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Standpunkt von Ulrich Mückenberger. Foto: Privat

Debatte zur Arbeitszeit

Zeit ist Leben

24.06.2015 Ι Haben Arbeitgeber einen Monopolanspruch auf die Lebenszeit der Beschäftigten? Nein, sagt der Wissenschaftler Ulrich Mückenberger, in seinem Beitrag für die Metallzeitung: Der Arbeitgeber muss das kostbare Gut Zeit mit Familie, Partnern, Ehrenamt, Nachbarschaft, Politik, Vereinen und Kultur teilen.

Solange feste und klar abgegrenzte Arbeitstage, freie Wochenenden und jährliche Urlaubs- und Weihnachtspausen noch das kollektive Zusammenleben strukturierten, war Solidarität zwischen den Menschen eine Frucht ihrer gemeinsamen Erfahrung von Arbeit und freier Zeit. Heute ist es anders: Arbeit hat sich zerfasert. Sie hat ihre abgrenzbaren Konturen verloren. Sie ist zerstückelt, flexibel zusammengesetzt und intensiviert worden. Früher gab es Grenzen. Heute braucht es neue Antworten für eine gelebte Normalität.

Beschäftigte sind Gestaltende
Schauen wir doch nicht wie das Kaninchen auf die Schlange, weinen wir nicht den festen Regelungsformen nach, die mal die Normalität aus machten. Wir sollten die Chancen des gewandelten Verständnisses von Arbeit zu verstärken versuchen. Gehen wir doch einmal von Individuen nicht als schutzlose Opfer, sondern als mit Bürgerrechten ausgestatteten Gestaltern aus.

Menschen sind außer in Erwerbsarbeit in vielerlei gesellschaftliche und familiäre Aufgaben und Engagements eingebunden. Sie sind unterschiedlich und legen Wert auf ihre Vielfalt. Sie wollen nicht Freiheit gegen Schutz eintauschen, sondern verlangen beides: Autonomie und Verantwortung für ihre Lebensführung und gleichzeitig Verlässlichkeit und Schutz.

Klar ist eine solche Gestaltung nicht die Realität von hier und heute - es ist ein Wunsch, ein Ziel, eine Perspektive. Daher stellen sich viele Fragen. Welche Bedingungen müssen im Arbeits- und außererwerblichen gesellschaftlichen Leben geschaffen werden, um Chancen neuer Selbst- und Gesellschaftsfindung zu verwirklichen? Wie können wir zum Lernen und Gelingen neuer Lebensentwürfe beitragen und dafür sorgen, dass diese nicht zulasten anderer Menschen und folgender Generationen oder der Natur gehen?

Freiheit in der Arbeit ist nicht gegeben, sondern ein zukunftsbezogener Orientierungspunkt für gestaltendes Handeln in der Gegenwart. Dieser richtet sich an Regierungen und Parlamente, Tarifparteien, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, betriebliche Sozialpartner, einzelne Mitarbeiter und Vorgesetzte. Sie alle entscheiden heute und gestalten so das Leben von morgen.

Über Zeit verfügen
Fassen wir Freiheit in der Arbeit und ihre Bedingungen konkret zusammen, dann landen wir unweigerlich bei Fragen der Zeit und der Verfügung über Zeit. Individualisierte und flexibilisierte Organisation der Arbeitszeit erfordert zusätzliche Zeit für Kommunikation und Koordination schon allein für die alltägliche Arbeitsverrichtung. Dienstleistungen beispielsweise erfordern gemeinsame Zeiträume. Und auch Lern- und Entwicklungsprozesse innerhalb wie außerhalb der bezahlten Arbeit brauchen ihre Zeit.

Verfügungsrechte über Zeit sind vor allem nötig, wenn wir Beschäftigte auch im außerbetrieblichen Bereich als Gestaltende anerkennen und unterstützen wollen. Hat der Arbeitgeber einen Monopolanspruch auf die Lebenszeit erwachsener Menschen? Nein: Der Arbeitgeber muss das kostbare Gut Zeit teilen. Er muss es teilen mit Familie, Partnern, Freunden, Nachbarn, aber auch mit Ehrenamt, Politik, Vereinen und Kultur. Sie alle verlangen zu ihrem Gelingen ebenfalls Zeit.

Zeit für Mitbestimmung
Über Lebenszeit kann und darf nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden werden: Wieder ist Zeit gefordert - Zeit für Partizipation, Zeit für Mitbestimmung. Die individualisierte Gesellschaft erzeugt mit neuen Zeitbedarfen neue Zeitkonflikte, deren fruchtbare Schlichtung wiederum Zeit erfordert.

Diese zeitpolitischen Folgerungen werden brisant, wenn wir sie mit der Zeitkultur konfrontieren, die heute in Betrieben, Verwaltungen, Krankenhäusern oder Schulen herrscht. Überall das Gleiche. Dabei ist Zeit das Wertvollste, was wir haben. Doch mit ihr wird unachtsam umgegangen. Zeit wird als knappe Ressource gnadenlos durchrationiert. Deshalb kommt es unweigerlich zu Zeitkonflikten. Einen Vorgeschmack gab die letzte Tarifrunde mit dem Kampf um Bildungszeiten.

Zeit zum Leben
Mehr Freiheit in der Arbeit erfordert zwei radikale zeitpolitische Einschnitte. Zum einen: Dem Raubbau an der Lebenszeit muss durch Gegenwehr und zeitachtsame Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen entgegengetreten werden. Das erfordert im Arbeitsalltag Reflexionszeiten, also sozusagen Zeit für Zeit, sowie mehr direkte individuelle Beteiligung. Und zum anderen: In der Arbeitszeitgestaltung müssen die zeitlichen Bedürfnisse der Menschen innerhalb wie außerhalb des Erwerbslebens wirksam gemacht werden.

"Jeder verteilt seine Arbeitszeit so über das Arbeitsleben, dass er sein Leben individuell gestalten kann", sagte Tarifexperte Stefan Schaumburg in der Maiausgabe der metallzeitung (Seite 9). Er hat völlig Recht: Wann endlich ist es normal, dass im Erwerbsleben große Zeiteinheiten für persönliche gesellschaftliche Notwendigkeiten wie Bildung, Muße oder Ehrenamt zur Verfügung stehen? Klar: Freiheit in der Arbeitszeit ist ein dickes Brett - aber erst diese Freiheit humanisiert Arbeit und überwindet die Kluft zwischen Arbeit und Leben.

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Zur Person

Ulrich Mückenberger ist Rechts- und Politikwissenschaftler und emeritierter Professor für Arbeits- und Sozialrecht am Fachbereich Sozialökonomie der Univer-sität Hamburg. Heute ist er Forschungs-professor im Zentrum für europäische Rechtspolitik der Uni Bremen.

Mückenberger ist unter anderem dafür bekannt, den Begriff Normalarbeitsver-hältnis geprägt zu haben.

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