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Die versteckte Gefahr: Giftige Chemikaien gefährden Gesundheit und Leben. Foto: Thomas Range

Die versteckte Gefahr: Giftige Chemikalien gefährden Gesundheit und Leben

Wenn Arbeit krank macht

05.01.2011 Ι Weil sie Menschen und Umwelt mit PCB vergiftet hat, sorgt die Dortmunder Recyclingfirma Envio seit Monaten für Schlagzeilen. Der Skandal hat schlagartig verdeutlicht: Die ganze Arbeitswelt ist immer noch voller Stoffe, an denen Menschen erkranken - und sterben. Oft schlummern sie im Verborgenen und die Arbeitnehmer ahnen nicht, welchen Gefahren sie ausgesetzt sind.
Es war die Haut, die schmerzhaft das Signal an Manfred Fabian aussandte, dass etwas in seinem Betrieb nicht stimmte. Am linken Schienbein war sie gerötet, rissig und brannte. Der 44-Jährige ging zu Ärzten, ließ sein Blut im Labor untersuchen. Der Befund: überhöhte PCB-Werte. Wenig später kam für den Betrieb das Aus. Mehr als 40 Menschen verloren ihre Jobs.

Leiharbeiter für besonders schmutzige und gesundheitsschädliche Arbeit
2007 hatte Fabian als Schichtführer bei der Entsorgungsfirma Envio Recycling angeheuert. Die Firma im Dortmunder Hafen war darauf spezialisiert, Transformatoren auseinanderzunehmen und die Kupfer- und Blechteile wieder zu verwerten. Pro Schicht waren etwa neun Männer mit Zerlegen und Reinigen beschäftigt. Doch die Trafos hatten es in sich: Sie waren mit polychlorierten Biphenylen, kurz PCB, belastet. Wie so oft, wenn Arbeiten besonders schmutzig und gesundheitsschädlich sind, waren bis auf die Schichtführer alle Leiharbeitnehmer.

PCB gehört zu dem "dreckigen Dutzend", zwölf Gefahrstoffen, die 2001 durch die Stockholmer Konvention verboten wurden. Der Stoff kann zu Chlorakne, Leberschäden und sogar Krebs führen. Schon 2008 waren auf dem Firmengelände und in den benachbarten Kleingärten erhöhte PCB-Werte festgestellt worden. Doch erst im Mai 2010 reagierte die Aufsichtsbehörde und machte den Betrieb dicht.

Ermittlungsverfahren gegen Vorstandschef von Envio
Leidtragende sind nicht nur die ehemaligen Envio-Beschäftigten. Auf dem Gelände haben rund 800 Menschen gearbeitet oder tun das noch immer. Hunderte wurden untersucht. In einigen Fällen fanden sich im Blut PCB-Konzentrationen, die bis zu 25000 mal höher sind als die Normalwerte in der Bevölkerung. Weil Arbeiter das PCB in ihrer Kleidung mit nach Hause brachten, hatten auch Frauen und Kinder erhöhte Werte. Mehrere Wohnungen mussten komplett saniert werden.

Ein Ende des Dramas ist nicht in Sicht. Die Kleingärnter sollen ihr Gemüse noch nicht essen, Angler ihre Köder nicht im Hafen auswerfen. Das Firmengelände und die Hallen sind immer noch nicht richtig saniert. Dabei ist die Firma fein raus: Dank Insolvenz kann sie die Millionenkosten auf die Steuerzahler abwälzen. Immerhin: Gegen den Vorstandschef der Envio AG, der zum Ärger der verbliebenen Beschäftigten immer noch mit seinem Jaguar durch das Gelände tourt, läuft ein Ermittlungsverfahren.

PCB ist nicht der einzige Stoff, der Menschen krank macht. Es gibt viele und sie sind überall: In Autowerkstätten, Schreinereien, Textilfirmen, Gießereien und sogar in der Ökobranche Windenergie. Das Heimtückische ist, dass ihre Gefährlichkeit nicht sichtbar ist.

Tatort Werkstatt
Seit Jahren kämpft der 34-jährge Automechaniker Stefan L. aus Kassel dafür, dass die Berufsgenossenschaft seine Berufskrankheit anerkennt. In der Werkstatt litt er unter Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Atemnot. Die Symptome wurden immer schlimmer, bis er nicht mehr arbeiten konnte. In Verdacht gerieten Schutzlacke, Sprays und weißes Sprühfett. "In Autowerkstätten gibt es besonders viele Gefahrstoffe - und oft auch einen besonders sorglosen Umgang damit", hat Heinz Fritsche, Arbeitsschutzexperte der IG Metall, beobachtet.

Immer noch ein großes Problem sind auch Lösemittel. Sie können zu Demenz und Krebs führen. Sie sind überall, wo geklebt, lackiert, entfettet, gereinigt oder Kunststoff geschäumt wird. In Metallbetrieben, in denen gedreht und geschweißt wird, können sie durch Erhitzen Dioxine freisetzen. Es gibt zwar Ersatzstoffe, aber, so Fritsche, "die schädlichen werden immer noch unbedacht eingesetzt".


  • Kühlschmierstoffe: Obwohl schon viele Kühlschmierstoffe durch unschädlichere Ersatzstoffe ausgetauscht wurden, gibt es immer noch einige, die giftige Bestandteile und Allergieauslöser enthalten. Über unbedenkliche Stoffe informiert eine Liste, die die IG Metall mit erarbeitet hat und die regelmäßig aktualisiert wird.

  • PCB: in Trafos, Reifen, Haushaltsgeräten, Lacken, Dichtungen, Kunststoffprodukten. Kann Chlorakne, Leberschäden oder Krebs verursachen.

  • PVC: in Kabeln, Schalterdosen, Kinderspielzeug, Werkstoffen, etwa im Waggonbau. Krebserregend.

  • Formaldehyd: in Textilien, Spanplatten, Bodenbelägen, Möbeln, Kunststoffen. Kann zu Allergien oder Lungenödemen führen, auf Dauer krebserregend.

  • Hartholzstäube: in Holzbetrieben. Können Nasenkarzinome erzeugen.

  • Quarzfeinstäube: in Gießereien. Können Lungentumoren erzeugen.

  • Lösemittel: überall, wo geklebt, lackiert, entfettet, gereinigt, Kunststoff geschäumt wird. Können zu Demenz oder Krebs führen.

  • Schweißrauch: in Metallbetrieben. Feine Metallteile, die in die Lunge geraten, können Krebs hervorrufen.

  • Im Betrieb: Erster Ansprechpartner ist der Betriebsrat. Wo es keinen gibt, Sicherheitsfachkraft oder Betriebsarzt.

  • Außerhalb: Der Hausarzt.

  • Die IG Metall hilft ebenfalls weiter: IG Metall vor Ort oder die Experten beim IG Metall-Vorstand: Heinz.Fritsche@igmetall.de und Petra.Mueller-Knoess@igmetall.de

  • Gefahrstoff-Telefone haben fast alle Berufsgenossenschaften.
    Für den Maschinenbau und die Metallindustrie gibt es Hilfe unter der Nummer: 0211-8 22 43 33.

Ein weiterer Übeltäter ist PVC. Es ist in Kabelhüllen, kommt als Werkstoff im Waggonbau und bei Rotorblättern für Windkraftwerke zum Einsatz. Der PVC-Bestandteil Vinylchlorid ist krebserregend. Trotzdem nimmt die Produktion von PVC weltweit zu. Auch Asbest ist immer noch da. Der Verursacher von Lungentumoren ist zwar längst verboten, aber das tödliche Gift schlummert noch vielerorts im Verborgenen, zum Beispiel in alten Kabelschächten. Und er kommt auch heute noch ganz legal ins Land, zum Beispiel in Dichtungsringen und Thermoskannen aus China, wo Asbest noch erlaubt ist.

Gefährlicher Staub
In Textil- und Holzbetrieben gehört Formaldehyd zu den besonders häufigen Gefahrstoffen. Er kann Allergien und Lungenödeme auslösen und bei Menschen, die ihm ständig ausgesetzt sind, auch zu Krebs führen. Schreiner und Möbelbauer riskieren außerdem Nasenschleimhautkrebs, wenn sie ohne Schutzmasken sägen, fräsen, bohren oder schleifen. Schuld sind die feinen Hartholzstäube, die sie einatmen. Schweißer, die ohne Atemschutz arbeiten, sind ebenfalls gefährdet - durch Schweißrauch. Die winzigen Metallteile gelangen in die Lunge. Sie können Atemnot und auch Krebs verursachen.

Ein besonderes Sorgenkind sind für Arbeitsschützer Quarzfeinstäube in Gießereien. Eingeatmet können sie zu chronischer Bronchitis, Staublunge und Lungentumoren führen. "Sie entwickeln sich vielleicht zu einem noch größerem Problem als früher Asbest", befürchtet Daimler-Betriebsrat Perry Braun. Erkrankungen durch Quarzfeinstaub gehören zu den vier häufigsten anerkannten Berufskrankheiten. Der Staub entsteht, wenn die Gussformen aus Quarzsand zerschlagen werden.

Ein Arbeitsschutzkontrolleur für 20 000 Arbeiter
"Warum musste es bei Envio soweit kommen? Warum hat es so lange gedauert, den Verursacher zu finden", fragt eine Angestellte, die in der Nähe von Envio arbeitet. Aus Sicht des IG Metall-Experten Fritsche kommt das nicht von ungefähr. "Kontrolleure sind eine aussterbende Art." Seit Jahren wird das Personal in den Arbeitsschutzbehörden abgebaut. In Nordrhein- Westfalen kommt auf knapp 20 000 gewerbliche Arbeitnehmer ein Überwacher. In den anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus. Das ist politisch gewollt. Die Firmen sollen nicht durch "Bürokratie" gehemmt werden. Das Ergebnis ist bei Envio zu sehen.

Der Erste Bevollmächtige der IG Metall in Dortmund, Hans-Jürgen Meier, hat sich bei Envio sehr engagiert. Die IG Metall bot den Betroffenen auch Rechtsschutz an. Für Meier kommt bei Envio alles zusammen, was "systematische Verstöße beim Arbeitsschutz begünstigt": Wenig echte Kontrollen durch die Behörden. Kein Betriebsrat. Ständig wechselnde Leiharbeitnehmer, die die "Dreckarbeit" machen.

Mehr Personal bei der Arbeitsschutzaufsicht gefordert
Meier hat mit anderen Gewerkschaftern ein Forderungspaket geschnürt. Er will mehr Personal bei der Arbeitsschutzaufsicht. Betriebe, die mit sehr gefährlichen Chemikalien arbeiten, sollen unter besondere Beobachtung gestellt und Firmen ohne Betriebsräte noch häufiger kontrolliert werden. Bei allem, was im Arbeitsschutz dringend zu verbessern ist, müsse ein Hauptaugenmerk auf die Leiharbeit gelegt werden. Damit Fälle wie Envio nicht mehr passieren. Deren ehemaligen Beschäftigte haben noch lange unter den Folgen zu leiden. Manfred Fabians Bein ist noch nicht geheilt. Die seelischen Wunden sind es noch viel weniger. Mithilfe der IG Metall klagt er auf Schmerzensgeld. Einer der Zeitarbeiter ist inzwischen in einer psychiatrischen Klinik. Fabian sagt: "Er kam mit der ganzen Situation nicht klar".

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Kämpft um Schadensersatz. Foto: Thomas Range
Kämpft um Schadensersatz

Der 44-jährige Bochumer Manfred Fabian war Schichtführer bei der Recyclingfirma Envio in Dortmund. Er zerlegte und reinigte mit seinen Kollegen PCB-verseuchte Trafos. Wegen quälender Hautprobleme am Bein ließ er sich vom Arzt untersuchen. Das Ergebnis: Er hatte erhöhte PCB-Werte im Blut. Damit brachte Fabian einen Stein ins Rollen. Envio hat jahrelang die Arbeiter und Umwelt mit giftigen Chemikalien verseucht. Die Aufsichtsbehörde machte den Betrieb dicht. Jetzt kämpft er um Schadensersatz.

Gift unterm Zeltdach. Foto: Thomas Range
Gift unterm Zeltdach

Weil Envio lange blockiert hat, sind die verseuchten Böden und Hallen im Dortmunder Hafengelände immer noch nicht richtig saniert. Obwohl dort nach wie vor Hunderte Menschen arbeiten. Kontaminierte Teile standen noch vor Weihnachten in einem großen Zelt auf dem Gelände.

Gesundheitsschutz nicht schleifen lassen. Foto: imagebroker/vario-images.com
Gesundheitsschutz nicht schleifen lassen

Möbelbauer und Schreiner brauchen Atemschutzmasken, wenn sie schleifen, sägen, fräsen oder bohren. Wenn sie sich nicht vor den feinen Hartholzstäuben schützen, riskieren sie Nasenschleimhautkrebs.

Tickende Zeitbombe Quarzsand. Foto: Norbert Fellechner/Action Press
Tickende Zeitbombe Quarzsand

In Gießereien gefährden Feinstäube aus Quarzsand die Gesundheit der Beschäftigten. Sie können zu chronischer Bronchitis, Staublunge und Lungentumoren führen. Erkrankungen wegen Quarzfeinstäuben gehören zu den vier häufigsten anerkannten Berufskrankheiten.

Nicht alles öko in der Windenergie. Foto: Martin Schutt/dpa
Nicht alles öko in der Windenergie

Mit Epoxidharzen werden die Teile bei den Rotorblättern verbunden. Die Harze können Verätzungen und Augenschäden auslösen. PVC wird bei Rotorblättern ebenfalls eingesetzt. Ihr Bestandteil Vinylchlorid gilt als krebserregend.

Hans-Jürgen Meier. Foto: fmz
"Viele Leiharbeitnehmer, kein Betriebsrat und keine Kontrollen - unter solchen Bedingungen gedeihen Verstöße gegen den Arbeitsschutz."

Hans-Jürgen Meier
IG Metall-Geschäftsführer in Dortmund

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