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Interview mit Jörg Hofmann, Präsident von IndustriAll Global

© Frank Rumpenhorst

Interview mit Jörg Hofmann, Präsident von IndustriAll Global

"Globale Solidarität das Gebot der Stunde"

06.10.2016 Ι Seit seiner Gründung setzt sich IndustriAll Global für mehr Sicherheit und Gerechtigkeit von Beschäftigten weltweit ein. Der neu gewählte Präsident, IG Metall-Vorsitzender Jörg Hofmann, beschreibt die Ziele des Dachverbandes für die nächsten vier Jahre.

Jörg, Du bist auf dem Kongress von IndustriAll Global einstimmig zum neuen Präsidenten des Gewerkschaftsdachverbandes gewählt worden. Wie geht es Dir damit? 
Hofmann: Ich sehe es als große Aufgabe und Verantwortung an, IndustriAll Global die nächsten vier Jahre zu leiten. Dahinter stehen ja 50 Millionen Beschäftigte weltweit. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir stark sein. Und es gibt viel zu tun. Es gibt 200 Millionen Arbeitslose. Die Hälfte aller Arbeitnehmer arbeitet in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, die meisten sind Frauen. 1,3 Milliarden Menschen leben an oder unterhalb der Armutsgrenze.

Welche Schwerpunkte wirst Du mit deiner Präsidentschaft setzen?

IndustriAll kämpft für Sicherheit, mehr Gerechtigkeit und eine nachhaltige Wirtschaft und gegen prekäre Beschäftigung. Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung verlangen uns neue Antworten ab. Der vorliegende Aktionsplan ist ein wichtiger Wegweiser. Bei der Fülle der Fragen kommt man nicht weit, wenn man alles nur aus seiner nationalen Brille betrachtet. Globale Solidarität der Gewerkschaften ist das Gebot der Stunde.

Jörg Hofmann auf dem Kongress von IndustriAll Global in Rio de Janeiro. Foto: IndustriAll Global

Ist das die Botschaft des Kongress-Mottos "Fig
hting Forward"?
Das ist eine Facette davon. In der globalisierten Welt hat Ungleichheit stark zugenommen. Die Machtverschiebung geht zu Lasten von Arbeitnehmern. International agierende Konzerne sind die Globalisierungsgewinner. Keine Gewerkschaft wird zukünftig alleine ihre Standards verteidigen können. Stattdessen wird es darum gehen, Solidarität entlang der globalen Wertschöpfungskette zu entwickeln. Unser Auftrag ist, nicht die Welt zu erklären, sondern sie zu verändern.

Was heißt das konkret für die Arbeit von IndustriAll?

Wir haben mit IndustriAll sehr erfolgreich Unternehmensnetzwerke aufgebaut. Sie sind ein wichtiger Baustein grenzüberschreitender Solidarität. Außerdem haben wir das Instrument der Globalen Rahmenvereinbarungen, die helfen Gewerkschaftsrechte und Tarifverhandlungen durchzusetzen. An der Einhaltung dieser Rahmenvereinbarungen müssen wir noch arbeiten. Denn viele Unternehmen weigern sich, die vereinbarten Inhalte auch in allen Ländern umzusetzen.

Ist IndustriAll die Task Force, wenn es in einem Unternehmen brenzlig wird?

Im Fall der Textilfabrik in Pakistan, wo über 200 Menschen Opfer der Flammen wurden, ist dieses sprachliche Bild leider bittere Realität geworden. IndustriAll hat gemeinsam mit anderen durchgesetzt, dass jetzt nach vier Jahren die Opfer endlich entschädigt werden. Auch im Fall des Zusammensturzes der Textilfabrik in Bangladesch, der die unvorstellbare Zahl von 1100 Todesopfern brachte, hat IndustriAll nicht nachgelassen. Wir haben ein Abkommen erreicht, um den Feuerschutz und die Gebäudesicherheit zu verbessern. 
 

Das sogenannte Bangladesch-Abkommen.
Richtig. Dabei handelt es sich um eine rechtsverbindliche Vereinbarung zwischen globalen Gewerkschaften und über 200 multinationalen Modekonzernen, damit 1600 Kleiderfabriken in Bangladesch sicherer werden. Das Abkommen ist ein Meilenstein, um die Mängel in der Zuliefererkette auszumerzen. In der Branche gibt es vier Globale Rahmenvereinbarungen: mit Inditex, H&M, Mizuno und seit Ende September mit Tchibo. Sie erfassen über drei Millionen Beschäftigte in der Zuliefererkette und sind das Werkzeug, um Konflikte beizulegen und für eine größere Gewerkschaftsdichte zu sorgen.

Wo ist IndustriAll sonst noch aktiv?

In ganz vielen Branchen. Zum Beispiel im Bergbau. IndustriAll führt eine Kampagne gegen den Bergbauriesen Rio Tinto, wo schon seit langem versucht wird, Gewerkschaften zu zerschlagen. In vielen Branchen sind die Arbeitsverhältnisse himmelschreiend. In Südostasien riskieren die Beschäftigten beim Schiffabwracken Gesundheit und Leben, weil oft die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen wie Sicherheitsschuhe fehlen.
 

Welche Rolle spielt dabei die Handelspolitik?
Eine ganz zentrale. Es fehlen Legitimation und Glaubwürdigkeit für die Spielregeln der globalen Wirtschaft. Ob TTIP oder CETA: Sie leiden darunter, dass so getan wird, also ob freie Märkte und freier Handel quasi automatisch zu einer Wohlstandsverbesserung führen. Das genaue Gegenteil ist der Fall, wenn soziale oder ökologische Standards unterlaufen werden.

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