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Fachkräftesicherung: Warum in die Ferne schweifen? Foto: Franz Plüg / Fotalia

Fachkräftesicherung: Junge Migranten sind startbereit

Warum in die Ferne schweifen?

27.03.2015 Ι Die Wirtschaft brummte und es fehlten Arbeitskräfte. Vor 60 Jahren kamen mit dem Anwerbeabkommen die ersten "Gastarbeiter" aus Italien. Heute buhlen Unternehmen wieder um Fachkräfte aus dem Ausland und vergessen, dass hierzulande jede Menge Talente und Fähigkeiten schlummern. Sie müssen nur geweckt werden. Viele der hier lebenden Migranten sind startbereit, wenn man sie lässt.
In den 50er Jahren war es das sogenannte Wirtschaftswunder, das zu einer Verknappung der Arbeitskräfte führte. Jetzt redet die Wirtschaft über Fachkräftemangel und geht im Ausland auf Werbetour, um den Bedarf an Fachkräften zu sichern. Dabei suchen viele der hier lebenden Migranten einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, scheitern aber häufig an Diskriminierungen, die in verschiedenen Facetten immer noch vorhanden sind.

Migranten holen auf - trotz Hürden 

Angesichts älter werdender Belegschaften und sich ändernder Arbeitsprozesse durch Digitalisierung und Industrie 4.0 braucht die deutsche Wirtschaft alle jungen Menschen - unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft. Dennoch kommen viele von ihnen nicht zum Zug, werden ausgegrenzt und finden keinen Job - trotz guter Bildungsabschlüsse.

Die Mehrzahl der Betriebe - etwa 60 Prozent - hat noch nie einen Menschen mit ausländischer Herkunft eingestellt. Nur für 15 Prozent der Unternehmen in Deutschland ist es ganz normal, einen oder mehrere Jugendliche mit Migrationshintergrund auszubilden, wie eine Unternehmensbefragung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ergab. Das Ergebnis der Studie zeigt: Hier muss dringend etwas passieren.

Christiane Benner, geschäftsführendes IG Metall-Vorstandsmitglied, sieht die Politik und Wirtschaft gefordert. Sie "müssen gemeinsam gegen die strukturelle Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt vorgehen", sagt sie. Denn viele junge Bewerberinnen und Bewerber scheitern meist schon an der ersten Hürde, weil ihr Name ausländisch klingt: Sie werden oft erst gar nicht zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.

Bewerben ohne Angabe von Name, Geschlecht und Herkunft

Um diese Hürde zu überwinden, fordert die IG Metall anonymisierte Bewerbungsverfahren. Noch weigern sich Betriebe und Firmen - doch erste Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zeigen, dass durch ein solches Verfahren mehr Ältere, Frauen und Migranten in die engere Auswahl kommen und eingeladen werden. Im direkten Gespräch können dann häufig Vorbehalte und Vorurteile abgebaut werden.

Die Vorteile bei anonymen Bewerbungen liegen somit klar auf der Hand: Der Arbeitgeber kann neue Bewerbergruppen erschließen und damit gelebte Vielfalt und Offenheit signalisieren. Gleichzeitig ist eine solche Methode transparent und technisch leicht umsetzbar. Sie spart Geld und Zeit durch Standardisierung und kann flexibel dort eingesetzt werden, wo es sinnvoll ist. Wie anonymisiertes Bewerben in der Praxis funktionieren kann, zeigt das IG Metall-Faktenblatt zum Thema. Der Betriebsrat muss den Richtlinien zur Auswahl von Bewerbern zustimmen. Das ermöglicht ihm, mit dem Arbeitgeber darüber zu verhandeln, im Betrieb ein solches Verfahren einzuführen.

Eine weitere strukturelle Diskriminierung ist ebenfalls noch nicht komplett beseitigt: Insbesondere zugewanderte Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor, weil ihre im Ausland erworbenen Zeugnisse und Qualifikationen auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht anerkannt werden. Zwar konnte das seit 2012 geltende Anerkennungsgesetz Abhilfe schaffen, aber es greift immer noch zu kurz.

Das vorhandene Potenzial an Talenten und Fähigkeiten wird nicht ausgeschöpft. Vor allem die hohen Kosten, die Betroffene für ein Anerkennungsverfahren tragen müssen, stellen eine große Hürde dar. Darauf haben jetzt Gewerkschaften und Betriebsräte reagiert. Seit Anfang März können sich Arbeitnehmervertreter beim DGB-Bildungswerk zur "betrieblichen Fachkraft Anerkennung" weiterbilden lassen. Die fünftägigen Kurse werden vom Bildungsministerium gefördert und vermitteln Interessenvertreter das nötige Know-how, wie sie das Thema "Anerkennung im Ausland erworbener Berufsabschlüsse" am besten handeln. Damit können sie gezielt ihren Kolleginnen und Kollegen dabei helfen, dass ihre Ausbildung anerkannt wird.

Bildungsteilzeit bringt Chancen

Fehlen Qualifikationen oder Abschlüsse, muss es Migranten möglich sein, diese ebenfalls zu erwerben und nachzuholen. Bisher tut sich in der Praxis noch sehr wenig. Im Jahr 2012 bildeten sich 36 Prozent der Beschäftigten ohne Migrationshintergrund weiter. Von den angestellten Migranten waren es nur 21 Prozent und nur 16 Prozent der ausländischen Arbeitnehmer haben 2012 an einer Weiterbildung teilgenommen.

Die Betriebe müssen endlich umdenken und vor allem jungen Un- und Angelernten - ob mit oder ohne Migrationshintergrund - eine Chance geben, sich weiterzubilden. Die könnte ihnen jetzt der Einstieg in eine Bildungsteilzeit bieten, den die IG Metall in der Metall-Tarifrunde durchgesetzt hat. Junge Migrantinnen und Migranten haben damit die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen für Bildung und ihre Entwicklung. Wer in einem Metall- oder Elektrobetrieb arbeitet und sich weiterbilden oder studieren will, kann sich freistellen lassen - in verblockter Teilzeit sogar bis zu sieben Jahre.

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Informationen, Fakten und Daten rund um das Thema Migration und Arbeitswelt vom DGB Bildungswerk.

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Fragen beantwortet auch das Bundesamt für Migration. Hotline: +49 30-1815-1111.
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