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BjörnVolkmann. Foto: Cordula Kropke

Arbeitsbedingungen in der Windenergie-Branche

Es fehlt nur ein Tarifvertrag

21.07.2011 Ι Windenergie ist sauber, modern und hat Zukunft. Doch Mitbestimmung und Tarifverträge meiden viele in der Branche wie der Teufel das Weihwasser. Die Firma Repower bildet da keine Ausnahme. Doch wer hier arbeitet, hat mehr verdient.

Klack, der Karabiner schnappt am Geländer ein. Ritsch, der Sicherheitshaken rutscht in die Schiene. Klack, klack, der Karabiner hängt wieder am Gurt. In den Handgriffen von Björn Volkmann (Bild rechts) und Krzystof Syska (Bild links) arbeitet die Routine von ungezählten Aufstiegen. Nichts klemmt, nichts hakt, das Team läuft rund wie eine gut geölte Maschine.

In 120 Meter Höhe
Der Maschinenbaumechaniker und der Elektriker sind auf dem Weg zur Arbeit: rauf auf die Windmühle M5, 120 Meter über dem Erdboden, einen Steinwurf vom Atomkraftwerk Brunsbüttel entfernt. Vor dem Aufstieg haben sie ihre Kletterausrüstung angelegt. Mit 15Kilo Zusatzgewicht steigen sie zwei Metallleitern hoch. Dann geht es im Aufzug weiter. In der freischwingenden Kabine ist die Luft stickig. Eine dünne Schweißschicht legt sich auf die Gesichter. Noch zwei Leitern. Schließlich schieben sie sich durch eine schmale Luke und tauchen im Bauch der Windmühle wieder auf. Es bläst kein Wind. Der Wetterbericht hat Gewitter angekündigt. Die Luft drückt und die Sonne sticht vom Himmel herab. Doch für Björn und Krzystof gibt es an ihrem Arbeitsplatz sowieso nur zwei Wetterlagen:  warm oder heiß.

Björn Volkmann (r.) und Krzystof Syska. Foto: Cordula KropkeAn diesem Vormittag ist es bereits mollig warm in der Gondel. "ImSommer kann es hier bis zu 60 Grad werden", sagt Björn. "Ich kann zwar das Dach öffnen. Aber dann stehe ich in der prallen Sonne. Ein Lüftchen geht hier nie." Dennoch: Ihre Arbeit beim Windmaschinenhersteller Repower gefällt ihnen, und sie hat Zukunft, wie der Blick über das flache Land zeigt. Nichts als grüne Wiesen, braun-weiße Kühe und - Windmühlen. Ein Stück flussaufwärts zeichnet sich die Silhouette des Atomkraftwerks Brokdorf ab. Dort hat Björn mal gearbeitet. "Bei der Arbeit hatte ich immer ein mulmiges Gefühl. Nee, das war nichts. Das hier ist meine Welt", sagt Björn und nickt in Richtung Rotor. Doch die Windenergie-Idylle trügt. Wie viele Hersteller knappst auch Repower beim Geld.

Unmut bei der Bezahlung
Während die Branche wächst, gehen viele Beschäftigte mit kleinem Geld nach Hause. Seit 2005 beobachtet Björn eine Lohnpolitik auf dem Rücken der Beschäftigten. "Ich gehöre noch zu denen, die relativ gut bezahlt werden, weil ich schon 1999 angefangen habe", erzählt Björn. "Neue kriegen nur noch 12,50 Euro pro Stunde." Für Unmut sorgt bei Repower auch die Bezahlung der Bereitschaftsdienste: Während die Mechaniker und Elektriker auf die Mühlen rauf müssen, sitzen die Bereichsleiter für Rückfragen am Telefon. "Unsere Vorgesetzten bekommen für eine Woche Bereitschaft 350 Euro, und wir nur 128 Euro. Das ist ein Witz." Über den die Kollegen gar nicht lachen können. Denn während der Bereitschaft fällt das Familienleben meist flach. "Das will keiner mehr machen", sagt Björn, während er mit dem Repower-Transporter über einen Feldweg ruckelt. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf.

Da waren es plötzlich 22
Mit seinem Arbeitgeber ficht Björn, der seit Mai Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats ist, derzeit manchen Strauß aus. Das fing schon mit der Betriebsratswahl an. Vor einem Jahr gliederte Repower den Service- und Wartungsbereich aus, in dem Björn und Krzystof arbeiten. Am liebsten hätte die Geschäftsleitung gar keinen Betriebsrat gehabt. Doch an der IG Metall kam sie nicht vorbei. Also bot sie an, einen neunköpfigen Betriebsrat am Hauptsitz in Hamburg zu wählen. "Aber die Probleme haben wir hier im Feld", sagt Björn. "Nicht in Hamburg." Die Lösung fanden Michael Lichel vom Organizer-Team der IG Metall und Kai Petersen von der Verwaltungsstelle in Rendsburg im Betriebsverfassungsgesetz. Das erlaubt jedem Standort, einen eigenen Betriebsrat zu wählen.

Montage Windkraftanlage. Foto: Cordula KropkeNachgelesen und getan.
Michael und andere Kollegen warben überall für die Wahl zum Betriebsrat und überzeugten mehr als die Hälfte der 220 Beschäftigten, in die IG Metall einzutreten. "Innerhalb von nur vier Wochen haben wir an 14 Standorten 22 Betriebsräte gewählt." Die neu gewählten Vertreter haben sich gleich ein erstes Ziel gesteckt. "Wir brauchen einen Tarifvertrag. Das ist das Wichtigste. Alles andere sind im Moment Kinkerlitzchen." Repower lehnt tarifliche Regelungen bisher allerdings ab. Ohne Tarifvertrag sei man flexibler. "Das sehen viele Kollegen ganz anders. Für sie sind die Eingruppierungen oft nicht nachvollziehbar und ungerecht. Dabei hatte Repower das versprochen." 

Einen Tarifvertrag bekommt man nicht geschenkt. Deshalb suchen Björn und Michael Mitstreiter. Ein paar Kilometer weiter im Inland baut ein Team von Repower neue Windmühlen auf. Der Einsatzleiter Simon Langefeld steht auf dem Schotterweg vor einem Container und schaut nach den dunklen Wolken. Michael begrüßt ihn mit Handschlag. Ob er über das neue Entgeltsystem Bescheid wisse, fragt er. "Nur wenig", sagt Simon. Zwei Power-Point-Präsentationen hat er bislang gesehen. Heute wäre eine Info-Veranstaltung gewesen. "Aber ich habe den Kran hier stehen. Der kostet Geld. Da kann ich nicht einfach weg."

Ich bin dabei
Was das neue System für ihn bedeutet, weiß er nicht genau. "Das kann ich dir sagen", antwortet Michael und holt ein Flugblatt heraus. Er drückt Simon noch einen Anstecker in die Hand. Im Großen und Ganzen kann sich der 33-Jährige über seine Arbeit nicht beklagen. Er kommt viel rum, war schon in der Mongolei und den USA. Als er im März Vater wurde, konnte er sechs Wochen zu Hause bleiben. Komisch werden sie nur, wenn's ums Geld geht.

"Wir können gerne mal einen Eingruppierungs-Check bei dir machen", schlägt Michael vor. Simon nickt: "Ja, gerne." Der Himmel wird immer dunkler. Simon wirft einen Blick auf den Wetterberichtund ruft seine Leute vom Turm. Das Gewitter kommt. Der Kran lässt ein tonnenschweres Turmstück wieder zu Boden sinken. Der Trupp packt zusammen und geht zu den Containern. Am Himmel kracht und blitzt es. Simon steht am Container. An seinem T-Shirt hängt Michaels Anstecker: "Tarifvertrag. Ich bin dabei."

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Tarif nur für einen Bruchteil
Die Windmaschinenhersteller sind eine junge und schnell wachsende Branche. Doch mit demokratischen Strukturen wie Mitbestimmung haben die meisten nichts am Hut. Von den etwa 30000 Beschäftigten unterliegen nur rund 2000 der Tarifbindung. Hohe Arbeitsbelastung und Überstunden sind ebenfalls an der Tagesordnung.
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