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Interview zum Funktionswandel von Leiharbeit. Foto: IG Metall

Interview zum Funktionswandel von Leiharbeit

Gleiche Arbeit - ungleicher Lohn

19.08.2009 Ι Die Soziologen Hajo Holst, Dr. Oliver Nachtwey und Prof. Dr. Klaus Dörre vom Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben die Studie "Funktionswandel von Leiharbeit" erstellt. Sie belegen, dass Leiharbeit von Unternehmen als strategisches Instrument eingesetzt wird, um kurzfristig Profite zu steigern. Die Rechnung zahlen die Leiharbeiter und die Stammbelegschaft. Die IG Metall sprach mit den Autoren.

In der Finanz- und Wirtschaftskrise wächst der Druck auf die Beschäftigten. Unbezahlte Praktika, Mini-Jobs, befristete Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit schüren auch die Abstiegsängste der festangestellten Arbeitnehmer. Die Autoren Hajo Holst, Dr. Oliver Nachtwey und Prof. Dr. Klaus Dörre haben in ihrer Studie diese Mechanismen dargestellt. Wir sprachen mit den Autoren über die arbeits- und mitbestimmungspolitischen Folgen in der betrieblichen Praxis und über den Zusammenhang von Leiharbeit und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen.

Leiharbeit war vor einiger Zeit eine boomende Branche. Bis Ende 2008 gab es rund 750 000 Leiharbeiter. Inzwischen stehen viele von ihnen auf der Straße. Haben Sie mit dieser Entwicklung gerechnet, als das Projekt im ersten Halbjahr 2008 begann?

Die Wucht der aktuellen Krise hat uns überrascht, nicht jedoch der dramatische Rückgang der Leiharbeiterzahlen. Dieser ist in der Funktion der Leiharbeit angelegt. Bei der strategischen Nutzung versuchen die Unternehmen, durch den Einsatz von Leiharbeitern ein "Sicherheitsnetz" für die Kapitalrendite und die Profitabilität zu etablieren. Die Leiharbeiter sind immer nur auf Widerruf in den Einsatzbetrieben präsent - eben solange, bis das Auftragsvolumen einbricht. Insofern hat der schnelle Abbau von Leiharbeitern in vielen weltmarktorientierten Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie im Herbst letzten Jahres unsere These vom Funktionswandel der Leiharbeit bestätigt.


Leiharbeiter haben ein höheres Risikio, arbeitslos zu werden

Sie beschreiben einen Form- und Funktionswandel bei der Leiharbeit und zeigen, dass mit dieser Arbeitsform hauptsächlich das strategische Instrument zur Profitsteigerung verfolgt wird. Die Entwicklung geht zu Lasten der Betroffenen. War Leiharbeit vor diesem Wandel fairer?

Leiharbeit hatte vor der Liberalisierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes 2003 eine andere Funktion für die Betriebe. Durch die Begrenzung der Überlassungsdauer wurde eine Substitution von Stammbelegschaften und Normalbeschäftigung praktisch verhindert. Leiharbeiter waren nur für wenige Monate im Betrieb und konnten nicht dauerhaft eingesetzt werden. Durch die Reform hat der Gesetzgeber im Grunde die Aushebelung des Kündigungsschutzes durch Leiharbeit legitimiert. Seit 2003 können Leiharbeiter ohne zeitliche Begrenzung in einem Betrieb arbeiten. Die Folgen sind dramatisch: Seit der Reform sind die Leiharbeiterzahlen in Deutschland stark angestiegen. Zudem nutzen immer mehr Betriebe Leiharbeit strategisch, um Entlassungskosten zu sparen und im Krisenfall keine Sozialpläne aufstellen zu müssen.

Bei dem Projekt sind Sie in die Betriebe gegangen und haben eine Verschlechterung des Betriebsklimas festgestellt. Es kommt zunehmend auch zu einer Konkurrenz zwischen Stammbelegschaften und Leiharbeitern. Mit unserer Kampagne "Leiharbeit fair gestalten" will die IG Metall für die Leiharbeitnehmer gleiche Arbeits- und Entlohnungsbedingungen wie für die Festangestellten durchsetzen. Sie plädieren in Ihrer Studie auch für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Wie können die aussehen?

Ein wichtiger Anhaltspunkt muss die Leistungsgerechtigkeit sein. Gerade im Fall der strategischen Nutzung verrichten die Leiharbeiter häufig die gleichen Tätigkeiten - allerdings zu schlechteren Konditionen. Der Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" sollte deswegen auch für Leiharbeiter gelten. So verstandene Leistungsgerechtigkeit, das zeigen die Ergebnisse unserer Studie,  leistet auch einen Beitrag zur Verbesserung des Betriebsklimas: Die Leiharbeiter stellen eine geringere Bedrohung für die Stammbeschäftigten dar.

Die IG Metall will, dass möglichst viele Leiharbeiter zu fairen Bedingungen ihren Job behalten - auch in der Krise. Was können Interessenvertreter tun, um die Leiharbeiter im Betrieb zu halten? Kennen Sie Betriebe, in denen die Betriebsräte trotz konjunktureller Schwierigkeiten, dieses Ziel erreicht haben?

In einigen Verwaltungsstellen gelang es den Interessenvertretern, die Beschäftigung der Leiharbeiter durch Kurzarbeitergeld zumindest zeitweise zu stabilisieren. In Ingolstadt wurde für die Leiharbeiter von Audi sogar eine Transfergesellschaft eingerichtet. Letztendlich ist es für die Betriebsräte aber schwierig, im Fall eines Nachfrageeinbruchs den Abbau der Leiharbeiter zu verhindern. Entscheidend ist aber, wie sich die Interessenvertreter in diesen Situationen verhalten. Nachhaltige Organisierungserfolge unter den Leiharbeitern sind nur möglich, wenn die Interessen der Leiharbeiter auch im Abschwung vertreten werden.

Sie haben auch positive Erfahrungen in Betrieben gemacht. Bestehen Möglichkeiten, Leiharbeit gerechter zu gestalten?

Es gibt durchaus positive Beispiele, in denen es den Interessenvertretern gelungen ist, Leiharbeit gerechter zu gestalten. Die Besserstellungskampagne der IG Metall hat in vielen Betrieben zu erheblichen Verbesserungen geführt. Durch Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen wurden die Löhne der Leiharbeiter angehoben, in Einzelfällen sogar auf das Niveau der Stammbeschäftigten. Eines bleibt aber: Bei der strategischen Nutzung wird den Leiharbeitern ein Teil des Marktrisikos übertragen. Die Unsicherheit, jederzeit den Arbeitsplatz verlieren zu können, kann auf der betrieblichen Ebene nicht genommen werden. Hier ist die Politik gefordert. Die Forschungen zeigen, dass sich die arbeitsmarktpolitischen Hoffnungen, die der Gesetzgeber mit der Liberalisierung des Arbeitnehmergesetzes verbunden hatte, nicht erfüllt haben. Nur eine Re-regulierung des Leiharbeitseinsatzes kann die Position der Leiharbeiter in den Betrieben dauerhaft verbessern.

Wenn es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung kommen sollte, befürchten Sie einen massiven Anstieg der Leiharbeit. Denken Sie, dass sich der von Ihnen beschriebene  negative Form- und Funktionswandel der Leiharbeit fortsetzt? Wenn ja - wie können Betriebsräte sicherstellen, dass sich das negative Szenario nicht wiederholt?

Leider hat der Abbau von Leiharbeitern in den meisten Betrieben nur zu gut funktioniert. In den meisten Betrieben hat sich, das zeigen auch unsere Ergebnisse, in Krisenzeiten eine Tendenz durchgesetzt, primär die Interessen der Stammbelegschaften zu vertreten. Die "Aussteuerung" der Leiharbeiter wurde passiv begleitet - auch um die Beschäftigten der Stammbelegschaften zu sichern. Unsere Studie zeigt, dass es für die Betriebsräte darauf ankommt, Einfluss auf die strategische Personalplanung der Unternehmen zu nehmen. Heute werden strategische Weichen für die Zeit nach der Krise gestellt. Darüber hinaus müssen die Leiharbeiter dauerhaft in die Interessenvertretungspolitik integriert werden - und zwar sowohl im Aufschwung als auch im Abschwung. Dort, wo das bereits in der Vergangenheit praktiziert wurde, gelang es den Betriebsräten und der IG Metall, auch Einfluss auf die Bedingungen des Abbaus zu nehmen und Verbesserungen für die Leiharbeiter auszuhandeln.

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