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Foto: Andreas Gummerer

Interview mit Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele

"Wenn alle mitmachen, klappt es"

24.03.2016 Ι Welche Chancen haben Geflüchtete auf dem Arbeitsmarkt? Welche Rolle spielt die Sprache und: konkurieren sie mit Langzeitarbeitslosen? Wir haben mit dem neuen Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, gesprochen.

Welche Erwartungen haben Ihrer Meinung nach Geflüchtete an den deutschen Arbeitsmarkt?
Detlef Scheele: Die Menschen sind motiviert, schnell Arbeit zu finden. Sie wissen, dass das der Schlüssel für ihre Zukunft ist.

 

Wie realistisch ist es denn, dass die rund eine Millionen Geflüchteten hier einen Arbeitsplatz finden?
Da müssen wir realistisch bleiben: Wenn es gut läuft, werden im ersten Jahr nach der Einreise vielleicht 10 Prozent in Beschäftigung kommen können, nach 5 Jahren die Hälfte, nach 15 Jahren kann die Beschäftigungsquote auf bis zu 70 Prozent anwachsen.

 

Wie viele sind es dann genau?
Wir gehen davon aus, dass dem Arbeitsmarkt 2016 etwa 350?000 Erwerbsfähige zusätzlich zur Verfügung stehen. Aber bis sie Arbeit haben, werden einige Jahre ins Land gehen. Wir rechnen im Durchschnitt mit rund fünf Jahren bis zur Einmündung in eine Ausbildung.

 

Warum wird es denn für die meisten so lange dauern?
Es liegt nicht am Willen der Geflüchteten, der Arbeitgeber oder gar unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern. Im Gegenteil, alle Beteiligten tun ihr Bestes. Aber es gibt viele Gründe, die den Geflüchteten keinen direkten Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen.

 

Welche?
Die Menschen brauchen gute Deutschkenntnisse, um auf einem Arbeitsplatz zu bestehen. Bis man ein Sprachniveau erreicht, das eine Einarbeitung, die Teilnahme an der Berufsschule oder anderen Qualifikationen ermöglicht, dauert es unseren Erfahrungen nach mindestens acht Monate, eher länger.

 

Deutschkenntnisse hatten die Gastarbeiter in den 1960er-Jahren doch auch nicht, als sie zu uns kamen ...?
... eben und das war falsch. Damals waren es ungelernte Tätigkeiten, die gefragt waren. Diese Zeiten sind vorbei. Und: Von Helfertätigkeiten können Menschen heutzutage auf Dauer nicht gut leben.

 

Was halten Sie von der Idee des rechten CDU-Flügels, den Mindestlohn für Flüchtlinge zu senken?
Ich halte nichts von weiteren Ausnahmen.

 

Wie kann die Bundesagentur für Arbeit Flüchtlingen helfen, sich auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten?
Zunächst einmal wurden unsere finanziellen Mittel mit zusätzlichen 250 Millionen Euro kräftig aufgestockt. Wir haben 2800 zusätzliche Stellen geschaffen.  Damit sind wir auf die zusätzlichen 350?000 Arbeitssuchenden gut vorbereitet. Wir können es schaffen - aber nur gemeinsam mit allen Partnern.

 

Stimmt es, dass die Jobcenter über viel zu wenig Dolmetscher verfügen?
Wir suchen händeringend Dolmetscher. Unsere Kolleginnen und Kollegen in den Jobcentern müssen herausfinden, welche beruflichen Qualifikationen vorhanden sind. Oft gibt es keine Zeugnisse oder Dokumente. Doch selbst wenn Abschlüsse vorliegen, sind nicht alle Probleme gelöst. Ausbildungssysteme und Sozialsysteme sind in Syrien, Afghanistan oder im Irak völlig anders als bei uns. Auch wenn jemand viele Jahre im Irak erfolgreich als Schreiner gearbeitet hat, heißt das noch lange nicht, dass er hier mit einer modernen Holzbearbeitungsmaschine zurechtkommt. Deshalb pilotieren wir ab dem dritten Quartal bundesweit ein Kompetenzerfassungssystem.

 

Was ist das?
Hierbei sollen technologiebasierte Tests die berufsrelevanten Kompetenzen von unter anderem Geflüchteten feststellen. Die Ergebnisse geben Aufschluss über weiteren Qualifizierungsbedarf und helfen den Vermittlungsfachkräften die fachlichen Kompetenzen der Bewerberinnen und Bewerber besser einzuschätzen. Die Kompetenzfeststellung bleibt Sache der zuständigen Stellen.

 

Konkurrieren Flüchtlinge mit den Langzeitarbeitslosen eigentlich direkt um Jobs?
Nein. Das sind in der Regel völlig verschiedene Personengruppen. Niemand muss Konkurrenz fürchten. 350?000 zusätzliche Erwerbsfähige bei mehr als

31 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt - das sind zu wenig, um von Konkurrenz sprechen zu können.

 

Was halten Sie vom Vorschlag der IG Metall, ein Integrationsjahr einzuführen?
Wir finden diese Idee sehr gut und unterstützen sie. Die dafür notwendigen Programme sind ja bereits bei uns vorhanden.

 

Zum Beispiel?
Zum Beispiel der Eingliederungszuschuss oder das Programm zur Einstiegsqualifizierung von Jugendlichen. Mit diesen Programmen können Flüchtlinge Ausbildung und Einkommenserzielung miteinander verbinden. Auch die Bundesagentur für Arbeit setzt auf nachhaltige Qualifizierung. Das von der

IG Metall vorgeschlagene Integrationsjahr - also die Kombination von Arbeit und Lernen - kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Welche Rolle spielt die Gewerkschaft in den Betrieben?
Betriebsräte und Vertrauensleute sind sowohl für Flüchtlinge aber auch für Langzeitarbeitslose ein wichtiger Sozialpartner im Betrieb. Sie können die Integration im Betrieb begleiten und Arbeitsprozesse und Arbeitskultur erklären.

Was wünschen Sie sich für 2016?
Ich würde mich freuen, wenn wir am Ende des Jahres weiterhin weniger als drei Millionen Arbeitslose hätten.

 

Detlef Scheele, 59, ist seit Herbst neues Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. Davor war er in Hamburg Sozialsenator. Scheele, seit Jahrzehnten SPD-Mitglied, gilt als pragmatischer Realist, der klare Worte spricht.

 

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