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Besser statt billiger im Handwerk

Besser statt billiger im Handwerk

Gute Qualität geht nur fair und gerecht

24.11.2011 Ι Von der Armbanduhr bis hin zum Auto: Es gibt heute kaum einen Lebensbereich, in dem wir auf die Fertigkeiten und das Know-how von Handwerkern verzichten könnten. So weit so gut die schönen Worte laut Imagekampagne des Handwerks. Doch gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne lassen in dieser Branche oft zu wünschen übrig. Das will die IG Metall ändern.

In Anzeigen, Plakaten und TV-Spot's versucht das Handwerk sein Image aufzupolieren und Nachwuchs zu locken. "Was wäre das Leben ohne das Handwerk?" fragt der Wirtschaftszweig auf seiner Kampgagnenseite. Nichts, kommt einem spontan in den Kopf. Zumindestens wäre unser Leben ein wenig erschwerlicher.

Mit mehr als fünf Millionen Beschäftigten in über 130 Ausbildungsberufen und einen Jahresumsatz in dreistelliger Milliardenhöhe rühmt sich das Handwerk in Deutschland als wirtschaftliches "Schwergewicht". Doch ein genauer Blick hinter die Kulissen dieses Schwergewichts lässt nicht alles so glänzend erscheinen wie es die Branche uns verkaufen mag.

Miese Arbeitsbedingungen, schlechte Löhne

6,50 Euro die Stunde, bis zu 60 Stunden in der Woche, Überstunden gratis und häufige Arbeitsunfälle, berichtet ein Geselle, der bis vor einem Jahr bei einer Tischlerei nahe der polnischen Grenze beschäftigt war. Solche Arbeitsbedingungen sind in Handwerksbetrieben leider oft Realität.

Aber auch Scheinselbstständige und schlechter bezahlte Leiharbeitnehmer in baunahen Handwerksbranchen sind keine Seltenheit. Vor allem letztere arbeiten oftmals zwölf Stunden am Tag - davon aber nur acht bezahlt. Und die Auszubildenden? Das sehen manche Handwerksbetriebe nicht so eng: Die dürfen von Anfang an gleich richtig mit anpacken. Oft schuften sie samstags und - wie ihre Gesellenkollegen auch - in Zwölf-Stunden-Schichten.

Dumpingspirale

Den Nährboden für niedrige Einkommen und schlechte Arbeit bildet unter anderem auch eine Dumpingspirale, die Tariffluchten und Billiglöhne angeheizt haben. Das führt zu einem Preiskampf unter Handwerkern, die ihre Arbeit zu Ramschpreisen feilbieten. Darunter leidet nicht nur die Qualität - denn Pfuschereien kommen letztendlich auch den Kunden teuer zu stehen. Solche Preiskämpfe wirken sich auch auf Arbeitsbedingungen und Löhne aus. Durchbrechen können diese Dumpingspirale nur einheitliche Tarif- und Mindestlöhne.

Fachkräfte gesucht

Gleichzeitig klagen Handwerksbetriebe über Fachkräftemangel. Allein im Metallhandwerk scheiden bis zum Jahr 2020 mehr als ein Fünftel der Belegschaften aus Altersgründen aus. Schon heute gibt es Regionen, in denen auf 30 freie Stellen im Handwerk gerade einmal fünf Bewerber kommen. Doch der Fachkräftemangel ist oft hausgemacht. "Was nützt die Imagekampagne den Jugendlichen? Sie fragen, was sie in dem Beruf verdienen. Und die Entlohnung widerstrebt oftmals dem Sozialstaatsgedanken der Bundesrepublik", meint Fred Balsam, Vizepräsident der Handwerkskammer in Köln und früherer langjähriger Betriebsratsvorsitzender bei Fleischhauer. In der Tat: Das Handwerk muss für Junge attraktiver werden und Perspektiven bieten. Die Handwerksbetriebe müssen jungen Menschen eine gute Ausbildung garantieren und sie fit für die Zukunft machen. Und sie müssen ihnen Tarifstandards zusichern.

Besser statt billiger

Die IG Metall will eine Offensive starten mit dem Ziel: Mit den Betriebsräten mehr Mitglieder gewinnen, um "besser statt billiger" im Handwerk durchsetzen zu können. Die Betriebsräte sollen gestaltende Akteure werden. Sie sollen aktiv auf betriebliche Prozesse sowie auf Personalplanung und Weiterbildung der Arbeitnehmer Einfluss nehmen können.

In Nordrhein-Westfalen haben bereits Betriebsräte und die IG Metall mit "Besser statt billiger"-Strategien über 100 000 Arbeitsplätze gesichert. Dadurch konnten während der Krise Beschäftigte mit Kurzarbeit und Qualifizierungen in den Betrieben gehalten werden. Mit "autohaus-fair.de" macht sich die IG Metall im Norden stark für faire Arbeitsplätze in der Kfz-Branche. Und die, sagt sie, gibt es nur mit Tarifbindung, Betriebsrat und Ausbildung.

Und auch im Osten bewegt sich etwas. "Ich kämpfe für einen Tarifvertrag", sagte Thomas Jagmann, Betriebsratsvorsitzender im Audi-Zentrum Leipzig. Vor drei Jahren hatte der Kfz-Mechatroniker gerade mal 900 Euro netto. Auch ein renommierter Name bietet nicht automatisch bessere Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigten stellten sich hinter den Betriebsrat. Immer mehr traten der IG Metall bei. Sie verhandelten und drohten mit Warnstreik. Schließlich unterschrieb die Geschäftsleitung den Tarifvertrag. Erst einmal gab es bis zu 300 Euro mehr und Ende Mai das erste Urlaubsgeld. Und es geht schrittweise weiter. Ab 2013 gilt für das Audi-Haus der Kfz-Flächentarif.

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