Gründe für die Halbleiter-Knappheit
Chipmangel selbstgemacht

11 Millionen Autos können dieses Jahr nicht gebaut werden. Schuld ist der Halbleitermangel. Doch die Krise ist hausgemacht und war erwartbar. Zudem verdeutlicht sie: Es braucht in Europa wieder eine starke Halbleiterindustrie.


Autokäufer und Gamer haben momentan etwas gemeinsam: Sie müssen geduldig sein. Die Lieferzeiten von Neuwagen betragen viele Monate, während die neue Playstation oder Xbox für die meisten Videospiel-Enthusiasten gleich gar nicht zu bekommen ist, seit Monaten sind die Spielekonsolen ausverkauft.

Der Halbleitermangel ist in beiden Fällen der Grund: Denn fehlende Mikrochips führen dazu, dass Sony und Microsoft Produktionsschwierigkeiten plagen und bei BMW, Daimler, Ford, Opel & Co. wochenlang die Bänder stillstanden und teilweise noch stehen.

Das stellt nicht nur die Geduld der Kunden auf die Probe, sondern vernichtet auch Wertschöpfung: Statt Nachholeffekte mitzunehmen und vom wirtschaftlichen Aufschwung nach der Corona-Krise zu profitieren, läuft die Produktion und der Absatz mit angezogener Handbremse. Die Beratungsgesellschaft Boston Consulting geht davon aus, dass zehn bis elf Millionen Fahrzeuge in diesem Jahr nicht gebaut werden können. Das wirft die Fahrzeugproduktion auf das Niveau von 1975 zurück.


Vor 5 Jahren: 3,4 Milliarden Halbleiter für Golfproduktion

Doch woher kommt der plötzliche Mangel? Schuld an dem Chaos ist eine auf die Spitze getriebene Globalisierung, aber auch Managementfehler der Unternehmen. Generell lässt sich feststellen: Der Bedarf an Halbleitern und Mikrochips ist zuletzt enorm gewachsen und wächst weiter. Gerade Autos gleichen immer mehr einem Rechenzentrum.

Bereits vor fünf Jahren befanden sich nach Aussage von Volkswagen in einem Golf mehr als 50 Steuergeräte, bestückt mit bis zu 70 Halbleitern. Bei rund einer Million Golfs, die 2016 vom Band liefen, wurden mehr als 3,4 Milliarden Halbleiter verbaut. Schon damals betitelte VW den Halbleiterbedarf mit „Tendenz steigend“ und erklärte mit Blick auf die Elektroautos der ID-Familie, die sich damals noch in der Planung und Entwicklung befanden: „Bis dahin wird die Zahl der Steuergeräte, Elektronikbauteile und Assistenten im Auto rasant wachsen.“

Doch obwohl Chips so stark nachgefragt werden, tun sich die die Halbleiterproduzenten schwer. Die steigende Nachfrage trifft auf einen konsolidierten Anbietermarkt. Der Preiskampf bei Halbleitern ist enorm, nur einige Firmen, die meisten aus Asien oder den USA, können ihm standhalten. Dabei wird gemunkelt, dass die Autoindustrie besonders schlecht bezahle. Sie macht aber nur einen geringen Teil der weltweiten Abnehmer von Halbleitern aus.

Doch auch insgesamt gesehen sind die Margen sehr gering und zwingen Chiphersteller stetig, an der Auslastungsgrenze zu arbeiten, sonst lohnt sich ihr Geschäft nicht. Experten sprechen davon, dass eine Auslastung von unter 90 Prozent bereits kritisch wird. Zwar führt die gestiegene Nachfrage nun auch zu einer Ausweitung der Produktion bei fast allen Herstellern, doch das dauert – bei ganz neuen Werken bis zu fünf Jahren. Marktbeobachter rechnen damit, dass der Halbleitermarkt noch mindesten bis Mitte 2022 angespannt bleiben wird.


Hersteller haben Markt falsch eingeschätzt

„Der Markt regelt das“ ist ein gern verwendeter Ausdruck von neoliberalen Managern. Doch wie sich gerade zeigt, ist das nicht immer der Fall oder dauert dann einfach häufig sehr lange. In den Chefetagen deutscher Automobilhersteller hatten sich Konzernlenker zu sehr darauf verlassen, dass der Markt sie jederzeit beliefert. Das stellt sich nun als schmerzliche Fehleinschätzung heraus. Sie haben die Entwicklung von Angebot und Nachfrage falsch bewertet.

Dazu haben sie durch ihr „Krisenmanagement“ sich erst in die nun missliche Lage gebracht: Als während der Corona-Pandemie die Nachfrage nach Neuwagen einbrach, stornierten sie eifrig ihre Bestellungen bei den Halbleiterproduzenten. Jetzt, wo die Wirtschaft wieder anzieht und Kunden in die Autohäuser strömen, sind sie mit Aufträgen wieder an die Chiphersteller herangetreten. Doch die können diese nun nicht so schnell abarbeiten. Das hängt auch damit zusammen, dass die Chiphersteller solche Großaufträge komplett abarbeiten. Denn das Umrüsten der Anlagen auf andere Bestellungen dauert im Schnitt Wochen, bis dann mit der Produktion der Chips für eine andere Bestellung hochgefahren werden kann.


Halbleiterproduktion in Deutschland möglich 

Heimische Industriebetriebe lernen gerade schmerzlich, dass sie sich nicht auf eine Versorgung mit Chips per Container aus Südkorea oder Taiwan verlassen können. Dabei müssen Halbleiter nicht um die halbe Welt geschickt werden. In Deutschland sind alle nötigen Kompetenzen vorhanden und die Technologien zur Herstellung von Halbleitern kommen zum Teil von hiesigen Weltmarktführern wie Zeiss SMT in Oberkochen. Und auch Chiphersteller Infineon aus Neubiberg zeigt, dass das Halbleitergeschäft in Deutschland möglich ist.

Nur ist die Branche von der Politik in den letzten Jahrzehenten eher stiefmütterlich behandelt worden. Um ihr volles Potenzial zu heben, neue Arbeitsplätze zu schaffen und eine Versorgung der heimischen Industriebetriebe zu gewährleisten, fordert die IG Metall Unterstützung für einen Wiederaufbau der deutschen und europäischen Halbleiterindustrie.    

Eine Forderung, die auch in der Wirtschaft Unterstützung findet: Die Branchenexperten von den Beratungsgesellschaften PwC und PwC Strategy& sehen einen Rückstand der europäischen Halbleiterbranche gegenüber US-amerikanischen und asiatischen Wettbewerbern und appellieren so an die Politik, die Entwicklung von KI allgemein und die europäische Halbleiterleiterbranche im Speziellen stärker zu fördern. Zumal global bedeutsame Unternehmen in der Halbleiterbranche immens wichtig für die europäische Wirtschaft wären, so die Berater.

Einen ersten Lichtblick für die deutsche Autoindustrie liefert indes Bosch. Der Zulieferer hat längt die Bedeutung von Halbleitern und Rechenleistungen in den Autos erkannt und gerade eine eigene Chipfabrik in Dresden eröffnet. Beispiele wie dieses aus dem „Silicon Saxony“ müssen Schule machen. Dafür braucht es die Unterstützung der kommenden Bundesregierung, beispielsweise in Form von entsprechenden Förderprogrammen, die eine Ansiedlung in Deutschland attraktiv machen.

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