Unsere Werkshallen und Hütten brennen. Überall bauen Industriebetriebe Arbeitsplätze ab, verlagern, schließen. 10 000 Arbeitsplätze gehen jeden Monat verloren. Besonders betroffen: Die Auto- und Zuliefererindustrie. Über 50 000 Arbeitsplätze gingen hier allein in den letzten 12 Monaten verloren.
Viele Industrieunternehmen wollen die Beschäftigten allein für die aktuelle Krise und die Transformation bezahlen lassen – obwohl es die Manager waren, die jahrelang verpennt haben in die Zukunft zu investieren. Jetzt fällt ihnen nichts Besseres ein als Personalabbau, Verlagerungen und Schließungen.
Schuld sei die Politik – und der teure Standort Deutschland, heißt es. Dabei liegt der Anteil der Lohnkosten in der Metall- und Elektroindustrie bei gerade mal 17,7 Prozent vom Umsatz (2024). Und die Dividenden steigen weiter: Für das Geschäftsjahr 2024 schütteten die 160 Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX 63 Milliarden Euro an ihre Aktionäre aus, allein die 40 DAX-Konzerne fast 54 Milliarden – der dritte Rekord in Folge.
Arbeitgeber müssen sich zum Industriestandort bekennen
Ja: Es ist höchste Zeit, dass die Politik handelt. Seit Monaten führt die IG Metall Gespräche mit der Bundesregierung. Es gab einen Stahlgipfel, einen Autodialog – und endlich auch Ergebnisse: Schutzzölle gegen Dumping beim Stahl sollen bald kommen. Eine flexibilere CO2-Regulierung bei Autos ist im Gespräch. In Brüssel kommen wir beim »Local-Content« voran: Bei öffentlichen Aufträgen soll die europäische Stahlindustrie bevorzugt werden. Und ab 1. Januar haben wir endlich den verbilligten Industriestrompreis, den die IG Metall seit Jahren fordert.
Die Politik kommt in die Gänge. Jetzt sind endlich auch die Arbeitgeber gefordert: Statt abzubauen müssen sie sich zum Industriestandort Deutschland bekennen, investieren und gemeinsam mit uns als Sozialpartner Verantwortung übernehmen, fordert Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall. „Wir brauchen endlich ein klares Bekenntnis der Unternehmen zum Industriestandort Deutschland und den Schlussstrich unter den Stellenabbau.“
In den Betrieben halten Beschäftigte und IG Metall dagegen und kämpfen gegen den Kahlschlag, für die Zukunft von Standorten und Arbeitsplätzen.
„Angrif ist die beste Verteidigung“: Solidarischer Kampf an allen Musashi-Standorten
Das Aus zweier Werke konnten sie nicht stoppen. Doch die Musashi-Beschäftigten – über 80 Prozent sind in der IG Metall – hielten zusammen, an allen Standorten: Abbau reduziert, Abfindungen verdoppelt, Jobs in Deutschland gesichert.
„Wir, die wir unsere Jobs verlieren, haben für die Zukunft derer gekämpft, die bleiben. Und die, die bleiben, haben für höhere Abfindungen für uns gekämpft“, meint Heiko Liebscher, Betriebsrat bei Musashi Machining in Leinefelde (Thüringen), das bis März 2027 schließen wird.
Kurz vor Beginn des Streiks an allen deutschen Standorten des Autozulieferers Musashi – für den über 90 Prozent in der Urabstimmung gestimmt hatten – gab es doch noch eine Verhandlungslösung in der Schlichtung, nach drei Monaten Kampf, endlosen Verhandlungen, Demos und Warnstreiks.
Bitter: Zwei Werke schließen bis März 2027 Hannoversch Münden (Niedersachsen) und das Machining-Werk in Leinefelde. Doch ursprünglich wollte die Geschäftsleitung auch das andere Werk (Forging) in Leinefelde zumachen. Sie haben durch ihren gemeinsamen Kampf den geplanten Abbau am Standort Lüchow (Niedersachsen) fast halbiert (70 statt 130 Jobs weg), die Schließungen um ein Jahr verzögert und die angebotenen Abfindungen verdoppelt, mit bis zu 6500 Euro extra für IG Metall-Mitglieder. Zudem haben sie Sicherheit für die übrigen erreicht: Die Teile der Werke, die schließen, gehen an die verbleibenden deutschen Standorte, etwa im rheinland-pfälzischen Nahetal, die dafür eine Garantie erhalten. IG Metall-Mitglieder dort – über 80 Prozent der Beschäftigten – haben bis 2028 Kündigungsschutz.
Auch auf der Mitgliederversammlung in Hannoversch Münden gibt es Beifall, trotz der Schließung. Sie waren eng beteiligt, haben mit entschieden. Mehr war nicht zu holen. Über die Schließung von Werken entscheidet nach deutschem Recht allein der Arbeitgeber, der am Geldhahn sitzt. Betriebsräte und IG Metall können sie nur teurer und schwerer machen.
Das Management drohte sogar, alle deutsche Standorte in die Insolvenz zu schicken und versuchte, den Streik gerichtlich verbieten zu lassen. Ohne Erfolg. Der Druck, den die IG Metall durch den drohenden Streik und ihr Netzwerk aufbaute, wurde schließlich zu groß. Die Kunden, etwa VW und Daimler Truck, drohten wegen fehlender Lieferungen mit Schadenersatzklagen. Die Betriebsräte dort sprachen mit ihren Managern. Busse zum Streik bei Musashi waren bereits bestellt. Die spanischen Gewerkschaften verhinderten die Entsendung von Streikbrechern. Und die japanischen Gewerkschaften bauten Kontakt zur Konzernleitung von Musashi in Japan auf, die endlich noch mal 20 Millionen Euro drauflegte.
Geschäftsleitung droht mit Insolvenz und spaltet – aber sie halten zusammen
Rückblick: Im Juni 2025 verkündet die Geschäftsleitung von Musashi Deutschland, dass sie zwei Standorte komplett schließen und einen weiteren halbieren will. »Die haben uns kein Wort von Abbau gesagt«, kritisiert Paul Alexander, Betriebsrat in Hannoversch Münden, der im Transformations-Lenkungsausschuss mit der Arbeitgeberseite an Planungen für die Zukunft arbeitete. Auch im Aufsichtsrat gab es keinerlei Informationen.
Der Abbau soll angeblich nur die Standorte Hann. Münden, Leinefelde und Lüchow treffen. Den Beschäftigten an der Nahe, in Bad Sobernheim, Bockenau und Grolsheim erzählen die Manager: Ihr profitiert sogar – auf Kosten der anderen (wenn auch ohne irgendwelchen Sicherheiten). Die IG Metall, Vertrauensleute und Betriebsräte halten dagegen, mit Videobotschaften und zig Gesprächen im Betrieb.
Am Ende stimmen auch an der Nahe 87,4 Prozent für den Streik. Sie verzichten sogar auf Geld für die Abfindungen der anderen. »Dafür bekommen sie von uns die Teile. Das haben wir nur durch unsere Solidarität erreicht«, meint der Hann. Mündener Betriebsratsratsvorsitzende Karl Koch, der mitverhandelt hat und 2027 nach 39 Jahren mit den anderen rausgeht. »Wir gehen – aber wir gehen als Sieger vom Platz, mit geradem Rücken.«
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