Tarifrunde Metall und Elektro 2021
Bereits am ersten Tag 60 000 im Warnstreik

Seit heute Nacht 0 Uhr laufen die Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie. Bereits am ersten Tag legten 60 000 Beschäftigte die Arbeit nieder. Am Vortag und in der Nacht zum Dienstag leiteten zahlreiche Aktionen der IG Metall die Warnstreiks ein. Wir haben zwei dieser Aktionen begleitet.


Mit Fackeln und Flammenwerfern wie bei einem „Rammstein“-Konzert zieht die Nachtschicht bei Continental in Rheinböllen in Rheinland-Pfalz um Punkt 0 Uhr vors Tor. Alle hundert Beschäftigten sind draußen. Auch die Leiharbeiter. Auf dem Boden sind Abstände markiert. Die IG Metall hat Fahnen, Streikwesten und Masken dabei.

„Für Euch ist das hier ein besonderer Warnstreik. Weil Euer Standort in Gefahr ist”, macht Ingo Petzold, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Bad Kreuznach klar. Der Autozulieferer Continental will massiv Arbeitsplätze abbauen, auch in Rheinböllen. Die hier gefertigten Bremsen sollen billig verlagert werden. Zwar sollen sogenannte aAGVs kommen – autonom fahrende Transporter für die Werkshallen. Aber ob diese hier genug Arbeit auch in Zukunft sichern, steht in den Sternen. Deshalb fordern sie einen Zukunftstarifvertrag für ihren Standort. Seit September machen sie Druck für ihre Zukunft.  Daher stehen die Beschäftigten auch besonders hinter den Tarifforderungen der IG Metall nach Beschäftigungssicherung und Zukunftstarifverträgen. 

 

Zukunft oder Widerstand

„Die Arbeitgeber wollen das nicht“, kritisiert Petzold. „ Sie haben uns das in der Verhandlung gesagt: ‘Haltet Euch da raus. Wir wir wissen am besten, wie das mit der Zukunft funktioniert.’ Sie machen ihre Transformation - und ihr sollt sie einfach bezahlen, indem sie Euch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld wegnehmen, am besten automatisch, ohne jede Gegenleistung, ohne Sicherheiten für Eure Arbeitsplätze.“

(Foto: Micky Miroslav Markovic)

Dabei machen sich die Beschäftigten sehr wohl Gedanken über Technik und neue Geschäftsmodelle. „Mit unserem Know-How könnten wir nicht nur aAGVs sondern auch mobile Robots bauen. Wir haben den Vorteil, dass wir in Rheinböllen ja auch Software entwickeln”, meint Patrick. Er ist Industriemechaniker Anfang 30 und arbeitet als Einrichter in der Montage. „Für uns ist das sehr wichtig zu wissen, womit unser Unternehmen in fünf Jahren Geld verdient.“

„Die Leute hier brauchen eine Zukunft. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz“, meint  Betriebsrätin Christel Meier, die hier seit 30 Jahren in der Produktion arbeitet. Nach einer Stunde geht es wieder rein. Die Betriebsräte und IG Metall-Vertrauensleute bei Conti in Rheinböllen sind zufrieden. Mittags waren sie noch skeptisch, ob das alles klappt. Und jetzt waren alle draußen. „Alles top. Und dann noch mit diesem Ambiente. Das spricht sich auch in den anderen Schichten rum“, meint ein Vertrauensmann mit Blick auf die Pyrotechnik. 

Die Flammenwerfer hat der Sohn des Betriebsratsvorsitzenden Volker Diel mitgebracht. Er ist Veranstaltungstechniker, Anfang 20, und macht heute abend auch den DJ. „Highway to Hell“ von AC/DC dröhnt zum Abschluss noch mal aus den Boxen. Zu jedem fetten Basston gibt’s noch mal meterhohe Flammenfontänen.  Am Donnerstag wollen sie wieder raus, dann aber Mittags.
 

Demo im Autokino

Die Sonne steht tief über den Verkehrsübungsplatz in Olpe in Nordrhein-Westfalen, als sich ein Auto geordnet hinter das andere reiht. Ein Einweiser mit IG Metall-Weste macht eine große Kreisbewegung mit dem Arm. Auf der Bühne unter einer riesigen LED-Leinwand steht ein Musiker mit Gitarre, der Arbeiterlieder anstimmt. Das alles hat Event-Charakter, die Stimmung ist gut, auch wenn jeder nur hinter der Autoscheibe zu sehen ist. Als das Lied „Bella Ciao“ ertönt, fahren einige das Autofenster runter und singen das Lied fröhlich mit.

(Foto: Thomas Range)

Die Besucher kommen nicht in dem Autokino zusammen, um eine romantische Komödie in der Natur zu schauen – sie sind im Kampfmodus. Denn es ist der 1. März und der steht dieses Jahr für den Tarifauftakt in der Metall- und Elektroindustrie. Die Friedenspflicht endet um Mitternach, dann starten die Warnstreiks. Die Arbeitgeber haben in der bisherigen Tarifrunde noch kein ernstzunehmendes Angebot gemacht. Das ärgert auch die Metallerinnen und Metaller in Olpe.

„Herr Kirchhoff und seine Kollegen sollen uns endlich ein gescheites Angebot machen“ sagt André Arenz, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Geschäftsstelle Olpe. „Die Krise 2009 hat gezeigt, dass es wichtig ist, die Beschäftigten zu halten, um nach der Krise wieder ordentlich durchstarten zu können. Wir brauchen ein vernünftiges Angebot, damit wir das nach dieser Krise auch hinkriegen.“
 

Olper fordern Beschäftigungssicherung

Das Format kommt gut an. Nach Einlassstop stehen 150 Autos auf dem Platz, insgesamt 400 Menschen nehmen teil. „Das ist wirklich mal etwas total anderes - und es ist eine Möglichkeit unter Leute zu kommen“, sagt Claudia Jung, Beschäftigte bei einem Elektronik-Hersteller in der Umgebung. Sie stört es nicht, dass der Kontakt nur auf Abstand und hinter Glasscheiben funktioniert. „Aber es geht hier natürlich nicht nur um das Autokino. Man tut endlich etwas. Streiken, Kundgebungen und aktiv werden jetzt während der Tarifrunde finde ich sehr wichtig”, sagt die Betriebsrätin.

André Arenz wird auf der Bühne mit einem Hupkonzert begrüßt und die Reaktion scheint sichtlich gut zu tun, starrt der Bevollmächtigte doch nur auf Autos, statt wie gewohnt ins Publikum. Es geht in seiner Rede um die Forderungen der IG Metall nach einer anständigen Beschäftigungssicherung, um mehr Geld für eine gesicherte Kaufkraft und es geht ihm um den Erhalt der Auszubildendenplätze. Er spricht mit Tarifkommissionsmitgliedern über die Lage in ihren Betrieben und wie nebenbei meistert er noch eine Übertragung zum bundesweiten Livestream. Auch die wollen einen Blick auf die Aktion in Olpe werfen. 

Mitmachen ist auch gefragt. Durch eine Online-Umfrage können sich die Metallerinnen und Metaller in ihren Autos an einer Umfrage beteiligen. Das Ergebnis: Auch für sie steht die Beschäftigungssicherung an erster Stelle in dieser Tarifrunde. „Im Kreis Olpe steht die Beschäftigungssicherung wie in so vielen Orten aufgrund der Corona-Problematiken auf Platz eins. In vielen Betrieben laufen bald die Regelungen für das Kurzarbeitergeld aus“, sagt André Arenz. Umso wichtiger ist es für die Beschäftigten in Olpe wieder aktiv zu werden. „Wir waren in den letzten Monaten häufig gezwungen, nichts zu machen. Formate wie das Autokino ermöglichen es uns, etwas zu machen“, fasst er zusammen während die Autos nach einem abschließenden Kulturprogramm langsam wieder von dem Platz rollen.

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