Betriebsübergang
Auch nach Verkauf des Betriebs: Belegschaft sichert Tarifvertrag

Die Beschäftigten eines Logistikzentrums von Gerry Weber mussten um ihren Tarifvertrag bangen, nachdem das Unternehmen verkauft wurde. Geht ein Betrieb in neue Hände über, kann das auch Einfluss auf die tariflichen Regelungen haben. Die Beschäftigten wollten das nicht hinnehmen.


Wenn der Eigentümer eines Betriebes wechselt, gehen die Sorgen bei den Beschäftigten los. Wie geht es weiter? Stehen Entlassungen bevor? Bleiben die Tarifverträge bestehen? Diese Fragen haben auch die Belegschaft des Logistikzentrums von Gerry Weber im westfälischen Halle geplagt, nachdem der Verkauf ihres Betriebs im März diesen Jahres offiziell war.

 

Das Ziel: der alte Tarifvertrag sollte bleiben

„Dass es nicht gut läuft, haben wir in der Logistik natürlich schon vorher gemerkt“, sagt Ayse Caglayan, Betriebsrätin in dem Logistikzentrum Revenna Park. Als die Läden aufgrund der Coronapandemie geschlossen blieben, kamen mit jeder neuen Kollektion mehr Kleidungsstücke zurück ins Lager. Ursprünglich war das Lager des Logistikzentrums für mehr Ware ausgelegt, der Plan ging nicht auf. Als dann der neue Eigentümer feststand, herrschten gemischte Gefühle. Walbusch, ein familienbetriebener Kleidungshersteller, hat den Betrieb zum 1. September übernommen. Eine Zusage, dass der an der Textil- und Bekleidungsindustrie angelehnte Tarifvertrag bestehen bleibt, blieb aus.

Das haben sich Belegschaft und IG Metall nicht gefallen lassen. Sie wünschten sich die kollektive Absicherung der Arbeitsbedingungen über einen Tarifvertrag. Jetzt war klar: Sollte der Auftrag der Beschäftigten bestehen, wird die Gewerkschaft die Arbeitgeber von Walbusch zu Verhandlungen aufrufen. „Ich war überrascht, wer alles aus der Belegschaft zu mir kam und gesagt hat: Ich bin dabei, um für unseren Tarifvertrag zu kämpfen“, sagt die Betriebsrätin weiter. „Uns im Betrieb ging es vor allem um Sicherheiten nach dem Wechsel.“ Nach etlichen Einzelgesprächen, einem Brief der Belegschaft an die Geschäftsführung und Betriebsversammlungen stand fest: Die Hälfte der Beschäftigten hatte sich inzwischen in der IG Metall organisiert und stimmte für die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber.

 

Altersteilzeit gestrichen, Urlaubsgeld erhöht

Im August ist es dann so weit: Bei der ersten Verhandlung macht das Unternehmen klar, dass es nicht bereit ist, alle geltenden Tarifverträge so zu übernehmen, wie sie aktuell bestehen. Ausgerechnet bei der Altersteilzeit, die in vielen Bereichen für Beschäftigte besonders wichtig ist, stellt sich die Chefetage quer. Nach einigen Runden setzen sich am Ende Beschäftigte und IG Metall in großen Teilen durch: Die Tarifverträge bleiben bestehen. Zukünftige Lohnerhöhungen der Textiltarifverträge werden damit weiterhin übernommen. Nur bei der Altersteilzeit bleiben die Arbeitgeber hartnäckig – als Kompromiss und Kompensation für den Wegfall wird das Urlaubsgeld erhöht.

„Der Prozess zeigt deutlich: So mehr sich eine Belegschaft gemeinsam einbringt, umso mehr kann sie bewegen“ sagt die Gewerkschaftssekretärin Janina Hirsch, die gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen von der IG Metall das Logistikzentrum in allen Phasen intensiv während der Konfliktzeit begleitet hat. „Wir haben durch umfassende Aktivitäten im Betrieb und den engen Austausch mit der Belegschaft das Fundament für Tarifverhandlungen gelegt und über diesen Weg abgesichert, dass es keine Verschlechterungen für die Kolleginnen und Kollegen gibt.“

Der Kampf um die Tarifverträge hat die Belegschaft geprägt. „Wir sind zufrieden, wollen aber weiter für unsere Rechte kämpfen“, sagt Ayse Caglayan. Sie und die anderen Betriebsräte haben zurzeit ein Übergangsmandat. Zeitnah soll ein neuer Betriebsrat gewählt werden, die Vorbereitungen dafür laufen schon. Ayse Caglayab wird wieder antreten, um sich mit dem Mandat weiter für die Rechte ihrer Kolleginnen und Kollegen einzusetzen. Das hat beim letzten Mal schon gut geklappt.

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