IG Metall
IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     
Interview mit Martin Kannegiesser, Gesamtmetall. Foto: Karlheinz Schindler/Picture-Alliance

Interview mit Martin Kannegiesser, Präsident Arbeitgeberverband Metall-und Elektroindustrie.

"Mehr Verständnis für Vereinbarkeit"

31.05.2011 Ι Vereinbarkeit wird auch für die Arbeitgeber immer wichtiger, sagt Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbands der Metall- und Elektroindustrie, Gesamtmetall. Mehr Gesetze lehnt er strikt ab. Tarifliche Regeln und deren Weiterentwicklung hingegen hält er für sinnvoll.

Wieviel Zeit verbringen Sie mit Ihrer Familie?
Martin Kannegiesser:
(lacht) Zu wenig. Als meine Tochter klein war, habe ich es leider versäumt, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Das würde ich heute anders machen. Heute habe ich auch mehr Verständnis für Mitarbeiter, denen auch Familienzeit wichtig ist. 

Seit 2001 predigen Sie den Unternehmern der Metall- und Elektroindustrie, sich stärker um die Vereinbarkeit zu kümmern. Hat sich seither was bewegt? 
Ja. Viele Unternehmer sind offener geworden für flexible, individuelle Arbeitszeitregeln. 

Das sind schöne Worte, aber was tun, wenn Chef oder Vorgesetzter blockieren beim Thema Vereinbarkeit?  
Wir brauchen auf keinen Fall mehr Gesetze. Es gibt das Recht auf Teilzeit. Und wir haben die Arbeitszeiten wie beispielsweise Langzeitkonten über unsere Tarifverträge geregelt. Alles andere sollten Betriebsräte und Unternehmer passgenau über Betriebsvereinbarungen verhandeln. Allerdings ist Vereinbarkeit trotz mancher erleichternder Rahmenbedingungen keine Frei-Haus-Lieferung: In erster Linie müssen die Familien selbst den Willen und die Fähigkeit zur Vereinbarkeit mitbringen. 

Aber ohne Verbindlichkeit, nur mit Verständnis, geht langfristig nichts.
Überall besteht der Bedarf, für Verständnis zu werben, deutlich zu machen, wie wichtig Vereinbarkeit ist, und für Vereinbarkeit zu sorgen. Nun muss man allerdings auch Verständnis für die haben, die direkt an der Front stehen. Die zum Beispiel konkrete Verantwortung dafür tragen, dass Termine eingehalten werden. Dass ein Betrieb nicht einfach sagen kann "Na, kommst Du heute nicht, kommst Du morgen", sondern natürlich Verpflichtungen haben. Das ist ja gerade dass auszeichnende Merkmal der deutschen Industrie, dass wir für Pünktlichkeit stehen. Deshalb erhalten wir Aufträge und diejenigen, die dafür in besonderer Weise verantwortlich sind - wie Meister oder Gruppenleiter - wirken manchmal so, als wenn sie kein Verständnis für Familien hätten. Aber Vereinbarkeit ist nicht nur eine Frage des Verständnisses, da haben Sie völlig Recht. Man muss auch organisatorisch viel tun. Zum Beispiel können Gruppenarbeit und Teamarbeit Vereinbarkeit fördern. Es macht einen großen Unterschied, ob ich in einer hierarchischen Organisation bin oder ob eine Gruppe Kollegen untereinander wissen, wer wann was wo leisten muss.



Können Sie sich vorstellen, in Tarifverträgen mehr zum Thema Vereinbarkeit zu regeln?
Wir, Gesamtmetall und die IG Metall, werden weiterhin über das Thema familienfreundliche und auch demografiegerechte Arbeitszeiten sprechen. Es muss möglich sein kürzer, aber auch länger zu arbeiten. Wenn zum Beispiel ein junger Familienvater ein Haus bauen will, dann braucht er mehr Geld und ist bereit länger zu arbeiten. Unsere demographische Entwicklung im Umfeld der modernen Weltwirtschaft braucht ein größeres qualifiziertes Arbeitsvolumen und solches Potential lässt sich nur durch familienfreundliche Angebote erschließen. 

Das heißt, Sie lehnen den Vorschlag von Familienministerin Schröder ab, mehr 30-Stunden-Jobs anzubieten?
Anspruch auf Teilzeit gibt es doch schon. Aber was nutzt ein 30-Stunden-Job, wenn die städtische Kita nur 20 Stunden aufhat? Hier darf die Politik gerne die eigenen Hausaufgaben erledigen.

Was halten Sie vom Entwurf des Familienpflegegesetzes?
Natürlich wird das Thema Pflege bei unserer demografischen Entwicklung und dem Anteil der älteren Bevölkerung sehr wichtig. Für die Betriebe ist es das jetzt schon, einfach weil viele Mitarbeiter damit konfrontiert sind. Und wenn ein Mitarbeiter Pflegezeiten über seine Arbeitszeitgestaltung organisieren will, dann wird ja auch versucht, einen Weg zu finden.

Klappt das?
Das klappt meiner Meinung nach in vielen Fällen. Das starre Modell, das sich Frau Schröder vorstellt, ist für die Betriebe nicht geeignet, auch nicht für alle Mitarbeiter. Ich bin der Meinung, dass wir, die IG Metall und die Unternehmen, in Sachen Pflegezeit Empfehlungen, praktische Handlungshilfen sowie gute Beispiele aufzeigen sollten. Hat ein Betrieb eine gute Regelung zur Pflegezeit, dann spricht sich das sehr schnell rum auf dem Arbeitsmarkt. Und im Hinblick darauf, dass wir ja einen Arbeitskräftemangel in den nächsten Jahren bekommen, werden Firmen, die eine solche familienfreundliche Kultur leben, attraktiv sein.

Der Wirtschaftsboom sorgt für Überstunden und Sonderschichten. Das bringt die Betreuungskonzepte junger Familien aus dem Gleichgewicht. 
So ist das Leben. Wir werden uns damit abfinden müssen, dass die Metall- und Elektroindustrie ein immer stärkeres zyklisches Geschäft ist und Arbeitszeitschwankungen normal werden. Genau deshalb müssen wir uns ja darüber unterhalten. 

Wenn Sie die Augen schließen, wie würde für Sie in punkto Vereinbarkeit ein idealer Betrieb aussehen? 
So wie meine Firma in Vlotho.

Was bieten Sie Ihren Beschäftigen?
Wir haben viele flexible Arbeitszeitmodelle, wir lösen die Probleme gemeinsam, wenn sie anstehen - von Kinderbetreuung bis zur Pflege.

Ihre Firma ist auf dem platten Land, ist es dort nicht besonders schwierig Kindergärten mit langen Öffnungszeiten zu finden? Ist das nicht auch eine Aufgabe der Unternehmen in der Region, sich da zusammenzuschließen und kluge Modelle zu machen, und zum Beispiel Kindergärten zu unterstützen?
Wir in Ostwestfalen haben beispielsweise bereits vor 25 Jahren angefangen, Weiterbildungsverbünde zu organisieren. Ein Mittelständler kann sich keine Weiterbildungsberater leisten oder er hat kein regionales Bildungswerk vor Ort. In unserem Verbund leisten wir das gemeinsam. Und genauso kann man sich das auch für das Feld Kindergärten vorstellen. Daran sollten Mittelständler gemeinsam arbeiten, um auch das städtische Umfeld für Familien attraktiv zu gestalten.

Was ist Ihr Appell an die Unternehmen Ihres Verbands? 
Die Betriebe sollten beim Thema Vereinbarkeit gute Beispiele vorleben. Und IG Metall und Gesamtmetall sollten Empfehlungen geben, wie sich Vereinbarkeit besser umsetzen lässt. Betriebliche Notwendigkeiten und familiäre Erfordernisse sind zwei Seiten derselben Medaille.

Themen

Alles rund um Ihren Arbeitsplatz.

Links und Zusatzinformationen
Zur Person: Martin Kannegiesser

Martin Kannegiesser ist seit September 2000 Präsident von Gesamtmetall.
 
Er ist  Inhaber des mittelständischen Maschinenbauunternehmens Herbert Kannegiesser GmbH.

Bis 1992 war er stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen und Mitglied im Bundesvorstand der CDU-Mittelstandsvereinigung.

Servicebereich