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Gespräch mit Wissenschaftler Gerhard Bosch über die neusten Arbeitsmarktzahlen

Gespräch mit Wissenschaftler Gerhard Bosch über die neusten Arbeitsmarktzahlen

"Jobwunder hängt am seidenen Faden"

04.01.2011 Ι Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit hat heute ihre neusten Zahlen veröffentlicht: Das vergangene Jahr war für den Arbeitsmarkt das beste seit 1992. Im Jahresdurchschnitt registrierte die Bundesanstalt 3,2 Millionen Arbeitslose nach 3,4 Millionen im Jahr zuvor. 1992 waren es 2,98 Millionen. Doch was steckt hinter dem sogenannten "Jobwunder"? Ein Gespräch mit Professor Gerhard Bosch, Arbeitssoziologe und Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

Was halten Sie von den neuen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit? Sind Sie wirklich so gut? Oder sind sie mehr Schein als Sein?
Zunächst einmal sollten wir uns freuen, dass  im Unterschied zu fast allen anderen Ländern die Beschäftigung trotz der Finanzkrise gewachsen ist. Das ist in erster Linie ein Erfolg der Tarifpartner und der großen Koalition, die mit Kurzarbeit und flexiblen Arbeitszeitregelungen Entlassungen verhindert haben. Problematisch ist allerdings, dass gut bezahlte Arbeitsplätze verloren gehen. Zuwächse verzeichnen wir vor allem bei der Leiharbeit und in Dienstleistungsbranchen, in denen sich nur wenige Unternehmen an Tarife halten. Allein 2009 ist die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten um mehr als 200 000 gestiegen.

Wie beurteilen Sie die Zunahme von Minijobs und Teilzeitstellen?
In manchen Branchen, wie dem Einzelhandel oder der Gastronomie,  geht die  Vollzeitbeschäftigung seit Jahren zurück. Es werden fast nur noch Teilzeit- oder Minijobs angeboten. Der Grundsatz der Gleichbehandlung gilt in der Praxis für Minijobber nicht. Sie werden fast durchgängig schlechter als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte bezahlt. Außerdem erhalten sie meistens kein Krankengeld und keinen bezahlten Urlaub. Dadurch sind sie erheblich billiger für die Unternehmen.

Insgesamt ist laut Statistischem Bundesamt die Zahl der in Deutschland geleisteten Stunden auf 57,4 Milliarden gewachsen. 1991 waren es noch fast 60 Milliarden. Das heißt, die Menge der Arbeit nimmt ab. Ist das gut oder schlecht?
Es ist gut, wenn wir produktiver werden. Der gleiche Wohlstand kann in weniger Stunden produziert werden. Allerdings muss die Arbeitszeit auch entsprechend verkürzt werden, damit die Arbeitslosigkeit nicht zunimmt. Die heutige Form der Arbeitszeitverkürzung in Form nicht existenzsichernder Minijobs ist aber keine nachhaltige Lösung. Besser wäre ein Abbau überlanger Arbeitszeiten und eine Art kurze Vollzeitarbeit zwischen 30 und 37 Stunden für Männer und Frauen.



Zwischen 2005 und 2010 sind 800 000 mehr Ältere aus dem Berufsleben ausgeschieden als Jüngere nachrückten. Ist der Arbeitsmarkt auch durch die Alterung der Bevölkerung entlastet?
Zweifellos! Auch in den nächsten Jahren wird die demografische Entwicklung den Abbau von Arbeitslosigkeit erleichtern. Allerdings werden sich damit die Arbeitsbedingungen nicht automatisch verbessern. In den schwach organisierten Dienstleistungsbranchen brauchen wir Mindestlöhne und allgemeinverbindliche Tarifverträge, damit wieder vernünftig bezahlt wird. Außerdem muss der Sonderstatus der Minijobs  abgeschafft werden.

Was bedeutet die gute Konjunktur für die Leiharbeitsbranche? Wer einen Job sucht, landet immer öfter bei einer Zeitarbeitsfirma. Die Branche feiert derzeit einen Rekord nach dem anderen. 900 000 Deutsche arbeiten trotz der wirtschaftlichen Erholung nur dann, wenn sie gerade gebraucht werden.
Leiharbeit ist heute in erster Linie wegen der geringen Löhne so attraktiv für Unternehmen. Es ist nicht akzeptabel, dass gut bezahlte Beschäftigte durch billige Leihkräfte ersetzt werden. Überdies wird das noch mit rund 500 Millionen Euro pro Jahr mit Steuergeldern subventioniert. Soviel erhalten schlecht verdienende Leiharbeitnehmer als Aufstocker vom Arbeitsamt. Wenn Leiharbeitnehmer den gleichen Lohn wie Stammkräfte erhalten (Equal Pay), dann wird Leiharbeit vor allem zur Abdeckung von Auftragsspitzen und Vertretungen eingesetzt. Dies und nicht Lohndrückerei ist die eigentliche Funktion von Leiharbeit in einem Sozialstaat.

Wie wird es Ihrer Meinung nach mit dem deutschen "Jobwunder" weitergehen?
Das deutsche Jobwunder hängt an einem seidenen Faden, nämlich dem Export in andere Länder. Bisher hatten wir Glück, dass viele Länder, etwa in Asien, von der Finanzkrise kaum etwas gespürt haben. Der deutsche Aufschwung wird  jetzt durch die Sparpakte in Europa und den USA gefährdet. Wenn nur Leiharbeit und befristete Beschäftigung zunehmen, wird sich dass "Jobwunder" nicht wiederholen. Die Unternehmen werden sich dann zu allererst von diesen Arbeitskräften trennen und weniger auf Kurzarbeit setzen als 2009. 

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