Streik bei Mahle in Neustadt/Donau
Streik bei Mahle - hohe Abfindungen und Mitgliederbonus

Eigentlich lief ein gemeinsamer Zukunftsprozess. Doch nun will Mahle das profitable Werk in Neustadt an der Donau (Klimaanlagen für BMW, Porsche und Volvo) Anfang 2027 schließen. Die Beschäftigten erkämpften mit einem Streik bis zu 250.000 Euro Abfindung und einen Bonus für IG Metall-Mitglieder.

3. Juni 20263. 6. 2026


Acht Tage lang haben die rund rund 400 Beschäftigten des Autozulieferers Mahle in Neustadt an der Donau (Bayern) gestreikt. Die vom Unternehmen verkündete Schließung Anfang 2027 konnten sie nicht verhindern. Denn Entscheidungen über Standorte und Schließungen obliegen nach deutschem Recht der „unternehmerischen Freiheit“ des Arbeitgebers. Doch sie haben sich teuer verkauft – und mit ihrem Streik gemeinsam mit der IG Metall einen Sozialtarifvertrag erkämpft:

Im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen des Unternehmens konnte die IG Metall ein Vielfaches an finanzieller Absicherung durchsetzen: deutlich verbesserte Abfindungsregelungen mit altersabhängigen Faktoren, Mindestbeträgen und einer hohen Deckelung bei 250 000 Euro. Zusätzliche Zahlungen gibt es für Beschäftigte mit unterhaltspflichtigen Kindern sowie für schwerbehinderte und gleichgestellte Beschäftigte.

Hinzu kommt ein sehr hoher Mitgliederbonus von insgesamt 3,25 Millionen Euro für IG Metall-Mitglieder. Die Höhe der Auszahlung richtet sich nach der Dauer der Mitgliedschaft und bringt insbesondere organisierten Beschäftigten mit langen Mitgliedschaften deutlich mehr Abfindung ein.
 

„Wer Arbeitsplätze vernichtet, darf nicht billig davonkommen“

„Die Schließung dieses wirtschaftlich erfolgreichen Standorts ist und bleibt falsch. Aber wir haben sie für Mahle teuer gemacht – und das ist richtig so“, meint Streikleiter Rico Irmischer, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg. „Wer Arbeitsplätze vernichtet, darf damit nicht billig davonkommen. Mit diesem hart erkämpften Verhandlungsergebnis konnten wir für die Beschäftigten eine spürbare finanzielle Absicherung durchsetzen. Ohne den Streik und den großen Einsatz der Beschäftigten wäre das nicht möglich gewesen.“

Neben den Abfindungen und dem Mitgliederbonus wurden ein Härtefallfonds sowie eine Transfergesellschaft mit Rechtsanspruch vereinbart. Das Transferkurzarbeitergeld wird auf 80 Prozent des letzten Nettoentgelts aufgestockt. Alternativ zur Abfindung ermöglicht der Tarifvertrag einen gleitenden Übergang in die Rente ab dem 60. Lebensjahr – mit finanziellem Ausgleich.

„Die enorme Geschlossenheit war unser größter Trumpf. Die Kolleginnen und Kollegen im Betrieb haben zusammengehalten und konnten sich auf eine breite Solidarität weit über den Standort hinaus verlassen“, erklärt Peter Meier, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und Mitglied der Verhandlungskommission. „Umso bitterer ist es, dass die Schließung nicht verhindert werden konnte. Gleichzeitig hat dieser gemeinsame Kampf gezeigt, welche Kraft entsteht, wenn Beschäftigte geschlossen auftreten – so konnten wir das Maximum für uns herausholen.“

Die Mitglieder der IG Metall bei Mahle in Neustadt an der Donau haben in einer Urabstimmung mit deutlicher Mehrheit dem Verhandlungsergebnis über einen Sozialtarifvertrag zugestimmt und zugleich die Beendigung ihres Streiks beschlossen.
 

Mahle bricht Zukunftsprozess – und verfolgt wirre Verlagerung

Der Streik bei Mahle in Neustadt begann letzte Woche Dienstag. Metallerinnen und Metaller aus zahlreichen Betrieben stellten sich hinter die streikenden Beschäftigten in Neustadt, kamen zu Besuch und schickten Solidaritätsbotschaften – auch von Kundenunternehmen wie BMW in Regensburg. 

Die rund 400 Beschäftigten bauen Klimaanlagen für BMW, Porsche, Volvo, Jaguar und Landrover – auch für Elektroautos – und das Werk ist profitabel. Dennoch verkündete das Management am 12. Mai, dass der Standort im ersten Halbjahr 2027 geschlossen und in die Slowakei verlagert werden soll.

Dabei lief noch ein gemeinsamer Zukunftsprozess mit Betriebsrat und IG Metall, in dem die IG Metall detaillierte Konzepte vorgelegt hatte, um das Werk auch langfristig wettbewerbsfähig aufzustellen. Nachdem das Management sich nach vier Verhandlungen und mehreren Warnstreiks (darunter auch ein ganztägiger) weiterhin weigerte, über Zukunftsperspektiven zu verhandeln, stimmten bei der Urabstimmung 98,4 Prozent der IG Metall-Mitglieder bei Mahle in Neustadt an der Donau für einen unbefristeten Streik für einen Sozialtarifvertrag.

 

Beschäftigte von Mahle in Neustadt im Streik für ihre Zukunft.
 

Bereits im Februar hatte Mahle den gemeinsamen Zukunftsprozess für den Standort mit der IG Metall und dem Betriebsrat gebrochen. Damals kam heraus, dass sich das Management im Alleingang um einen Verkauf des Betriebsgeländes und der Werkshallen bemühte. 

Dabei ist die Produktion in der Slowakei noch gar nicht aufgebaut. Mahle will daher zunächst Teile der Produktion vorübergehend nach China verlagern, von wo die Klimaanlagen dann um den halben Erdball zurück nach Deutschland und in die Volvo-Werke in Schweden und Belgien geliefert werden sollen. Langfristig soll dann die gesamte Produktion in die Slowakei gehen.

Der bayerische IG Metall-Bezirksleiter Horst Ott kritisiert das Vorgehen der Mahle-Konzernspitze scharf: „Dass Mahle die Schließung eines funktionierenden Standorts gegen alle Argumente durchdrückt, ist verantwortungslos. Die Menschen hier haben über Jahre geliefert – mit Einsatz, Flexibilität und Verzicht. Und trotzdem wird ihnen die Perspektive genommen. Solche Entscheidungen zerstören Vertrauen und gefährden den Industriestandort Deutschland. Klar ist: Wir nehmen solche Entscheidungen nicht kampflos hin. Wir werden weiter Druck machen.“

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