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Tarifbindung
Die große Ahnungslosigkeit am Monatsende

Wer möchte schon zur Arbeit gehen, ohne genau zu wissen, wie viel Geld ihm am Ende des Monats ausgezahlt wird – und wie sich das Gehalt zusammensetzt?


Damit hatten die Beschäftigten des Getriebebauers Fertigungstechnik Nord über Jahre zu kämpfen. Nun haben sie gemeinsam mit uns eine Tarifbindung erkämpft.

Wie viel Geld bekomme ich am Ende des Monats? So genau wusste das bis vor Kurzem niemand bei der Fertigungstechnik Nord in Gadebusch an der Ostsee. Denn das Gehalt bestand zu über einem Drittel aus zig variablen Prämien – warum mal mehr, mal weniger Geld am Monatsende, das wusste nur der Chef.


Im Warnstreik: Die Beschäftigten von Fertigungstechnik Nord erkämpfen sich ihre Tarifbindung.


Was ist eigentlich eine Nutzungsprämie?

Doch der Reihe nach: Der Getriebehersteller Fertigungstechnik Nord gehört als Tochterunternehmen zur Nord Drivesystems ― Gruppe und ist in Gadebusch in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt. Aber während die anderen Tochterunternehmen von Nord Drivesystems sich in den alten Bundesländern befinden und längst an den Metall-Flächentarifvertrag gebunden sind, mussten sich die Kollegen im Osten mit einem Entlohnungssystem mit zig verschiedenen Prämien abfinden, das keiner richtig verstand.

„Dieses System war hochkomplex“, sagt auch Stefan Schad, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Rostock/Schwerin. „Die Prämien waren mit „Faktoren“ versehen, bei denen kein Beschäftigter mehr durchgeblickt hat.“ Wie auch? Wer kann sich schon etwas unter einer „Nutzungsprämie“ vorstellen? Oder wozu eine „Anwesenheitsprämie?“ Aber solche Prämien machten über ein Drittel des Lohns aus. Und niemand wusste, wie viel Geld er am Ende des Monats bekommen würde.


Motivation der Mitarbeiterinnen sinkt

„Zugang zur Verwaltung der Prämien hatte nur der Vorgesetzte“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Torsten Kusch. „Kein Mitarbeiter konnte einsehen, woran es gelegen hat, dass er mit weniger Geld nach Hause ging als der Kollege. An jedem Auszahlungstag gingen die Diskussionen von Neuem los.“

Hilfreich für die Motivation der Mitarbeiterinnen war das nicht. Hinzu kam noch, dass die Beschäftigten nicht nur die Prämienzahlungen ihres eigenen Betriebsbereichs, sondern auch die der anderen Abteilungen sehen konnten. So entfachte sich ein Konkurrenzkampf zwischen den Kollegen.


Endlich Transparenz, endlich ein Tarif

Doch darauf ließ sich keiner ein. Die Beschäftigten hatten genug davon, nicht zu wissen, mit wie viel Lohn überhaupt rechnen zu können und der Laune des Chefs bei der Gehaltszahlung ausgeliefert zu sein. Immer mehr traten unserer Gewerkschaft bei, die Beschäftigten organisierten sich. Ihr Ziel: Ein Tarifvertrag, der ihnen endlich berechenbare Löhne sichert. Die Fertigungstechnik Nord soll in den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie eintreten.

Doch der Arbeitgeber lehnte ihre Forderungen ab. Nach den gescheiterten Verhandlungen riefen wir im Betriebsrat im Februar zum Warnstreik auf ― mit Erfolg: Die Beschäftigten erstritten sich die Tarifbindung. Zum 1. Juni ist auch die Fertigungstechnik Nord dem Arbeitgeberverband Nordmetall beigetreten, ab dem 1. Januar 2019 wird auch hier der Flächentarifvertrag gelten.


Planungssicherheit und Transparenz

Der Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie gibt den Mitarbeitern der Fertigungstechnik Nord nun endlich Planungssicherheit und Transparenz hinsichtlich ihrer Löhne. Und nicht nur das: „Wir sind auch sehr stolz darauf, dass wir schon für dieses Jahr zwei Einmalzahlungen für die Beschäftigten erreichen konnten“, freut sich Torsten Kusch. „Und bei den Nachtschichtzulagen und dem Weihnachtsgeld haben wir das Niveau gehalten.“

Die Beschäftigten haben nun zudem Anspruch auf bis zu elf zusätzliche freie Tage, da die Beschäftigten der Fertigungstechnik Nord durch ein flexibles Schichtsystem besonders beansprucht sind. Familie und Beruf sind für die Mitarbeiterinnen endlich besser vereinbar.

Der Fall der Fertigungstechnik Nord ist damit ein weiterer wichtiger Schritt in der Tarifbindung Ost. Für Stefan Schad war dieser Schritt längst hinfällig: „Es konnte nicht sein, dass 28 Jahre nach der Wende immer noch solche Ungleichheiten zwischen Schwesterunternehmen in Ost- und Westdeutschland bestanden haben. Das haben wir jetzt geändert.“

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