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Arbeitsmarkt: Leiharbeit erwacht aus der Krise. Foto: Christoph Walloscheck / Frank Rumpenhorst

Arbeitsmarkt: Leiharbeit erwacht aus der Krise

Zwei Drittel der Arbeitsangebote kommen von Verleihern

04.05.2010 Ι Auch wenn es in vielen Betrieben zurzeit nicht so aussieht: Die Krise hat den Boom der Leiharbeit nicht beendet. Sie hat ihn nur unterbrochen - bis zum nächsten Aufschwung. Damit Leiharbeitnehmer nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, startet die IG Metall jetzt eine Initiative.
Die Liste, die der Computer ausspuckte, nahm kein Ende. Für Zerspanungsmechaniker hatte er im Umkreis von 100 Kilometern rund um das westfälische Hagen 135 Stellenangebote gefunden. Doch Christoph Walloscheck konnte sich nur kurz über die Zahl freuen. Nur drei Angebote kamen von Unternehmen, die tatsächlich produzieren. Der Rest stammte von Leiharbeitsfirmen.

Christoph Walloscheck ist einer von fast 200 Beschäftigten, die bei Hoesch Schwerter Profile im Frühjahr ihre Arbeit verloren hatten. Im Herbst wird der 28-Jährige Vater. Für ihn ist der Druck groß, etwas Neues zu finden. Doch vor Leiharbeit schreckt er noch zurück. "Was soll das für eine Sicherheit sein, wenn ich weniger verdiene, und jederzeit wieder auf der Straße stehen kann?"

Kaum zeigen sich erste Silberstreifen am Krisenhorizont, stehen die Arbeitskräftevermieter wieder in den Startlöchern. Im März freute sich die Branche bereits über ein erneutes Wachstum. Nach eigenen Angaben stieg die Zahl der Beschäftigten im Vergleich zu Dezember 2009 im Februar um 18 000 auf insgesamt 668 000. Mit der Krise war die Zahl der Leiharbeiter stark eingebrochen, nachdem sie im Sommer 2008 mit 820 000 Beschäftigten einen Höchststand erreicht hatte.

Unternehmen setzen auf "Mieten statt einstellen"
Die Krise hat der Branche nicht geschadet. Im Gegenteil: Wissenschaftler und Gewerkschafter schätzen, dass sie ihr einen zusätzlichen Schub geben wird. Denn aus Arbeitgebersicht war Leiharbeit gerade in dieser Zeit ein Riesenerfolg. In kleiner Runde nimmt da mancher kein Blatt vor den Mund und verkündet: "Das Flächenexperiment hat funktioniert. Leiharbeitnehmer sind wir in der Krise sofort losgeworden." In Zukunft dürften noch mehr Unternehmen auf das Prinzip "Mieten-statt-einstellen" setzen.

Daran ändern auch Reuebekenntnisse der Wirtschaft nichts. Rhetorik und Praxis fallen aus Sicht des Jenaer Wissenschaftlers Hajo Holst gerade weit auseinander. Öffentlich sei zwar viel vom Ende des Share-Holder-Value- Denkens und von langfristiger Verantwortung statt kurzfristigem Gewinnstreben die Rede. "In der Praxis schauen die Betriebe aber mehr denn je auf die Kosten: Die Krise hat das Kurzfristdenken verschärft."

Eigentum ohne Risiko
Kurzfristig können Unternehmen mit Leiharbeit Geld sparen. Sie schalten Tarifverträge aus und umgehen den Kündigungsschutz. Geliehene Arbeitskräfte können sie jederzeit vor die Tür setzen - ohne teure Kündigungsfristen und Abfindungen. "Eigentum und Risiko driften immer weiter auseinander" sagt Holst. Die Arbeitgeber behalten das Eigentum, die Leiharbeitnehmer tragen das unternehmerische Risiko. Kein under, dass das System Schule macht. Holst ist mit Schätzungen vorsichtig. Aber Studien aus den USA zeigen: Nach jeder Krise kletterte die Zahl der Leiharbeitnehmer ein Stück höher. "uch bei uns werden es nach der Kise deutlich mehr werden."

Mehr Leiharbeit heißt aber nicht mehr Arbeitsplätze. Gewerkschafter wie Franz-Peter Beckers von der IG Metall in Aachen beobachten schon jetzt, wie Leiharbeit reguläre Beschäftigung verdrängt. Ein Autozulieferer in seiner Region hatte im vergangenen Jahr 100 Leute entlassen. Die Auftragslage hat sich inzwischen gebessert. Doch statt wieder einzustellen, holte er 30 Leiharbeitnehmer.

Manchmal machen Arbeitgeber auch die eigenen Beschäftigten zu Leiharbeitnehmern. Beispiel Manuel Langer (Name geändert). Vor zwei Jahren fing der 25-Jährige bei einem Betrieb in Ostdeutschland an. Er bekam einen Jahresvertrag. Alles kein Problem, dachte der Mechatroniker. Schließlich hatte man ihm eine Festanstellung in Aussicht gestellt. Doch dann kam die Krise und sein Vertrag lief aus. Die Personalabteilung bot ihm keinen Neuen an. Aber als Leiharbeitnehmer könne er gerne bleiben, hieß es. Manuel ging zur Leiharbeitsfirma und fing wieder in seinem Betrieb an. Er macht noch immer die gleiche Arbeit, nur für 400 Euro netto weniger im Monat.

Missbrauch verhindern - IG Metall startet Initiative
Strukturelle Personalanpassung nennen das Arbeitgeber. Missbrauch von Leiharbeit nennt es der Zweite Vorsitzende der IG Metall Detlef Wetzel. Dabei sieht er vor allem die Politik am Zug. "Wenn der Gesetzgeber diesem Missbrauch durch bessere Regeln nicht wieder einen Riegel vorschiebt, wird sich der Trend verschärfen, und die Arbeitgeber werden immer mehr Stammbeschäftigte durch Leiharbeiter ersetzen." Schritt für Schritt hatte der Gesetzgeber in den letzten Jahren die Regeln für Leiharbeit aufgeweicht (siehe Zeitstrahl rechts). Inzwischen ist der Markt so gut wie freigegeben.

Ein Fortschritt wäre es aus Sicht der IG Metall bereits, wenn die Bundesregierung die EU-Richtlinie in nationales Recht umsetzen würde. "Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die EU-Staaten geeinigt haben", sagt Wetzel, "und selbst dahinter bleibt das deutsche Gesetz zurück." Verbesserungen verspricht sich die IG Metall vor allem bei den Beschäftigungsbedingungen. Dabei geht es um Forderungen wie "gleiche Bezahlung" und "Gleichbehandlung". Ebenso könnte die Überlassungsdauer wieder eingeschränkt werden. "Leiharbeit war nicht dazu gedacht, Betrieben billige Arbeitskräfte zu liefern. Sie darf für Unternehmen nur noch dann rentabel sein, wenn es wirklich darum geht, Auftragsspitzen abzudecken", sagt Wetzel. Ansonsten befürchtet er, dass Leiharbeit nach der Krise Stammbeschäftigte in großem Umfang verdrängen könnte. Damit dieses Szenario nicht Wirklichkeit wird, startet die IG Metall eine Initiative zur Leiharbeit unter der Überschrift "Gleiche Arbeit - Gleiches Geld". Unterstützt wird sie von den ehemaligen Arbeitsministern Herbert Ehrenberg, Norbert Blüm und Walter Riester.

Für die Zeit nach der Krise vorsorgen
Neben politischen Verbesserungen geht es dabei auch um die Lage in den Betrieben. In den letzten Jahren hat die IG Metall mehr als 500 Vereinbarungen mit Arbeitgebern abgeschlossen, die die Bedingungen für Leiharbeitnehmer in den Einsatzbetrieben verbesserten. Im Moment steht das Thema in vielen Betrieben angesichts Kurzarbeit und mangels Leiharbeiter oft nicht auf der Tagesordnung. Doch gerade jetzt kommt es für Wetzel darauf an, für die Zeit nach der Krise vorzusorgen.

Oft bietet die Krise auch die Chance, mit dem Arbeitgeber bessere Bedingungen auszuhandeln, wie das Beispiel der Volkswerft Stralsund zeigt. Als die Aufträge in den Keller gingen, verlangte der Arbeitgeber von der Belegschaft Verzicht bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Der Betriebsrat war einverstanden, erzählt der Vorsitzende Jürgen Kräplin, aber er stellte Bedingungen: Leiharbeiter dürfen bei der Volkswerft jetzt nur noch für ein halbes Jahr zum allgemeinen Leiharbeitstarif beschäftigt werden. Bleiben sie länger, muss der Arbeitgeber den Metalltarif zahlen. "Wir haben das auch zum Schutz unserer Stammbeschäftigten gemacht", sagt Kräplin. "Leiharbeit ist ein Dumpingwettbewerb, der auf Dauer die Arbeitsbedingungen aller verschlechert."


Leiharbeit erhöht Blutdruck der Stammbelegschaft

Denn Leiharbeit wirkt aus Arbeitgebersicht doppelt. Sie sparen nicht nur Kosten, weil sie den Kündigungsschutz umgehen. Sie wirkt auch disziplinierend auf Festangestellte. Der Jenaer Wissenschaftler Holst beschreibt das so: "Leiharbeit erhöht den Blutdruck der Stammbelegschaft." Aus Angst, selbst als Mietarbeitskraft zu enden, erhöhen Festangestellte die Taktzahl, mucken seltener auf und halten sich mit Forderungen zurück. Auch ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern sich.

Vor einer solchen Strategie kann Bernhard Vogel, Soziologe an der Universität Kassel, jedoch nur warnen. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen Ungleichheiten in einer Gesellschaft und Lebensqualität." Je größer die Ungleichheit, desto geringer die Lebensqualität mit allen bekannten Folgen. Kriminalität und Erkrankungen nehmen zu.

Besonders düster sieht es oft für junge Menschen aus. Sie trifft Leiharbeit doppelt so häufig wie den Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Statt beruflich durchzustarten, müssen sie sich von einem unsicheren Job zum nächsten hangeln. Was das heißt, weiß Manuel Langer nur zu gut. Er wünscht sich eine eigene Wohnung. Doch schon mit einem befristeten Arbeitsvertrag ging auf dem Wohnungsmarkt nicht viel. "Mit dem Vertrag als Leiharbeiter muss ich es gar nicht erst versuchen." Also lebt der 25-Jährige weiter bei seiner Mutter und wartet. "Ich hatte mich ein paar Stufen voran gearbeitet. Nun fange ich als Leiharbeiter wieder ganz unten an. Ich frage mich, wann es für mich endlich losgeht."

Denn Leiharbeit bietet noch nicht einmal kurzfristige Perspektiven. Mehr als die Hälfte aller Verträge enden vor Ablauf von drei Monaten, und 75 Prozent dauern weniger als sechs Monate. Auch ein Grund, warum sich Christoph Walloscheck mit Leiharbeit noch nicht abfinden will. Die Vorstellung, alle paar Wochen, in einem anderen Betrieb zu arbeiten, schreckt ab. "Zum Beruf gehört auch, dass man mit Kollegen gut zusammenarbeiten kann. Als Leiharbeitnehmer gehört man nie ganz dazu." Natürlich komme man auch als Festangestellter nicht mit jedem im Team zurecht, räumt er ein. "Aber das kann ich wenigstens einschätzen."

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Traurige Bilanz der Leiharbeit

1972
Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) tritt in Kraft. Es regelt erstmals das Dreiecksverhältnis zwischen Verleiher (Arbeitgeber), Leiharbeitnehmer und Entleiher (Kunde). Man geht davon aus, dass Betriebe Leiharbeiter nur bei saison- oder nachfragebedingten Produktionsspitzen oder als Urlaubs- oder Krankheitsvertretung anfordern. Die Überlassungsdauer ist daher auf drei Monate beschränkt. Das verhindert, dass Betriebe dauerhaft ihre Stammbeschäf- tigten durch Langzeit-Leiharbeitnehmer ersetzen.

1985
Die Überlassungsdauer darf jetzt maximal sechs Monate betragen. Ende des Jahres gibt es 46 000 Leiharbeitnehmer.

1994
Die Überlassungsdauer darf jetzt maximal neun Monate betragen. Ende des Jahres gibt es 146 000 Leiharbeitnehmer.

1997
Die Überlassungsdauer darf jetzt maximal zwölf Monate betragen. Und es gibt Änderungen beim Synchronisations- verbot. Dieses Verbot verhinderte bislang, dass eine Zeitarbeitsfirma einen Mitarbeiter nur "nach Bedarf" anstellt, also solange, wie der Kunde ihn braucht. Jetzt ist es möglich, dass eine Zeitarbeitsfirma einen Leiharbeitnehmer erst dann beschäftigt, wenn er weiß, dass ein Kunde ihn jetzt entleihen will.

2002
Die Überlassungsdauer darf jetzt maximal 24 Monate betragen. Ende des Jahres gibt es 308 000 Leiharbeitnehmer.

2003
Im Zuge der Hartz-Reformen müssen alle Agenturen für Arbeit sogenannte Personalserviceagenturen (PSA) einrichten. Damit fördert der Staat das Leiharbeitsprinzip, zusätzlich zu den Zeitarbeitsfirmen auf dem freien Markt. Grundlage ist Hartz I: "Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt". Weitere Folge der Hartz-Reformen: Das Synchronisationsverbot entfällt nun komplett, ebenso jegliche Befristung der Überlassung.

2006
Laut DGB verdienen Leiharbeitnehmer 29 Prozent weniger als ihre fest angestellten Kolleginnen und Kollegen. Das Entgelt liegt mit durchschnittlich 1550 Euro sogar unter dem von 1999 mit durchschnittlich 1668 Euro.

2008
Es gibt über 25 000 Zeitarbeitsfirmen mit etwa 760 000 Leiharbeitnehmern (Jahresdurchschnitt). Das sind etwa 2,2 Prozent aller Erwerbstätigen. Die Anzahl hat sich seit 2002 mehr als verdoppelt. Drei Prozent aller deutschen Betriebe leihen sich Beschäftigte aus. Durch Probezeiten und befristete Arbeitsverträge ist das Prinzip "Heuern und feuern" in der Leiharbeitsbranche besonders ausgeprägt: 50 Prozent aller Verträge dauern maximal drei Monate, und 75 Prozent maximal sechs Monate.
Leiharbeit fair gestalten.
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Für alle Fragen rund um die Leiharbeit hat die IG Metall für Leiharbeitnehmer, die Mitglied sind, eine Hotline eingerichtet. Unter 0800 - 4463488 können sie sich kostenfrei beraten lassen.

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