Risiken für die Industrieproduktion
Knappe Rohstoffe, keine Chips

Die Auftragsbücher vieler Betriebe sind proppenvoll. Doch die Hersteller leiden unter Knappheit bei Rohstoffen und Vorprodukten. Die IG Metall fordert von der Bundesregierung, dass in Deutschland und Europa wieder mehr Chips produziert werden, um Abhängigkeiten globaler Lieferketten zu reduzieren.


Wer als Kunde heute eine neue Küche will, hört jetzt oft den Satz. „Ham wa nich, kommt frühestens Mitte nächsten Jahres.“ Elektrogeräte sind nicht lieferbar, weil Steuerungselemente fehlen. Nicht nur die Branche Weiße Ware, die Haushaltsgeräte herstellt, ist betroffen. Auch andere Industriebranchen leiden seit fast einem Jahr unter einem eklatanten Mangel an Chips, Rohstoffen und anderen Vorprodukten.

Der Mangel ist teilweise selbstverschuldet durch Abbestellung von Mikroelektronik. Das hat die Autoindustrie massiv ausgebremst. Die KFZ-Zulassungen in Deutschland im Oktober brachen im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Drittel ein. Es kam zu Produktionsausfällen und Kurzarbeit. Auch die Elektroindustrie verzeichnet wegen Lieferproblemen Umsatzeinbußen von zehn Prozent.

Die Unternehmen versuchen, über Diversifizierung der Lieferketten, mehr Lagerhaltung und langfristige Lieferverträge der Materialknappheit zu begegnen. Der Daimler-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Michael Brecht beschreibt die Situation aus Arbeitnehmersicht: „Wir hätten Arbeit ohne Ende, die Auftragsbücher sind voll. Wir könnten die Wochenenden durcharbeiten und Leute einstellen. Die Kolleginnen und Kollegen draußen verstehen das nicht mehr.“ Brecht rechnet mit tiefgreifenden Veränderungen der Warenströme in der Autoindustrie: „Die Fahrzeughersteller werden künftig selbst Rohstoffe und Schlüsselkomponenten direkt beim jeweiligen Lieferanten einkaufen und sich nicht mehr allein auf die großen Zulieferer als Systemlieferanten verlassen.“

Die Prognosen, wonach der Bedarf der Mikrolelektronik in den Produkten jährlich um fünf Prozent steigen wird, wird  von den Unternehmen branchen übergreifend nicht adäquat beantwortet. Die IG Metall will gegensteuern mit der Strategie, wieder mehr Halbleiter in Deutschland und Europa selbst herzustellen. Denn die Speicherchips sind die technologische Basis für den Ausbau der Elektromobilität und stecken in immer mehr Produkten einer vernetzten Welt. „Ohne den weiteren Ausbau einer innovativen und im globalen Maßstab konkurrenzfähigen Halbleiter- und Mikroelektronikindustrie in Deutschland und Europa werden die Klima- und Digitalisierungsziele der nächsten Regierung nicht erreichbar sein“, heißt es in einem Positionspapier der IG Metall (PDF) zusammen mit dem Branchenverband ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V.). Der Erhalt industrieller Infrastruktur in Europa und Deutschland wird im globalen Wettbewerb nur funktionieren, wenn durch Insourcing von Vorprodukten und der Aufbau einer Halbleiterindustrie 2.0 Liefer- und Preisabhängigkeiten reduziert werden.

Chance auf hochqualifizierte Arbeitsplätze im Halbleiterbereich

Die Nachfrage für Halbleiter wird gerade im Automotive-Bereich noch weiter wachsen. Die Kosten von Halbleiter-Endprodukten am Gesamtfahrzeug betragen in einem Premiumfahrzeug mit Verbrennungsmotor heute schon 2500 Euro. Bis 2025 wird der Anteil in einem Pkw mit halbautonomen Fahrfunktionen auf knapp 6000 Euro steigen. Die IG Metall fordert deshalb die Stärkung des Chip-Sektors in Europa. „Wir müssen in der Lage sein, diese Hightech-Produkte selber herzustellen. Sonst werden wir zerrieben zwischen den großen Wirtschaftsblöcken China und USA“, sagt IG Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner.

Für die Pläne der künftigen Bundesregierung zur Digitalisierung ist der Ausbau einer nachhaltigen, leistungsfähigen und innovativen Halbleiterindustrie in Deutschland und Europa eine Voraussetzung. In Deutschland könnten mehrere Tausend hochqualifizierte Arbeitsplätze in diesem Bereich entstehen. Dadurch ergäben sich in allen Industriezweigen Beschäftigungsimpulse – etwa im Bereich Automotive, Elektroindustrie und Maschinen-Anlagenbau. Dafür müssen jetzt die Weichen gestellt werden. Der Aus- und Aufbau einer Halbleiterproduktion erfordert einen Vorlauf von mehreren Jahre.


Die IG Metall fordert: 

  • Den Aus- und Aufbau einer europäischen Mikroelektronik zur nachhaltigen Beschäftigungssicherung industrieller Wertschöpfung und zur Unterstützung der Klima-Ziele der EU-Kommission.  
  • Das sogenannte Packaging, das Testen und Verpacken der Mikroelektronik, muss am Ort der Herstellung – in Europa – umgesetzt werden. Dies schafft Beschäftigung und reduziert die Umweltbelastung durch kurze Transportwege. Aktuell finden Tests und Verpackung nur in Asien statt.
  • Eine Qualifizierungsoffensive gemeinsam mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen, um notwendiges Knowhow im Wettbewerb zu garantieren.

  • Öffentliche Förderung an die Schaffung von guten, nach Tarif bezahlten Arbeitsplätzen koppeln.


Die Chipkrise mit Versorgungsengpässen wird nach Schätzungen von Experten bis ins dritte Quartal 2022 andauern. Handlungsbedarf besteht sowohl durch strategische Allianzen der von Mikroelektronik abhängigen Unternehmen als auch durch politische Steuerung in Europa. Das ist auch eine Botschaft an die künftige Bundesregierung.


Gründe für die Halbleiter-Knappheit: Chipmangel selbstgemacht

Neu auf igmetall.de

Newsletter bestellen