Raus. Klaus Dieter K. ist arbeitslos, mit 63 Jahren. Er bekam eine Abfindung von gerade einmal 34.000 Euro – nach 25 Jahren als Maschinenbediener beim Industrie-Reißverschlusshersteller Opti in Rhauderfehn in Ostfriesland.
Ende 2023 hat der Finanzinvestor Aequita Opti in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gekauft: vier Standorte für gerade mal eine Million Dollar – ohne jegliche Information des Betriebsrats und der Beschäftigten. Seitdem haben 65 von 160 Beschäftigten ihre Arbeit verloren.
„Am Anfang haben die uns das Blaue vom Himmel herunter versprochen, große Investitionen“, erinnert sich Klaus Dieter. „Und plötzlich hieß es, es wäre kein Geld da. Dabei macht Aequita Milliardenumsätze mit seinen Unternehmen. Die haben einfach nur Geld bei uns rausgezogen und Leute rausgeworfen.“
Dass sie überhaupt noch Abfindungen bekommen haben, war nur durch den gemeinsamen Kampf von Beschäftigten, Betriebsrat und IG Metall möglich, durch ihre Demonstrationen vor dem Werk, in der Stadt, ihre Klagen vor Gericht. Auch Klaus Dieter klagte mithilfe der IG Metall gegen seine Kündigung.
Opti Rhauderfehn: Entlassungen nach 50 Tagen
„Am Anfang haben sie uns erzählt, sie hätten Kontakte zu Kunden. Doch sie haben sogar bestehende Kunden noch vertrieben, indem sie die Preise massiv erhöht haben“, ärgert sich der Betriebsratsvorsitzende Marcel Tauber. „Und von dem versprochenen Konzept für die Zukunft kam gar nichts – nur Personalabbau.“
Bereits 50 Tage nach dem Kauf kündigt Aequita die ersten Entlassungen an, unter Missachtung der Mitbestimmung des Betriebsrats. Die Beschäftigten wehren sich gemeinsam mit der IG Metall und setzen nach mehreren Monaten Kampf einen Sozialplan und einen Ergänzungstarifvertrag zur Sicherung des Standorts durch. Dafür verzichten sie auf Urlaubsgeld und einen Teil des Weihnachtsgelds.
Doch Aequita hält sich nicht an die Verträge, kündigt nur wenige Wochen später weitere Entlassungen an, ohne Abfindungen. Sie transportieren über Nacht Maschinen ab, drohen mit Insolvenz.

Plakat der Beschäftigten von Opti Rhauderfehn für ihren Betriebsrat
Milliarden-Konzern – aber „kein Geld“ für einen Sozialplan bei Opti
Das Problem: Aequita hat zwar Milliarden, doch das Geld der Konzernmutter zählt nach deutschem Recht nicht als Masse etwa für einen Sozialplan und Abfindungen. Dafür zählt nur das Geld, das im Tochterunternehmen selbst steckt. Und das saugt Aequita auch noch heraus, über die Gehälter für die Geschäftsführer – drei verschiedene in zwei Jahren – und überteuerte IT-Dienstleistungen. Und dann sagen sie: Wir haben kein Geld für einen Sozialplan.
Konkrete Zahlen jedoch rücken die Geschäftsführer nie heraus. Zukunftskonzepte von Betriebsrat und IG Metall mit Alternativprodukten wischen sie vom Tisch. „Wir haben dazu eine Videokonferenz mit dem niedersächsischen Wirtschaftsminister Olaf Lies organisiert“, berichtet Thomas Gelder, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Leer-Papenburg. „Der Geschäftsführer hat die Kamera ausgelassen und immer nur wiederholt: Wir brauchen Geld. Garantien für Arbeitsplätze wollte er nicht geben. Der Minister meinte, eine solche Unverschämtheit hätte er noch nie erlebt.“
Mittlerweile hat Aequita den Betrieb schon wieder an den nächsten Finanzinvestor namens Accursia Capital verkauft – erneut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion und ohne jede Information und Mitbestimmung durch den Betriebsrat.
Bosch Gießerei Lollar: knallharte Abwicklung
Aus. Seit dem 1. Januar 2026 ist die Gießerei von Bosch – ehemals Buderus – im mittelhessischen Lollar geschlossen. Die Maschinen werden gerade verkauft. 243 Beschäftigte haben hier zuletzt Bremsscheiben hergestellt.
Im Februar 2024 werden sie von Bosch gemeinsam mit der Breyden-Gießerei im 50 Kilometer entfernten Breidenbach an Aequita „verkauft“ – heißt es offiziell. Doch tatsächlich zahlt Bosch nach Recherchen der IG Metall einen dreistelligen Millionenbetrag an Aequita.
Aufträge aus der Autoindustrie wollen die Aequita-Manager an Land ziehen, versprechen sie. Zudem soll ein „Kompetenzzentrum“ am Standort Lollar entstehen. Bis Ende 2026 werde es keine Einschnitte geben.
Doch schon im Sommer 2024 sollen 140 Beschäftigte entlassen werden – „wegen Auftragsflaute“, heißt es. Vorschläge des Betriebsrats, etwa komplette Bremssysteme anzubieten, ignoriert das Management.
„Wir haben von Anfang an gesagt, dass das Konzept des Aequita-Managements – Beschichtung in Lollar, Bearbeitung in Breydenbach – wegen des langen Transports nicht funktionieren kann“, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Klaus Fischer, der 40 Jahre lang in der Gießerei gearbeitet hat, davon 20 Jahre lang in der Konstruktion für Gussteile. „Die Manager hatten überhaupt keine Gießereierfahrung – haben aber behauptet, der Betriebsrat hätte keine Ahnung.“
Parallel kauft Aequita andere Gießereien, verlagert Aufträge – und bereitet den Abtransport der Maschinen vor. Ab Sommer 2025 produziert die Gießerei in Lollar nur noch auf Halde.
Am 11. September 2025 lässt Aequita die Bombe platzen – und verkündet per Pressemitteilung die Schließung bis Ende 2025, trotz Standortgarantie bis Ende 2026. Die Beschäftigten und der Betriebsrat erfahren es aus den Medien. Dabei haben von der IG Metall hinzugezogene Berater gerade erst die Arbeit aufgenommen. „Die haben uns eiskalt hintergangen“, kritisiert Stefan Sachs, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Mittelhessen und Verhandlungsführer bei Aequita.

Beschäftigte tragen ihre Gießerei (Breyden, ehemals Bosch, ehemals Buderus) in Lollar zu Grabe.
Betriebsrat und IG Metall organisieren Proteste und Demonstrationen – und erkämpfen damit Verhandlungen über einen Sozialplan. Sie erreichen Abfindungen von bis zu 115.000 Euro – Aequita hatte lediglich 42.000 angeboten. Außerdem 12 Monate Transfergesellschaft, in der die Beschäftigten zu 80 Prozent ihres letzten Nettogehalts qualifiziert und weitervermittelt werden, finanziert aus einem Bruchteil der Millionen, die Bosch bereitgestellt hat.
„Bosch hat Aequita einen dreistelligen Millionenbetrag in die Hand gedrückt, damit die uns dann abwickeln“, ärgert sich Klaus Fischer. Er warnt Metallerinnen und Metaller in anderen Betrieben, bei Käufern wie Aequita sofort Widerstand zu leisten. Nie wieder darf ein Hersteller sich so aus der Verantwortung stehlen.
Aequita „kauft“ Durkopp – und bekommt ein hohes Handgeld obendrauf
Auch beim Wälzlagerhersteller Durkopp in Halle (Westfalen) wirft der Verkäufer Aequita noch Geld hinterher: Beim Verkauf seines europäischen Nadellager-Geschäfts mit vier Standorten im August 2025 legt der japanische JTEKT-Konzern ein hohes Handgeld obendrauf.
Immerhin: Der Betriebsrat ist vorbereitet. „Wir waren darüber informiert, wie sie bei Opti agiert haben“, berichtet IG Metall-Sekretär Jens Engelbrecht. „Sie sind knallhart, fahren Arbeitsrecht auf Kante, missachten Mitbestimmung, sie probieren es einfach.“
Auch bei Durkopp kündigt Aequita trotz der satten Mitgift schon nach wenigen Wochen kurz vor Weihnachten die Kündigung von 250 der 550 Beschäftigten an – und das ohne jeglichen Überblick über Arbeitsorganisation und Personalbedarf. Kurzarbeit zu verlängern lehnen die Manager ab. Als Abfindung bieten sie im Freiwilligenprogramm 0,4 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr an und für alle anderen gerade mal 0,2.
Und sie drohen: „Jeder zweite Satz des Geschäftsführers enthielt das Wort ‚Insolvenz‘“, berichtet der Betriebsratsvorsitzende Thorsten Neermann. „Aber wir haben uns nicht einschüchtern lassen. Wenn, dann hätten sie es längst gemacht.“
„Am wichtigsten war, dass wir zusammengehalten haben“
Nach massiven Verhandlungen können Beschäftigte, Betriebsrat und IG Metall die Zahl der Kündigungen auf 176 drücken, ein Freiwilligenprogramm und einen Sozialplan durchsetzen, inklusive Abfindungen von bis zu 115.000 Euro und einer Transfergesellschaft für bis zu 12 Monate.
Am wichtigsten war aus Sicht der Betriebsräte, dass sie sich nicht spalten und einzeln zu Absprachen außerhalb der Verhandlungen haben verleiten lassen, sondern zusammengehalten haben.
„Wir sind in all der Zeit viel durch den Betrieb gelaufen, durch jeden Pausenraum, haben das Freiwilligenprogramm und die Sozialauswahl erklärt“, berichtet Thorsten Neermann. „Und einige haben uns gelobt – und dass ihre Anwälte schon gesagt hätten, wir hätten als Betriebsräte einen richtig guten Job gemacht.“
Ganz wichtig: Durkopp bleibt tarifgebunden. Und immerhin scheinen die Aequita-Manager bei Durkopp doch einen Plan für die Zukunft zu haben. Es fließen bereits kleine Investitionen.
„Sie sind dabei, Türklinken zu putzen und Geschäft heranzuholen“, meint Thorsten Neermann. „Das sind schon fähige Leute im Management. Wir hoffen, dass sie sich auch durchsetzen.“
SMAG Salzgitter: Es geht auch ohne Kahlschlag
Hauptsache Geld machen. Wenn das ohne Kahlschlag geht, kann Aequita auch anders. Anfang 2024 stieg Aequita bei der Salzgitter Maschinenbau AG (SMAG) ein. Die SMAG wurde 2014 vom vorherigen Eigentümer schon in zwei Unternehmen (PSLT & SMAM) aufgeteilt. Beim Verkaufsprozess im Jahr 2023 war die Aequita der einzige Investor, der beide Unternehmen zusammen weiterführen wollte.
Seit 2025 wird ein Abbauprogramm in der Maschinenbausparte PSLT (Greifer) forciert. Doch zugleich hat sich die Belegschaft im Bau von Antennen (SMAM) von 80 auf rund 160 verdoppelt und weitere Einstellungen sind geplant. Die Antennen gehen vor allem in die boomende Rüstungsindustrie.
„Bei PSLT wollen sie weiter abbauen und nach Osteuropa verlagern“, meint der Betriebsratsvorsitzende Michael Scarale. „Aber jeder Mitarbeiter bekommt ein Angebot im Antennenbau. Dort wollen sie den Umsatz mehr als verzehnfachen.“
Dass das Geschäft mit den Antennen jetzt derart boomt, war weniger Ergebnis unternehmerischer Weitsicht als Zufall, meint Jan Gottke von der IG Metall Salzgitter. „Es sieht so aus, dass die Beschäftigung im Gemeinschaftsbetrieb dadurch gehalten werden kann. In dieser Gemengelage hat das Engagement des Betriebsrats sich für alle Seiten als Bereicherung erwiesen. Das musste allerdings von der Geschäftsführung auch erst gelernt werden.“
Dem Geschäftsmodell der Heuschrecken einen Riegel vorschieben
Doch meistens haben die Beschäftigten eben kein Glück mit dem Finanzinvestor Aequita, der in der Regel das letzte aus ihnen herauspresst.
„Aequita ist ein Hochrisiko-Sanierer,“ meint Jens Engelbrecht, IG Metall-Sekretär in Paderborn, der die Verhandlungen bei Durkopp geführt hat. „Die steigen nur ein, weil eine Abwicklung dem Vorbesitzer zu teuer ist. Eigenes Geld schießen die nicht rein.“
Die Rechnung sollen die Beschäftigten bezahlen. Nur mit der IG Metall an ihrer Seite erreichen Beschäftigte und Betriebsräte überhaupt noch Abfindungen. „Das ist auch den Beschäftigten bewusst“, meint Stefan Sachs von der IG Metall Mittelhessen. „Wenn wir keinen harten Widerstand organisiert hätten, hätten die uns komplett das Fell über die Ohren gezogen.“
Thomas Gelder von der IG Metall Leer-Papenburg, der bei Opti mit Aequita zu kämpfen hatte, fordert schärfere Gesetze. „Heuschrecken wie Aequita übernehmen das schmutzige Geschäft für Unternehmen, die sich selbst nicht trauen, hart Personal abzubauen. Solchen Geschäftsmodellen müssen wir einen Riegel vorschieben.“
Den Betriebsräten in den betroffenen Betrieben ist es wichtig, Beschäftigte in anderen Betrieben zu warnen. „Betriebsräte müssen wissen, was Private Equity ist – und was für Geschäftsmodelle Unternehmen wie Aequita verfolgen“, meint der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Opti, Guido Papencordt. „Betriebsräte und Beschäftigte müssen jetzt wach werden.“