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Stahl: Tarifbindung für Werkvertragsfirmen; Foto: Karsten Schöne

Stahl: Tarifbindung für Werkvertragsfirmen

Schnell noch mal 'ne Schicht dranhängen

03.07.2014 Ι Unzuverlässige Schichtpläne, schlechte Bezahlung und fehlende Mitbestimmung: Die Arbeit bei Werkvertragsfirmen ist oft kein Zuckerschlecken. Gut, wenn Betriebsräte Missstände angehen und sich engagieren.
Schon vor Jahrzehnten lagerte die Salzgitter AG die sogenannte Brammenadjustage auf ihrer Hütte an zwei konkurrierende Werkvertragsfirmen aus. Bei der Brammenadjustage wird die Oberfläche der Stahlblöcke nachbearbeitet und geschliffen. Die Beschäftigten der Werkvertragsfirmen litten unter unzuverlässigen Schichtplänen, schlechter Bezahlung und fehlender Mitbestimmung. Nach aufreibenden Auseinandersetzungen haben beide Firmen heute Betriebsräte und einen Tarifvertrag. "Das ging nur, weil die IG Metall uns dabei zur Seite stand", sind sich die Betriebsräte der Werkvertragsfirmen sicher. Für viele ihrer Kollegen ein gutes Argument, in die Gewerkschaft einzutreten.

Keine Sicherheitskultur

Senol Coskun arbeitet seit 20 Jahren auf der Hütte der Salzgitter AG, aber zur Stammbelegschaft gehört er nicht. Coskun ist bei der Adjustage Service GmbH (AS) beschäftigt, einer von zwei Werkvertragsfirmen, die schon vor Jahrzehnten die Brammenadjustage der Salzgitter AG übernahmen. Als er seine Stelle 1994 antrat, arbeiteten dort hauptsächlich Mitarbeiter türkischer Abstammung wie er. Einen Betriebsrat gab es nicht, aber viele Probleme.

"Arbeits- und Ruhezeiten wurden nicht eingehalten, die Schichten kreuz und quer gelegt", erinnert sich Coskun. Es war üblich, dass die Kollegen spontan Schichten dranhängen mussten, obwohl ihnen freie Tage zustanden. Auch mit der Arbeitssicherheit und dem Gesundheitsschutz nahm man es nicht so genau. Beim Flämmen der chromnickel- oder schwefelhaltigen Stähle stand stets ein solcher Dunst in der Halle, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Spezielle Atemschutzmasken und nötige Absaugvorrichtungen, die bei der Bearbeitung dieser Stähle notwendig waren, schaffte der Arbeitgeber nicht an. " Es gab überhaupt keine Sicherheitskultur" , sagt Coskun.

Schlechte Entlohnung

Ähnlich schlechte Bedingungen hatten in dieser Zeit die Kollegen vom BSF Stahlservice. Die Firma ist ebenfalls langjähriger Werkvertragsnehmer im Stahlwerk. Sie flämmt in einer anderen Halle Brammen. BSF und AS sind Konkurrenzfirmen und übernehmen ähnliche Aufgaben in den Betrieben der Salzgitter AG. In den 90er-Jahren gab es dort für beide immer mehr zu tun, und ihre Belegschaften wuchsen schnell, aber die Arbeitsbedingungen waren ungeordnet und die Entlohnung schlecht.

Bei BSF begehrten die Beschäftigten als erste dagegen auf. Sie gründeten 1993 einen Betriebsrat und traten in einen Warnstreik, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Auch die Mitarbeiter der AS wählten kurz darauf eine Arbeitnehmervertretung. Wichtige Impulsgeber und kompetente Berater für die Beschäftigten der beiden Werkvertragsfirmen sind seit dieser Zeit die Gewerkschafter in der IG Metall Salzgitter-Peine und die IG-Metall- Vertrauensleute und Betriebsräte der Salzgitter-AG-Betriebe.

Sich gegenseitig stützen

"Es gab damals auch Proteste aus der Stammbelegschaft gegen die Arbeitsbedingungen in den Fremdfirmen, deren Leute ja ganz in der Nähe der Stammbeschäftigten arbeiteten", sagt Matthias Wilhelm, zweiter Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Salzgitter-Peine. "Es gehört hier zur Kultur auf der Hütte, dass man sich gegenseitig unterstützt - auch über die Grenzen des eigenen Betriebes hinaus."

Senol Coskun war 1997 Mitbegründer des Betriebsrats der AS Salzgitter und ist heute der Betriebsratsvorsitzende. "Am Anfang konnte unser Chef nicht begreifen, warum sich jetzt irgendwelche Mitarbeiter in seine Sachen einmischen wollten. Das kannte er nicht", erinnert er sich. "Es gab heftige Diskussionen. Er hat die Betriebsratswahlen angefochten und unsere Betriebsratskosten und Fahrgelder zwei Jahre lang nicht bezahlt. Es gab das volle Programm, bis man sich in der Mitte gefunden hatte." Die Tarifbindung ist heute für die AS Salzgitter und BSF Stahlservice erreicht; ihre Tarife ähneln dem Branchentarifvertrag der Metall- und der Elektroindustrie. Mithilfe der IG Metall wurde ein sehr gutes Prämiensystem ausgehandelt.

Guter Rat ist gefragt

"Nur gemeinsam sind wir stark und können Leute organisieren. Allein kann man das nicht schaffen", sagt Betriebsrat Murat Hidir Yalcinkaya. Genauso wie die BSF Stahlservice gilt auch der Betriebsrat der AS Salzgitter für Belegschaften anderer Werkvertragsfirmen auf der Hütte als Vorreiter in Sachen Mitbestimmung und Tarifvertragsbindung.

Senol Coskuns Rat ist gefragt. "Ich sage immer: Geht erst mal zur IG Metall, macht keinen Alleingang", betont Coskun. "Es gab hier nämlich Firmen, aus denen Kollegen rausgeflogen sind, als sie auf eigene Faust versucht haben, einen Betriebsrat zu gründen." Für Matthias Wilhelm ist die Marschroute für Fremdbetriebe ohne Betriebsrat klar: "Keine Alleingänge machen, sich im Betrieb zusammenschließen, den Kontakt zur IG Metall und den Schutz der Arbeitnehmer aus den auftraggebenden Firmen suchen."

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Was ist ein Werkvertrag?

Ein Werkvertrag ist ein Vertrag, bei dem sich der Auftragnehmer (Hersteller) ver-pflichtet, ein Werk gegen Zahlung (Werk-lohn) durch den Auftraggeber (Besteller) herzustellen. Im Werkvertrag wird die Arbeit nach dem Ergebnis beurteilt und nicht nach dem Aufwand der geleisteten Arbeit.

Werkverträge können von natürlichen Personen (Werkvertragsnehmern) und von juristischen Personen (Unternehmen) geschlossen werden. Die meisten Solo-Selbstständigen erbringen ihre Leis-tungen auf Grundlage von Werkver-trägen, besonders im IT- und Medien-bereich. Vergibt ein Betrieb Werkverträge an andere Unternehmen, ist das eine Auslagerung der Tätigkeit an eine Fremd-firma. Diese lässt die Arbeiten entweder durch ihre eigenen Beschäftigten durch-führen oder beauftragt Subunternehmer damit.

Ein Werkvertrag dient also dazu, einen Teil der Tätigkeiten eines Unternehmens an eine Person oder einen anderen Betrieb auszulagern.

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