit Ausnahme der Kinder mit Migrationshintergrund. Ihre Ausgrenzung ist daher pure Verschwendung von Potenzial.

Zwar erkennen Forscher an, das sich in Deutschland in den letzten Jahren bei der Integration etwas tut. Deutschland erkennt endlich an, ein Einwanderungsland zu sein. Unter anderem gibt es seit 2007 einen "Nationalen Integrationsplan", an dem sich auch die IG Metall beteiligt. Aber noch fließt zu wenig Geld für die Sprachförderung an den Kitas, werden ausländische Abschlüsse nur schleppend anerkannt.

Auch in den Betrieben passiert insgesamt noch zu wenig in Sachen "interkulturelle Gleichstellungspolitik". Doch die IG Metall hat es geschafft, Zeichen zu setzten: Bereits seit 1996 gibt es eine Mustervereinbarung zur Beseitigung von Diskriminierung. Und viele Betriebsräte tun etwas: Etwa bei Bosch in Feuerbach, wo es eine Projektgruppe Integration gibt. Oder den Ausschuss "Migration, Integration und Gleichstellung" bei den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann sowie die "Kulturmittler" bei Thyssen-Krupp in Duisburg. Und schließlich setzt sich die IG Metall auch für die gezielte Förderung von schwächeren Schulabgängern durch Einstiegsqualifizierung in den Betrieben ein. In Nordrhein-Westfalen gibt es dazu bereits einen Tarifvertrag. Das will die IG Metall auch anderswo im kommenden Fruhjahr in der Metall-Tarifrunde durchsetzen.

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