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Interview mit Hilde Wagner, Arbeitszeitexpertin der IG Metall. Foto: IG Metall

Interview mit Hilde Wagner, Arbeitszeitexpertin der IG Metall

Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind oft fließend

29.06.2016 Ι Dank Smartphones und Laptops kann fast ­jeder überall und rund um die Uhr arbeiten. Aber wollen wir das? Und ist das gesund? Im Interview fordert die IG Metall-Arbeitszeitexpertin Hilde Wagner die Chancen der Digitalisierung für den gesellschaftlichen Fortschritt im Sinne der Arbeitnehmer zu nutzen.

Müssen sich junge Leute, die ins Berufsleben starten, auf eine ganz andere Arbeitswelt einstellen als die Generationen vor ihnen?
Hilde Wagner: Ja, die Arbeitswelt verändert sich rasant. Entwicklungen, die sich schon länger abzeichnen, haben sich durch neue Technologien und Arbeitsmittel, wie Smartphones und Laptops, beschleunigt. Mit Ausnahme einiger Bereiche der Produktion wird Arbeit und Erreichbarkeit tendenziell überall und jederzeit möglich. Von jungen Menschen wird schon zu Beginn ihres Erwerbslebens größtmögliche Flexibilität, ständige Einsatzbereitschaft und hohe Eigenverantwortung gefordert. Sie erleben, dass "Arbeiten am Limit" angeblich zur Normalität gehört und häufig nicht um 16 oder 17 Uhr endet, sondern in den Abend und das Wochenende hineinragt. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind oft fließend.

Ist damit der Acht-Stunden-Tag, der seit 1918 Gesetz ist, ein Fall für die Mottenkiste?
Ganz und gar nicht. Die Arbeitgeberverbände behaupten zwar, eine tägliche Höchstarbeitszeit sei wegen der Digitalisierung und Globalisierung nicht mehr zeitgemäß. Aber damit verfolgen sie handfeste eigene Interessen. Ihnen geht es darum, die Arbeitszeiten an Produktions- und Konjunkturschwankungen anzupassen und letztlich um höhere Renditemargen. Die Wünsche der Beschäftigten nach mehr selbstbestimmter Zeit, nach Zeit, die es erlaubt, Arbeit und Privatleben in Einklang zu bringen, interessiert sie nicht. In Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung
erhöhen sich die psychischen Beanspruchungen der Beschäftigten. Arbeitswissenschaftliche Ergebnisse zeigen: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Länge der Arbeitszeit, psychischen Belastungen und gesundheitlichen Beschwerden. Besonders problematisch ist auch, wenn hohe Arbeitsintensität mit überlangen Schichten zusammenkommt. Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht sollte deshalb die tägliche Arbeitszeit in der Regel nicht mehr als acht Stunden betragen. Darauf sind auch alle Grenzwerte für Lärm und gefährliche Arbeitsstoffe ausgerichtet.

 

Welche gesundheitlichen Probleme können denn auftreten?
Nervosität, psychische Erschöpfung, Schlafstörungen und Rückenschmerzen treten bei Arbeitszeiten über 40 Stunden deutlich stärker auf. Aber auch Magenschmerzen, Herz- Kreislauf-Probleme und Kopfschmerzen. Außerdem ist erwiesen, dass das Unfallrisiko bei Arbeitszeiten jenseits der siebten Stunde stark zunimmt.

 

 

Ist das vor allem ein Problem für ältere Beschäftigte oder schaden lange Arbeitszeiten auch jungen Leuten?
Auch für Junge ist es ein Problem, dass sie nach der Arbeit oft nicht mehr abschalten können. Sie legen Wert auf gute Arbeit, möchten aber auch Freunde treffen, Zeit für Kultur, Beziehungen und Familie haben. Das Idealbild der Unternehmen - Arbeit rund um die Uhr - passt jedenfalls nicht zu den Lebensentwürfen junger Menschen. Jüngere und Ältere wünschen sich mehr selbstbestimmte statt fremdbestimmte Flexibilität. Um an die Wünsche der Beschäftigten anzuknüpfen, diskutieren wir zum Beispiel über Modelle, die erlauben, die Arbeitszeit anlassbezogen verkürzen zu können: über Modelle "kurzer Vollzeit".

 

Und tägliche Höchstgrenzen für Arbeitszeit sind weiterhin angesagt? 
Ja, auf alle Fälle. Wir müssen die Entgrenzung und den Verfall von Arbeitszeit eindämmen. Arbeitszeit muss erfasst und vergütet werden. Die IG Metall will neue Formen der Arbeit, zum Beispiel mobile Arbeit, regeln. Dafür gibt es schon gute Beispiele, bei denen das Arbeitszeitgesetz keinesfalls im Wege stand. Arbeitszeit kann sich am Tag in verschiedener Weise verteilen, aber sie muss aus sozialen und gesundheitlichen Gründen begrenzt werden. Wir müssen die Chancen der Digitalisierung für gesellschaftlichen Fortschritt nutzen, nicht für Rückschritt. Dazu gehören Zeiten, die Menschen gemeinsam mit anderen verbringen können. Und mehr Rechte, über die eigene Zeit selbst verfügen zu können.

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