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Interview mit Pr. Dr. Klaus Dörre über die Folgen der Leiharbeit auf die Stammbelegschaft

Leiharbeit schafft zwei Klassen von Beschäftigten

21.03.2011 Ι "Sobald Stammbeschäfigte ihre Festanstellung als ein Privileg begreifen, werden sie erpressbar", stellt Prof. Dr. Klaus Dörre fest. Wir sprachen mit ihm über die Folgen der Leiharbeit auf die Stammbelegschaft, die Arbeitsmotivation und die Gestaltung der Arbeitszeit. Prof. Dr. Klaus Dörre forscht am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Thema Leiharbeit.

Immer mehr Firmen entdecken, dass sie dank Leiharbeitern nicht nur flexibles, billigeres Personal haben. Sie wollen Leiharbeit nun auch strategisch nutzen. Warum?
Dörre: Strategische Nutzung bedeutet, dass Leiharbeiter dauerhaft im Betrieb sind und zunehmend Kernfunktionen übernehmen. Sie machen alles, was auch Stammbeschäftigte tun, aber zu weitaus ungünstigeren Konditionen. Der Übergang zur strategischen Nutzung hat mehrere Gründe: Große Unternehmen nutzen Mischkalkulationen, um die Personalkosten gering zu halten. Leiharbeiter lassen sich als Sachkosten verbuchen. Hinzu kommt, dass man auf diese Weise den Kündigungsschutz faktisch aushebeln kann. Leiharbeiter können von den entleihenden Unternehmen über Nacht entlassen werden. Das spart Entlassungskosten. Im Grunde wird das unternehmerische Risiko auf einen bestimmten Teil der Belegschaft abgewälzt. Die Leiharbeiter und andere prekär Beschäftigte wird man im Krisenfall rasch los und kann sie nutzen, um die Rendite stabil zu halten oder doch um zumindest das "Ergebnis zu retten". 

Inwieweit können Arbeitgeber Leiharbeit disziplinarisch einsetzen?
Überwiegend geschieht dies nicht strategisch-geplant. Es ist eher ein willkommener Nebeneffekt. Wir nennen das den Bumerang-Effekt prekärer Beschäftigung. Den Festangestellten wird permanent vor Augen geführt, dass ihre Arbeit zu Bedingungen verrichtet wird, die Stammbeschäftigte nicht akzeptieren würden.  
 
Ist Leiharbeit ein Instrument, Beschäftigten immer mehr zuzumuten?
Sobald Stammbeschäftigte ihre Festanstellung als ein Privileg begreifen, werden sie erpressbar. Sie neigen dann dazu, vieles zu akzeptieren, nur um ihr unbefristetes Beschäftigungsverhältnis nicht zu gefährden. Man kann das anhand des DGB-Index "Gute Arbeit" sehr schön nachvollziehen. Beschäftigungssicherheit steht über allem. Aus der Perspektive der Festangestellten, ist es ein Alptraum, auf den Status eines Leiharbeiters zurückzufallen. Deshalb setzt man alles daran, um dergleichen zu vermeiden. Die Gefahr muss gar nicht real sein, es genügt der tägliche Anschauungsunterricht.

Welche langfristigen Folgen hat Leiharbeit für die Stammbeschäftigten?
Im Grunde entstehen mindestens zwei Klassen von Beschäftigten. Man sieht das am ambivalenten Verhältnis der Stammbeschäftigten gegenüber den Leiharbeitern. Zwar ist eine Mehrheit der über 1.400 von uns befragten Arbeiter und Angestellten aus der Metallindustrie überzeugt, dass der Leiharbeitseinsatz Unternehmen ermöglicht, "flexibel auf Anforderungen des Marktes zu reagieren" (61,6 Prozent Zustimmung), doch bei 41,8 Prozent stößt die Aussage "Leiharbeit wird auch genutzt, um Konkurrenz in die Betriebe zu bringen" auf Zustimmung (31 Prozent Ablehnung) und ein noch größerer Anteil (42,9 Prozent) lehnt ab, dass Leiharbeiterinnen "genauso zur Betriebsfamilie" gehören wie Stammkräfte. Wenn sich eine Tendenz zur exklusiven Solidarität durchsetzt, die sich allein auf die Kernbelegschaft bezieht, dann schwächen sich die Stammbeschäftigten längerfristig selbst, sie steigern ihre eigene Erpressbarkeit, weil das Management die unterschiedlichen Klassen von Arbeitnehmern gegeneinander ausspielen kann.

Welche Folgen hat Leiharbeit für die Motivation der Stammbelegschaft?
Eine zwieschlächtige. Kurzfristig kann intensivere Konkurrenz leistungssteigernd wirken. Auf längere Sicht ist das aber nicht nachhaltig. Wer permanent unter Druck gesetzt wird, wird die Managementappelle an Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Kreativität, Teamfähigkeit und Flexibilitätsbereitschaft zunehmend als hohle Phrase empfinden. Darunter leidet früher oder später auch die Arbeitsmotivation. Letzteres gilt gerade auch für hochqualifizierte Angestellte.

Leiharbeit untergräbt langfristig das Tarifsystem, warum ist das so, und was bedeutet das künftig für die Stammbelegschaft?
Jetzt haben wir eine Regelung, die darauf hinausläuft, dass der gesetzlich verankerte Grundsatz "Gleiches Geld und gleiche Bedingungen bei gleicher Arbeit"" in der gewerkschaftlich schwach organisierten Leiharbeitsbranche über Tarife faktisch nur nach unten korrigiert wird. Es herrscht Unterbietungskonkurrenz. Das unterminiert das Tarifsystem, weil die Abweichung zur Regel wird. Durch Besser-Vereinbarungen, wie sie die IG Metall sinnvoller Weise durchgesetzt hat, kann das nur teilweise korrigiert werden. Leiharbeiter, die um ihren Job fürchten müssen, sind aber nur schwer für gewerkschaftliche Aktionen mobilisierbar, wenngleich es positive Gegenbeispiele gibt. Fakt ist, dass die Leiharbeiter auch in der betrieblichen Mitbestimmung bislang nicht angemessen repräsentiert sind. Auch hier entstehen zunehmend zwei Klassen von Arbeitnehmern. Das schwächt die Durchsetzungsfähigkeit von Betriebsräten und Gewerkschaften. Längerfristig leiden auch die Stammbelegschaften. Man sieht ja: Trotz partiellen Fachkräftemangels bewegen sich die Löhne nicht gerade sprunghaft nach oben.

Die tarifvertraglichen Arbeitszeitbestimmungen ermöglichen in hohem Maße die Anpassung an die Auftragssituation, also die "atmende Fabrik". Die Produktion folgt den Auftragseingängen, Arbeitszeitkonten mit längeren Ausgleichszeiträumen sichern den Beschäftigten ein stetiges Einkommen. Bedeutet die Zunahme von Leiharbeit also auch einen Rückschritt in Sachen Arbeitszeitgestaltung für die Stammbelegschaft? 
Das ist schwer zu sagen. Die hohe interne Flexibilität in den Unternehmen erschwert unter Umständen ja auch Neueinstellungen. Ich glaube, dass die gesamte Arbeitszeitproblematik - auch aufgrund der Erfahrungen in der Krise - neu durchdacht werden muss. Und das vor allem mit Blick auf die Leistungsproblematik und die Nachhaltigkeit der Flexibilisierungsinstrumente. Da gibt es auch aus der wissenschaftlichen Perspektive viele offene Fragen. 

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