Sinkende Ausbildungszahlen
Industrie spart am Nachwuchs – IG Metall fordert Kurswechsel

Immer weniger Ausbildungsplätze, immer mehr suchende Jugendliche: Die IG Metall warnt vor einem gefährlichen Abwärtstrend in der Industrie – und zeigt, wo Ausbildung noch gerettet werden kann. Ein Blick in den Osten zeigt, wie Betriebe Ausbildung systematisch zurückfahren.

5. März 20265. 3. 2026


Die Lage am Ausbildungsmarkt spitzt sich weiter zu. Während tausende Jugendliche einen Ausbildungsplatz suchen, fährt die Industrie die Ausbildung in den Betrieben weiter zurück. Das zeigt die „IG Metall-Ausbildungsbilanz 2025“. Besonders in den industriellen Kernbranchen – Metall und Elektro, Fahrzeugbau, Maschinenbau – sind die Vertragszahlen eingebrochen. Die IG Metall warnt vor dramatischen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.

„Die Jugendlichen sind motiviert. Doch die Industrie unterbietet ihr ohnehin niedriges Ausbildungsniveau erneut und sägt damit ideenlos am eigenen Ast“, kritisiert Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.
 

Grafik: Um so viel Prozent ist die Zahl der Ausbildungsplätze bis 2025 geschrumpft

 

Industrielle Kernberufe: Minus 9,1 Prozent innerhalb eines Jahres

In den klassischen Metall- und Elektroberufen schlossen Unternehmen 2025 nur noch 25 800 Ausbildungsverträge ab - 9,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Im Vergleich zu 2019 ist das ein Rückgang um fast ein Fünftel. Besonders betroffen sind der Maschinenbau sowie die Metall- und Elektroindustrie mitsamt der Fahrzeugbauer und Zulieferer. Auch in den IT-Berufen schlossen die Unternehmen 14,3 Prozent weniger Verträge mit den Jugendlichen als noch im Jahr 2024. Handwerks-Berufe verzeichneten ein Minus von 3 Prozent.

Bundesweit und über alle Branchen hinweg stieg 2025 die Nachfrage von Jugendlichen nach einer dualen Berufsausbildung um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr leicht an. Das Angebot an Ausbildungsstellen ging jedoch um 4,6 Prozent zurück. 2025 waren 84 400 Jugendliche noch auf der Suche: 40 000 unversorgte Bewerber und Bewerberinnen erhielten keinen Ausbildungsvertrag. Weitere 44 000 Jugendliche suchten weiterhin ihren Wunschausbildungsplatz, während sie etwa jobben oder einen alternativen Azubi-Platz als zweite Wahl annehmen mussten.

 

Grafik: Seit 2024 deutlich mehr unversorgte Ausbildungsplätze als unbesetzte Stellen.

 

Einordnungen aus Berlin-Brandenburg-Sachsen

Dass Ausbildung keine Selbstverständlichkeit mehr ist, spürt Jakob Heidenreich, Bezirksjugendsekretär der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, in seinem Alltag deutlich. Er berichtet von einem bundesweiten Trend: „Immer mehr Betriebe setzen auf Werkstudierende. Gleichzeitig verschwinden Ausbildungsplätze – besonders in der Industrie.“

Beispielhaft ist der Fall eines Berliner Siemens-Energy-Standorts: Nach der Ausgründung und Pandemie-Einbrüchen stellte der Betrieb zunächst nur acht Auszubildende ein – trotz voller Auftragsbücher und überalterter Belegschaft. Mit Unterstützung der IG Metall und der Ausbildungsvertretung des Standorts wurden daraus schließlich rund 80 Plätze – viele davon dual Studierende, aber ein klarer Ausbau der Nachwuchsqualifizierung.


IG Metall verhindert Ausbildungsabbau

Noch deutlicher zeigt sich die Rolle der Gewerkschaft in einem Automobilbetrieb, der komplett geschlossen werden sollte. „Das erste Anzeichen war der komplette Abbau der Ausbildung – da gingen bei uns sofort die Alarmglocken an“, sagt Heidenreich.

In den Verhandlungen über ein Zukunftsbild setzte die IG Metall durch, dass die jährlich 20 Ausbildungsplätze erhalten bleiben. Für den Betriebsrat ist klar: Die Zahlen sollen künftig sogar steigen.


Das andere Extrem: Betriebe schaffen Ausbildung komplett ab

Ein weiteres Beispiel aus Berlin zeigt die Gegenbewegung: Ein Unternehmen stellte die Ausbildung vollständig ein und übertrug viele Aufgaben der Auszubildenden auf Werkstudierende. Die Jugend- und Ausbildungsvertretung (JAV) protestierte gemeinsam mit der IG Metall – auch mit Unterstützung ehemaliger Auszubildender, die von dem Unternehmen übernommen wurden.

Dabei ist die Situation der Ausbildung in der Hauptstadt ohnehin schon dramatisch. „In Berlin bilden nur elf Prozent der Betriebe aus – bundesweites Schlusslicht. Jeder verlorene Ausbildungsplatz schmerzt“, betont Heidenreich.


IG Metall fordert Ausbildungsabgabe – und sieht Berlin vor entscheidender Weiche

Um die negative Entwicklung zu stoppen, fordert die IG Metall eine gesetzliche Umlagefinanzierung: Betriebe, die nicht ausbilden, sollen die Kosten derjenigen mittragen, die ausbilden wollen. AAußerdem kann durch den Fonds mehr Geld eingesetzt werden, um die Qualität rund um die Ausbildung zu verbessern. In Bremen ist ein Gesetz mit entsprechenden Regelungen bereits 2025 in Kraft getreten.

Jetzt könnte dieses Modell zeitnah auch in Berlin Realität werden. Die frühere Koalition leitete bereits ein Gesetzgebungsverfahren ein. Das aktuelle „Bündnis für Ausbildung“ sollte 2000 zusätzliche Plätze schaffen. Heidenreich: „Es fehlen noch rund 1300 Verträge, um das Ziel zu erreichen.“ Wird die Zahl verfehlt, soll das Gesetz zur Ausbildungsumlage eingeführt werden. Die erste Lesung hat das Gesetz bereits im Landesparlament hinter sich gebracht, am 20. März wird sich zeigen, ob das Gesetz kommt. „Wir rechnen fest damit.“


Warum jetzt gehandelt werden muss

Urban warnt: „Deutschland steht an einem Wendepunkt. Entweder wir sichern die industrielle Wertschöpfung durch starke Ausbildung – oder wir verlieren Kompetenzen, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Stabilität.“

Der Befund ist eindeutig:

  • Die Nachfrage der Jugendlichen steigt (+ 0,7 Prozent)
  • Das Ausbildungsangebot sinkt (- 4,6 Prozent)
  • 84 400 junge Menschen suchen weiter – 40 000 davon sind komplett unversorgt
  • Rund 2,9 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren haben keinen Berufsabschluss

Die IG Metall fordert daher:

  • Eine bundesweite gesetzliche Ausbildungsumlage
  • Bessere Berufsorientierung und Jugendberufsagenturen in allen Regionen
  • Individuelle Förderung für Jugendliche mit Unterstützungsbedarf
  • Unternehmen müssen Ausbildung als Chance begreifen, nicht als Kostenfaktor

Auch den Betrieben sollte es daran gelegen sein, Ausbildungsplätze zu schaffen und ihre Qualität zu sichern. „Um die Transformation der Industrie zu bewältigen, braucht man Menschen. Und niemand ist qualifizierter als die, die man selbst ausgebildet hat“, fasst es Jugendsekretär Heidenreich zusammen. Die Richtung ist klar: Investitionen in Ausbildung sind Investitionen in die Zukunft – für Betriebe, für Beschäftigte und für eine starke industrielle Basis in Deutschland.

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