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125 Jahre IG Metall: Die Geschichte der Arbeitszeit
Wem gehört die Zeit?

Die IG Metall wird in diesem Jahr 125. Die Geschichte der IG Metall ist geprägt von Kämpfen um humanere und kürzere Arbeitszeiten. „Wem gehört die Zeit?“ Diese Frage zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch die Historie der Arbeiterbewegung.


„Nach elf Stunden Arbeit, Staub und Lärm und dem Heimweg bleibt kaum noch Zeit für Hausarbeit und Schlaf, geschweige denn für die Kinder. Wir leben für den Sonntag, wenn uns ein paar freie Stunden bleiben. Wir wollen eine Stunde mehr für uns. Eine Stunde für unsere Familie. Eine Stunde fürs Leben.“ So schildert eine Textilarbeiterin Ende des 19. Jahrhunderts im sächsischen Crimmitschau ihren Arbeitsalltag.

Im Gründungsjahr 1891 des IG Metall-Vorgängers Deutscher Metallarbeiter-Verband (DMV) arbeiten Arbeiterinnen und Arbeiter elf Stunden und mehr am Tag an sechs Tagen in der Woche. Der freie Sonntag ist in der Gewerbeordnung festgeschrieben.


Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Mensch sein

Im Sommer 1903 beschließt die Gewerkschaft, den Zehnstundentag mit einem Streik in Crimmitschau durchzusetzen. Die Textilarbeitgeber reagieren mit Aussperrungen und werben Streikbrecher aus anderen Regionen an. Die harte Haltung der Fabrikanten sorgt im ganzen Land für Empörung und für eine beispiellose Solidarität mit den Streikenden. 22 Wochen dauert einer der längsten Arbeitskämpfe in der Geschichte Deutschlands. Dennoch endet der Streik mit einer Niederlage. Im Januar 1904 geben die Streikenden in der Textilindustrie auf.

+„Freie Zeit“ wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein immer stärkeres Bedürfnis der Arbeiterfamilien. Sie kämpfen für ein Leben jenseits der Fabrik und fordern: „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen, acht Stunden Mensch sein.“ Und immer wieder lösen Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten Streiks und Aussperrungen aus.


Vom Zehn- zum Achtstundentag und wieder zurück

Bis 1914 gehen in der Industrie durch Arbeitskämpfe und gesetzliche Maßnahmen die Arbeitszeiten auf etwa zehn Stunden am Tag zurück und ab August 1914 sprunghaft wieder hoch. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Mit dem „Burgfrieden“, dem auch die gesetzlichen Arbeitsschutzbestimmungen zum Opfer fallen, schwört Kaiser Wilhelm der Zweite alle Parteienvertreter auf den Ersten Weltkrieg ein. Während des Krieges, ist die breite Mehrheit der Ansicht, müsse nicht weniger, sondern mehr gearbeitet werden. Das bedeutet: 12 Stunden pro Tag schuften für den Krieg, in Einzelfällen auch mal 16 Stunden.

Die Wende zur kürzeren Arbeitszeit bringt die Novemberrevolution 1918. Endlich wird Realität, wofür Arbeiter und Gewerkschaften ein halbes Jahrhundert gekämpft haben: Der Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich für alle Arbeiterinnen und Arbeiter. Im November 1918 setzt das vom Rat der Volksbeauftragten geschaffene Reichsamt für wirtschaftliche Demobilmachung die Arbeiterschutzgesetze der Vorkriegszeit wieder in Kraft und begrenzt die Arbeitszeit ab Januar 1919 auf acht Stunden pro Tag.

 

Samstags gehört Vati mir

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit stehen die Zeichen auf Aufschwung. Allerdings führt das Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren wieder zu steigenden Arbeitszeiten und mehr Überstunden. 1950 arbeitet ein Industriearbeiter 48 Stunden in der Woche, verteilt auf sechs Tage. Die Forderung nach mehr „freier Zeit“ wird wieder lauter. Mit zunehmendem Wohlstand rücken gute Arbeits- und Lebensbedingungen stärker in den Fokus. Jetzt ist die Familie dran: „Samstags gehört Vati mir!“ Mit diesem Slogan starten 1955 die DGB-Gewerkschaften ihre Arbeitszeitkampagne und fordern die Fünf-Tage-Woche mit 40 Arbeitsstunden. Als erste kommen 1959 die Arbeiter des Steinkohlebergbaus in den Genuss des freien Samstags. Nach und nach folgen andere Branchen: In der Holzverarbeitung ist es 1963 soweit, 1967 in der Metallindustrie.

 

Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen

Ab Mitte der 1970er Jahre ersetzen immer mehr Roboter die Arbeitskraft von Menschen. Massiver Stellenabbau und Leistungsverdichtungen sind die Folge. Zwischen 1980 und 1983 verringert sich allein die Zahl der Beschäftigten in der westdeutschen Metallindustrie um zehn Prozent. 1977 beschließt der Gewerkschaftstag der IG Metall die Forderung nach der 35-Stunden-Woche. 1982 erklärt der IG Metall-Vorstand die 35-Stunden-Woche zum vorrangigen Ziel – auch als Antwort auf die zunehmende Massenarbeitslosigkeit. Die Idee: Die Arbeit gerechter verteilen, sichern und neue Stellen für rund 2,5 Millionen Erwerbslose schaffen sowie humanere Arbeitszeiten durchsetzen. „Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“ – dafür steht die 35-Stunden-Sonne.


Am 14. Mai 1984 beginnt der Streik in der Metall- und Elektroindustrie in Nordwürttemberg und Nordbaden, in Hessen eine Woche später. 57 500 Beschäftigte aus 23 Betrieben folgen dem Streikaufruf der IG Metall. Die Arbeitgeber reagieren mit kalter und heißer Aussperrung. Eine halbe Million Ausgesperrte stehen vor den Betriebstoren – zehnmal so viele wie Streikende.

„Keine Minute unter 40 Stunden“ – so die Ansage der Arbeitgeber. Nach sieben Wochen Streik und Aussperrung ist das Dogma gebrochen und der Einstieg in die 35-Stunden-Woche geschafft. Seit 1995 ist die 35-Stunden-Woche tarifliche Normalarbeitszeit in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie.

2003 können die Beschäftigten der ostdeutschen Stahlindustrie einen Stufenplan für die 35-Stunden-Woche durchsetzen. Der Streik für kürzere Arbeitszeiten in der Metall- und Elektroindustrie im Osten endet nach vier Wochen mit einer Niederlage. Dort arbeiten die Beschäftigten immer noch 38 Stunden in der Woche.

 

Mein Leben – meine Zeit. Arbeit neu denken!

Flexibilität braucht einen fairen Ausgleich. Das ist ein Ergebnis der großen Beschäftigtenumfrage der IG Metall im Frühjahr 2013. Flexible Arbeitszeit mit kurzfristigen Änderungen, steigende Kluft zwischen tatsächlichen und tariflichen Arbeitszeiten, permanente Erreichbarkeit – der Zugriff des Arbeitgebers auf die Arbeits- und Lebenszeit ist umfassend, sagt der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann und beeinträchtige stark das Privatleben.

Der arbeitszeitpolitische Handlungsbedarf hat zugenommen. Seit der IG Metall-Umfrage in 2013 ist die Diskussion vor allem um flexible Arbeitszeiten wieder neu entfacht. Im Grundsatz geht es dabei wieder um die Frage: Wer bestimmt über die Arbeitszeit?

Mit dem Metall-Tarifabschluss in 2015 konnte die IG Metall in einer ersten Etappe den Einstieg in eine Bildungsteilzeit durchsetzen. Danach haben die Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche einen Rechtsanspruch, sich persönlich weiterzubilden und dafür von der Arbeit freistellen zu lassen. Bislang war das nur möglich, wenn die Qualifizierung dem Arbeitgeber einen unmittelbaren Nutzen brachte.

#Jetzt steht die nächste Etappe an: „Mein Leben – meine Zeit. Arbeit neu denken!“ Unter diesem Slogan haben die Metallerinnen und Metaller auf dem Gewerkschaftstag im Oktober 2015 eine neue Arbeitszeitkampagne beschlossen, die gerade am Start ist. Das Ziel der neuen Kampagne erklärt Jörg Hofmann mit einen Dreiklang: „Arbeitszeit muss sicher, gerecht und selbstbestimmt sein.“ Sichere Arbeitszeit heißt vor allem planbare Arbeitszeit. Flexibilität kann nicht heißen: Paradies für den Arbeitgeber, Hamsterrad für den Beschäftigten. Gerechte Arbeitszeit bedeutet, dass jede geleistete Stunde vergütet wird – egal ob im Büro oder in der Bahn gearbeitet wird. Und selbstbestimmte Arbeitszeit meint, Ansprüche zu haben, die Arbeitszeit nach individuellen Bedürfnissen auch reduzieren zu können.

#So unterschiedlich die Auseinandersetzungen um die Arbeitszeit waren – im Kern geht es immer um eine Frage: Wer bestimmt über die Arbeitszeit? Unternehmen wollen die Arbeitszeiten so weit wie möglich der Verwertung unterwerfen und den Wettbewerbsbedingungen und Anforderungen der Kunden unterordnen. Die Beschäftigen wollen selbst mehr über die eigene Zeit bestimmen und mehr Freiräume für die eigene Entwicklung haben. Wer über die Arbeitszeit bestimmt, bestimmt auch über die Lebenszeit.

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