Am Ende der Syndex-Studie stehen zwei zentrale Erkenntnisse:
Erstens: Nur in der Luft- und Raumfahrt und der klassischen Automobilindustrie dominiert noch Europa – in den anderen 17 Industrien, die in der Studie untersucht wurden, liegt die Führung bei China oder den USA.
Und zweitens: Die europäische Industrie ist geschwächt, weil es keine aktive Industriepolitik gibt – weil die EU und die europäischen Staaten nicht strategisch und zukunftsorientiert handeln, weil Investitionen zum Stillstand gekommen sind, weil trotz der globalen Veränderungen auf ein Weiter-so gesetzt wird.
Das bedeutet aber auch: Europa hat es in der Hand, das Ruder herumzureißen, und die Führungsrolle in zentralen Industrien zu gewinnen. Dafür müssen wir raus aus dem Krisenfokus. Und es darf kein „Business-as-usual“ geben. Denn die globalen Spielregeln haben sich fundamental geändert. Naivität hilft uns nicht weiter, sondern führt zu Deindustrialisierung und globalen Abhängigkeiten. Nur ein klarer Plan mit mutigem Handeln sichert die industrielle Zukunft Europas.
Wir müssen wieder für Europa werben – mit Überzeugung!
Und dieser Plan muss das europäische Sozialmodell fortführen und weiterentwickeln. Denn gerade die hohe Arbeitsplatzqualität und die Sozialpartnerschaft in Europa garantieren Stabilität und machen Europa zu einem attraktiven Investitionsstandort. Eine Senkung der sozialen Standards und der Mitbestimmungsmöglichkeiten schwächt deshalb unsere Wettbewerbsfähigkeit, anstatt sie zu vergrößern. Hier kommen auch wir Gewerkschaften ins Spiel – wir müssen stärker beteiligt werden.
So kann Europa ein attraktiver Investitionsstandort bleiben, mit
- qualifizierten Arbeitskräften,
- einem starken Binnenmarkt,
- weltweit führenden Forschungseinrichtungen,
- wettbewerbsfähigen Unternehmen,
- politischer Stabilität und
- einem hohen Niveau in den Bereichen Bildung, Lebenserwartung, Gleichstellung und Sicherheit.
Wir dürfen uns nicht abhängig machen von Anderen, wie China und den USA, sondern müssen auf unsere Souveränität setzen und unseren Binnenmarkt stärken. Wir brauchen eine strategische Wirtschafts-, Industrie- und Arbeitsmarktpolitik in der EU und den europäischen Staaten. Dabei können wir auch unsere führende Position in der klassischen Automobilindustrie nutzen, um bei E-Autos wieder führend zu werden.
Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, ist auch Vizepräsident von IndustriALL Europe, dem Verband der europäischen Industriegewerkschaften. Er macht deutlich: „Starke Industrien und gute Arbeitsplätze sind das Fundament eines stabilen Europas. Doch genau dieses Fundament steht unter massivem Druck: Arbeitsplätze gehen verloren und Werke schließen, während politische Antworten viel zu langsam sind. Wir fordern gemeinsam Investitionen in Europas Industrie und den Schutz von Arbeitnehmerrechten.“
Dringend benötigt: Investitionen und European-Content-Regelungen
Jetzt müssen umfangreiche öffentliche und private Investitionen fließen, um eine nachhaltige, widerstandsfähige und soziale Industrie aufzubauen, die hochwertige Arbeitsplätze für die Zukunft schafft. Diese Investitionen müssen in Maschinen und Ausrüstung, aber auch in Innovation, Forschung und Entwicklung gehen. Bereits der Draghi-Report von 2024 hat die massiven Investitionsbedarfe aufgezeigt. Doch aktuell führt der mangelnde politische Wille, verbunden mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt der EU (der einen ausgeglichener Staatshaushalt sowie die öffentliche Verschuldung begrenzt) zu einer Investitionslücke. Und während auch die privaten Investitionen gering sind, werden in Europa immer noch die höchsten Dividendenrenditen ausgeschüttet – selbst in Krisenzeiten.
Dabei brauchen wir soziale Auflagen und Local-Content-Regeln bzw. European-Content-Regeln (Faktenblatt) für alle öffentlichen Fördermaßnahmen für die Industrie, einschließlich des öffentlichen Beschaffungswesens, um Investitionen in Standorte zu sichern. Local- bzw. European Content-Regelungen
-
schützen gegen unfairen Wettbewerb,
-
sichern Lieferketten sowie kritische Technologien und
-
sind bei öffentlichen Aufträgen meist wirtschaftlicher, als wenn nur auf den Preis geschaut wird.
Die Lösung ist also klar: Wir haben die Potenziale, wir haben das Wissen und das Können. Jetzt brauchen wir ein Umdenken in den Köpfen und müssen loslegen!
Alle Folgen von Maloche & Malibu