IG Metall
IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     
Deutscher Betriebsrätepreis 2011: Tarifbruch bei ATIKA in Ahlen verhindert

Deutscher Betriebsrätepreis 2011: Tarifbruch bei ATIKA in Ahlen verhindert

Anwalt der Beschäftigten

27.07.2011 Ι Die Streichliste der Unternehmensberater für ATIKA in Ahlen hatte es in sich: Um der Insolvenz zu entgehen, sollte der Bau- und Gartenproduktanbieter nicht nur Mitarbeiter entlassen. Die Beschäftigten sollten außerdem auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichten sowie auf ihre Lohnerhöhung. Der Betriebsrat konnte den Tarifbruch verhindern. Er ist einer der nominierten Kandidaten für den Betriebsrätepreis 2011.

Die ganze Situation war auch für ihn persönlich belastend, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende Thomas Albert-Schwarte. Viele Gespräche, Überzeugungskraft und Ausdauer waren notwendig, um ATIKA zu überzeugen, dass Tarifbruch und Kündigungen der falsche Weg sind, um das Unternehmen vor der Insolvenz zu bewahren. Heute sieht der Bau- und Gartenproduktanbieter in Ahlen wieder positiv in die Zukunft.

Produktionsrückgang machte Kurzarbeit notwendig

Was war passiert? Ende 2008 ging bei ATIKA die Mischerproduktion stark zurück. Das Unternehmen produziert Betonmischer, Baukreissägen und Gartengeräte. Das zweite Standbein, der Handel mit Gartenprodukten und Kleinmaschinen zur Holzbearbeitung, entwickelte sich weiterhin positiv.

Aufgrund des Produktionsrückganges reduzierte der Betrieb Anfang 2009 die Arbeitszeit der Beschäftigten. Zunächst über den Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung, danach über Kurzarbeit. Obwohl das Unternehmen trotz Kurzarbeit eine ausgeglichene Bilanz nachweisen konnte und handlungsfähig war, machten die Banken Druck und zwangen ATIKA eine Unternehmensberatung auf. Deren Forderungen waren enorm, fand Thomas Albert-Schwarte. Später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Firmenberater um einen "banknahen Berater" handelte, der in erster Linie die Interessen der Banken berücksichtigte.


Einzelverträge verhindert

Das Rezept der Beraterfirma zur Sanierung von ATIKA war nicht gerade beseelt von Ideenreichtum: Die Berater wollten die Arbeitnehmer davon "überzeugen", nicht nur auf ihre Lohnerhöhung zu verzichten, sondern komplett auf ihr Weihnachts- und Urlaubsgeld. Außerdem sollten 27 der 132 Beschätigten den Betrieb ganz verlassen. Dafür empfahlen sie, billigere Leiharbeitskräfte einzusetzen. Nur so könne das Unternehmen einer Insolvenz entgehen. Der geforderte Verzicht belief sich auf insgesamt 950 000 Euro. Hinzu kam, dass die Geschäftsleitung Ende 2008 den Anerkennungstarifvertrag gekündigt hatte. Das sollte ATIKA nun schamlos ausnutzen. Die Firmenberater rieten dem Betrieb, das Ganze in Einzelverträgen mit den Beschäftigten abzusichern mit dem Ziel, dass dann der Anerkennungstarifvertrag nicht mehr nachwirken kann. Das hätte bedeutet: Der Betrieb wäre nicht mehr tarifgebunden und die Arbeitnehmer somit schutzlos gewesen. Der Betriebsrat hätte nichts mehr zu melden gehabt.

"Das alles konnten wir abwehren", betont Thomas Albert-Schwarte heute stolz. Der Betriebsrat holte sich Hilfe bei der IG Metall in Oelde. Er und die IG Metall ermutigten die Beschäftigten, keine Einzelverträge zu unterschreiben. Der Betriebsrat war immer als "Anwalt der Arbeitnehmer" dabei: "Wir haben keine Kollegin und keinen Kollegen bei den Mitarbeitergesprächen alleine gelassen. Hätte nur ein einziger unterschrieben, hätten das andere auch getan. Damit wäre unsere Position gefährdet gewesen. Ohne diese Unterschriften konnte das Unternehmen die geplanten Maßnahmen jedoch nicht durchführen", erkärt Thomas Albert-Schwarte.

Betriebsrat von ATIKA in Ahlen

Betriebsrat von ATIKA in Ahlen


"Krisenintervention" der IG Metall hat geholfen

Die Firmenberater und deren PowerPoint-Präsentationen stützten sich ausschließlich nur auf die Zahlen der Geschäftsleitung. Davon hat sich der Betriebsrat jedoch nicht blenden lassen. "Ich erwiderte darauf, dass wir als Betriebsrat uns auf unseren internen Sachverstand berufen, flankiert mit einem IG Metall-Organisationsgrad von über 90 Prozent. Das beeindruckte die Berater", schmunzelt Thomas Albert-Schwarte.

In den Gesprächen über einen Interessensausgleich konnte der Betriebsrat dann erreichen, die Task-Force "Krisenintervention" der IG Metall einzuschalten. Über diese Task-Force beauftragte die IG Metall die Beraterfirma arbeco GmbH in Dortmund sowie einen Rechtsanwalt als Sachverständigen, die den Betriebsrat unterstützten. In Gesprächen mit den Mitarbeitern hat sich die Task-Force ein umfassendes Bild gemacht. Außerdem prüfte sie noch einmal die Unterlagen, die die Geschäftsleitung der Unternehmensberater zur Verfügung gestellt hatte. Das Ergebnis bestätigte die Vermutung des Betriebsrates: Die von den Beratern genannten Zahlen waren einseitig ausgelegt. Geleistete Arbeitsstunden aus den Zeit- und Urlaubskonten fehlten. Das bedeutete, dass die geforderten Kündigungen überzogen waren. Daraufhin wich die Geschäftsleitung von ihrem Vorhaben ab und war bereit, mit dem Betriebsrat zu verhandeln.

Tarifbindung wieder hergestellt

Dieser konnte dann mit der IG Metall ein faires Verhandlungsergebnis erreichen: Das Unternehmen ist nach wie vor nicht insolvent, niemandem wurde gekündigt und Leiharbeiter gibt es auch keine. Der Personalabbau erfolgte ausschließlich über die Rentenabgänge. Die Belegschaft musste "nur" auf die vereinbarte Eínmalzahlung in 2010 verzichten. Die 2,1 Prozent ab Mai 2009 verschob der Arbeitgeber auf Dezember 2009. Die diesjährige Erhöhung von 2,7 Prozent bekamen die Arbeitnehmer erst im Juli und nicht im April.

Der Anerkennungstarifvertrag von 2002 ist wieder gültig und somit auch der Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung. Das machte dem Betriebsrat möglich, sichere Arbeitsplätze bis zu 23 Monaten durchzusetzen.

Rückblickend findet es Thomas Albert-Schwarte erschreckend, welchen Einfluss Unternehmensberater haben und welchen Schaden sie dabei anrichten können. Er ist überzeugt, dass vor allem der hohe gewerkschaftliche Organisationsgrad dem Betriebsrat den Rücken gestärkt hat. Diese "Vollmacht" hat nicht nur bei den Einzelgesprächen Wirkung gezeigt. Die Geschäftsleitung musste bei den Verhandlungen über einen Interessenausgleich die IG Metall einbeziehen, was sie eigentlich nicht wollte. Das hat den Betriebsrat gestärkt, um die Belegschaftsinteressen besser durchsetzen zu können.

Themen

Alles rund um Ihren Arbeitsplatz.

Links und Zusatzinformationen
betriebsratepreis
Worum es geht

Einmal jährlich wird auf Initiative der Zeitschrift "Arbeitsrecht im Betrieb" der "Deutsche Betriebsrätepreis" verliehen. Mit dem Preis wird die vorbildliche Arbeit von Betriebsräten anerkannt, gewürdigt und ausgezeichnet.

Vier Preise an IG Metall-Betriebsräte
In diesem Jahr wurden für den Preis sechs Betriebsratsgremien aus dem Organisationsbereich der IG Metall nominiert. Davon haben vier Betriebsräte einen Preis erhalten: Gold ging an die Arbeitnehmervertreter des Flugzeug- bauers Airbus und Bronze an den Betriebsrat des Iserlohner Kaltwalzwerks Risse & Wilke GmbH. Die IG Metall-Betriebsräte von Aesculap AG in Tuttlingen und ATIKA GmbH & Co. KG in Ahlen erhielten jeweils einen Sonderpreis.

Servicebereich