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Prof. Dr. Klaus Mainzer. Foto: Privat/TU München

Lesetipp zum Thema

"Die Arbeitslehre à la Frederick Taylor ist vorbei"

Vom lebenslangen Lernen wurde lange vollmundig gesprochen. Länger aufschieben lässt es sich nicht. Denn die Industrie 4.0 wird es ohne hochqualifizierte Beschäftigte nicht geben, sagt Wissenschaftsphilosoph Klaus Mainzer im Interview mit unserer Redaktion.

Kommenden Donnerstag ist Prof. Dr. Klaus Mainzer auf der Engineering- und IT-Tagung zu Gast. Dann diskutiert er mit rund 300 Technik-Experten und Gewerkschaftern aus mehr als 100 Unternehmen über das Thema "Stand und Perspektiven der künstlichen Intelligenz: Das Mensch-Maschine-Verhältnis neu denken?". Im Interview mit unserer Redaktion spricht er darüber, wie wichtig es ist, die künstliche Intelligenz mit unsere Industrie zu Verbinden - und wie die dabei entscheidende Qualifizierung der Beschäftigten gelingen kann.

Herr Mainzer, wenn wir von künstlicher Intelligenz reden, kommen uns Bilder aus Hollywood in den Sinn. Wie passen diese zur künstlichen Intelligenz in unserem Alltag und in der Arbeitswelt?
Wenn wir an die Automobilindustrie denken, sehen wir frei schwingende Roboterarme. Diese sind bereits ein erster Schritt zur künstlichen Intelligenz. Sie arbeiten vorgegebene Programme ab und helfen Menschen bei der Arbeit. Was wir jetzt erleben ist, dass der Roboter zunehmend zum aufmerksamen Partner wird. Bei Audi in Ingolstadt können Sie einen Roboter sehen, der seinen menschlichen Kollegen das Heben schwerer Bauteile abnimmt. Er wartet darauf, dass ein Teil auf dem Förderband ankommt und übergibt es dem Mitarbeiter. Der nächste Schritt wird zu lernenden Systemen führen. Ihnen wird ein Ziel vorgegeben. Über Belohnungssysteme finden sie dann selbständig den optimalen Weg. Dieses Prinzip des verstärkenden Lernens kennen wir aus der Psychologie. Das ist der eine Aspekt.
Wenn wir konkret an künstliche Intelligenz denken, kommen uns neben den Roboterarmen aber auch autonome Fahrzeuge und Fabrikhallen in den Sinn, die Industrie 4.0 und das Internet der Dinge. Mittlerweile sind 14 Milliarden Geräte miteinander verbunden. Die Zahl wird sich zum Ende des Jahrzehnts verdoppeln. Mit ihr wächst das Potenzial für künstliche Intelligenz.

Auf einer Zeitleiste, vom programmierten Roboterarm zur selbstständig arbeitenden Maschine, wo befinden wir uns?
Aktuell ist der Einzug der Sensorik. Der angesprochene Roboterarm in Ingolstadt ist kein Prototyp mehr. Über einen ehemaligen Studenten habe ich Kontakt zu dem Roboterbauer Kuka in der Nähe von München. Dort holt man den Roboter nun aus seinem Käfig. Diese Entwicklungen hingen lange von der Automobilindustrie ab. Nun erfasst sie auch die Produktion in anderen Branchen. Die Entwicklung wird sich in Deutschland beschleunigen. Das Stichwort lautet Industrie 4.0. Die Industrietradition ist ein Standortvorteil in Deutschland. Nun müssen wir sie mit der Informationstechnologie verbinden. Die großen IT-Unternehmen der Welt erobern heute die Industrie und werden selbst Produzenten, denken Sie an die Autos von Google und Tesla. Wenn wir nicht aufpassen, und die künstliche Intelligenz hierzulande nicht mit unserer Industrie verbinden, werden wir zum Zulieferer.

Eine intelligente Fabrik kann Kundenwünschen besser bedienen. Muss dem individuellen Kunden nun der flexible Mitarbeiter gegenübergestellt werden? Nach 100 Jahren stellen Arbeitgeber sogar den 8-Stunden-Tag wieder zur Diskussion.
Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist eine Konsequenz der intelligenten Fabrik. Eine On-Demand-Produktion setzt den flexiblen Mitarbeiter voraus. Maschinen und Menschen werden selbst ihre Arbeitszeit organisieren. Die Arbeitslehre à la Frederick Taylor, die Kontrolleure mit Stoppuhren durch die Werkhallen streifen lies, ist vorbei. Unternehmen interessieren sich heute für Arbeitsergebnisse, nicht für Mitarbeiterpräsenz. Dem muss allerdings eine entsprechende Ausbildung vorausgehen. In Zukunft müssen wir genauer überlegen, was wir den Mitarbeitern beibringen. Die Bedienung eines Computerprogramms zu lehren, das am Ende der Ausbildung schon nicht mehr im Einsatz ist, führt nirgendwo hin. Wir müssen stärker auf Kompetenz setzen und Lernfähigkeit fördern.

Was bedeutet die Flexibilisierung konkret?
Fast ein halbes Jahrhundert alt ist Norbert Wieners Warnung, der Mensch werde zum Sklave, wenn er mit Maschinen im Wettbewerb stehe. Dem gegenüber stehen die Freiheitsversprechen der Hersteller der neuen Systeme. Wie breit müssen wir die Diskussion heute anlegen, um über hochqualifizierte Facharbeiter und spontanbeschäftigte Clickworker sprechen zu können? Diese Kritik und die Frage sind sehr ernst zu nehmen. Ich frage aber zuerst: Wo war die Versklavung stärker? In der Henry-Ford-Welt des Taylorismus, über die wir sprachen, oder heute? Neu ist nicht, dass Maschinen den Takt vorgeben. Neu sind aber die Chancen der Flexibilisierung. Sie sind abhängig vom Grad der Automatisierung und vom Ausbildungsstand der Mitarbeiter. In der Tat, wir müssen sehr differenziert schauen, was in den einzelnen Segmenten der Fall ist. Ein angestellter Mitarbeiter bei Audi arbeitet anders als ein Click- oder Crowdworker, der auf Zuruf Arbeiten erledigt. Dass sich die Industrie künftig nur noch einer Crowd bedienen wird, kann man jedoch nicht sagen. In der angestrebten Industrie 4.0 wäre dies auch gar nicht möglich. Das Konzept sieht hochqualifizierte Mitarbeiter vor, die den Unternehmen die Sicherheit bieten, auf sie zugreifen zu können.
Es ist ein ganz anderer Aspekt entscheidend und auch für die Arbeitgeber und Gewerkschaften künftig interessant: Für die beschleunigten Innovationszyklen brauchen wir künftig Phasen, in denen Mitarbeiter aus der unmittelbaren Produktion herausgenommen werden, um sie auf nächste Entwicklungsetappen vorzubereiten.
Vom lebenslangen Lernen wurde lange vollmundig gesprochen. Länger aufschieben lässt es sich kaum. Die Einführung der Industrie 4.0 hängt davon ab, wie solche Bildungskonzepte gelingen werden. In der dualen Ausbildung wird diese Form der Nachhaltigkeit bereits beachtet. Hier sollte weiterentwickelt werden. Im Ganzen geht es um ein Gegenkonzept zur Clickworker-Version. Sie wird nur in Teilsegmenten der Arbeitswelt auftreten. Keineswegs lassen sich damit aber ambitionierte Konzepte der Unternehmen und Politik wie Industrie 4.0 realisieren.

Wie sehr ist der Ist-Zustand von den Forderungen entfernt? Die Zweite Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner hat auf der vergangenen Engineering- und IT-Tagung schon darauf verwiesen, dass neue Bildungskonzepte und Formen der betrieblichen Mitbestimmung beim Blick in die nahe Zukunft zu kurz kommen.
Das ist die Schlüsselfrage. Wir können uns in der Politik und in der Wissenschaft, in den Organisationen und Unternehmen vieles ausdenken. Wenn wir allerdings den gut ausgebildeten und an der Entwicklung beteiligten Mitarbeiter nicht haben, dann fährt die Automatisierung an die Wand. Sie bleibt dann ein Wolkenkuckucksheim. Es ist illusorisch zu glauben, es gäbe von jetzt auf gleich automatisierte Fabriken, in der wenige Superingenieure im Cockpit sitzen und selbständig arbeitende Maschinen beaufsichtigen. Wir werden auf allen Stufen gut ausgebildete Ingenieure, Facharbeiter, Informatiker, Techniker und viele weitere Mitarbeiter haben müssen.
Blicken wir auf die Industrie, haben wir in Deutschland einen weiteren entscheidenden Standortvorteil, nämlich unser Ausbildungssystem. Wir sind nicht mit unseren Universitäten weltweit führend, sondern mit der Lehrlings- und Meisterausbildung. Das ist der Garant für Made in Germany, das muss man klar sehen. Wenn wir uns auf die Industrie 4.0 vorbereiten, denke ich insbesondere an die duale Ausbildung in der Schule und im Betrieb. Das Learning by Doing kommt den jungen Menschen viel näher. Manche kritisieren einen Akademisierungswahn. Die Vorstellung, das Heil der Welt im Universitätsabschluss zu suchen, halte auch ich für falsch. Wir müssen über unsere gesellschaftlichen Bewertungen der unterschiedlichen Abschlüsse neu nachdenken. Über den Standortvorteil der Berufsausbildung müssen wir ehrlicher reden. Davon hängt das Gelingen der Konzepte rund um die Industrie 4.0 ab.

Diesen Appell richten sie nicht nur an die Unternehmen.
Er richtet sich vor allem an die Politik, insbesondere die Bildungspolitik. Die Universität steht heute ganz oben. Aber wir müssen in die Breite denken, an die Praxis. Nehmen Sie mich, ich habe Physik studiert. Ich kenne also die Maxwellschen Gleichungen und traue mir manche theoretische Lösung zu. Aber wenn in meinem Haus eine Leitung zu reparieren ist, rufe ich einen Elektromeister. Er kennt die Problemlösung. Wenn wir nicht wieder stärker auf die Berufsausbildung schauen, würde ich von einer Fehlentwicklung sprechen. Schauen Sie heute nach China. Von dort hat man lange auf uns geblickt und bald ist ein Niveau der Qualifizierung erreicht, mit dem sich die Industrie 4.0 realisieren lässt.

Bei der Engineering- und IT-Tagung werden Sie über das Mensch-Maschine-Verhältnis sprechen. Können Sie einen kurzen Einblick geben?
Eigentlich stört mich der Begriff der Maschine etwas. Wir reden ja heute nicht von dem ölverschmierten, ratternden Gestell des 19. Jahrhunderts. Stattdessen reden wir über Industrie 4.0 und denken, darüber werde ich sprechen, an Infrastrukturen, an Systeme. Menschen interagieren heute mit mehr oder weniger automatisierten Systemen, sei es das Verkehrsnetz, in dem wir uns bewegen, oder das Smart Grid, das uns mit Energie versorgt. Das ist die unmittelbare Zukunft, darauf muss unsere Kompetenz abstellen. Wir sind in diese intelligenten Infrastrukturen eingebettet. Wenn wir sie entwickeln wollen, brauchen wir die technische Kompetenz der Ingenieure und Informatiker, das gesellschaftliche Verständnis von Psychologen, Soziologen und Juristen. Im besten Fall versteht jeder die Sprache des anderen. Die Entwicklung gelingt nur noch interdisziplinär, ich spreche dabei gerne vom Systemengineer.

Das Schlagwort der nahen Zukunft lautet also Integration?
Ja, es ist mein Lieblingswort. Interdisziplinär ist akademisch und universitär gedacht. Man geht von getrennten Fachrichtungen aus, die nun zusammenarbeiten. Aber Integration meint mehr. Letztlich geht es darum, diese Systeme in die Gesellschaft zu integrieren. Es wird nicht gelingen, wenn die Menschen sie nicht akzeptieren.

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