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Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche 1984
Fünf Wochen kalt ausgesperrt

Im Kampf um die 35-Stunden-Woche 1984 haben die Metallarbeitgeber eine halbe Million Beschäftigte ausgesperrt: „Kalte Aussperrung“ – das hieß ohne Lohn wochenlang vor der Tür. Auch die Beschäftigten bei Daimler in Bremen waren kalt ausgesperrt. Der damalige Betriebsrat Jürgen Coors erinnert sich.


Jürgen, auch Ihr wart bei Daimler in Bremen 1984 kalt ausgesperrt. Wie war das damals für Euch?

Jürgen Coors: Wir waren fünf Wochen lang ohne Geld. Der Chef der Bundesanstalt für Arbeit Franke hatte ja erlassen, dass es kein Kurzarbeitergeld für uns kalt Ausgesperrte gibt. Du kannst Dir vorstellen, unter was für einem Druck wir standen. Die meisten hatten ja keine Ersparnisse, um die Zeit zu überbrücken. Viele haben sich Nebenjobs gesucht, als Taxifahrer oder Maler, um sich über Wasser zu halten. Aber wir haben uns gewehrt: Wir haben an Infoständen auf unsere Lage aufmerksam gemacht und Flugblätter verteilt. Einmal in der Woche hatten wir eine große Mitgliederversammlung in der Stadthalle, mit gut 4500 Kolleginnen und Kollegen. Im Anschluss sind wir dann immer durch die Stadt gezogen. Wir haben dann vorm Arbeitgeberverband protestiert. Oder vor dem Arbeitsamt, um unser Kurzarbeitergeld einzufordern. Wir haben auch in Hamburg demonstriert, in Kassel beim Bundessozialgericht und in Bonn.

Die Bundesanstalt für Arbeit hat ja argumentiert, die kalte Aussperrung seien Folge von Lieferausfällen, die die IG Metall durch ihren Streik verschuldet habe. Wie war das bei Euch?

Unser Arbeitgeber hat sich die Produktionsausfälle selbst eingebracht. Uns haben Zulieferungen aus den Daimler-Werken in Sindelfingen und Kassel gefehlt. Und dort wurde nicht gestreikt, sondern der Arbeitgeber hat ausgesperrt.

Wie hast Du die Zeit persönlich erlebt?

Coors: Ich war ja damals gerade erst sechs Wochen im Betriebsrat. Das war schon enorm. Wir waren Tag und Nacht auf den Beinen und haben auf dem Fußboden geschlafen. Allein schon um in Zeiten ohne E-Mails und Smartphones die Leute auf dem Laufenden zu halten. Denn vom Arbeitgeber kamen ja keinerlei Infos, wie es weitergeht. Wir haben laufend telefoniert, tausende Briefe kuvertiert, mit Briefmarken beklebt und gestempelt. Außerdem sind wir regelmäßig durch den Betrieb gelaufen und haben Arbeit gesucht – um dann dem Arbeitgeber zu sagen: Hier gibt es Arbeit, mit der wir ein paar Leute beschäftigen können. Doch unsere Hauptaufgabe war, die Leute zu beruhigen.

Letztlich habt Ihr alle durchgehalten. Wir habt Ihr das geschafft?

Wir haben zig regionale Mitgliederversammlung in Kneipen und Gemeindehäusern auf dem Land abgehalten. Unser Einzugsgebiet ist ja gut 100 Kilometer groß. Da war wirklich Druck auf dem Kessel. Die Partnerinnen der Kollegen kamen ja mit zu den Versammlungen und haben uns als IG Metall Dampf gemacht. Den meisten ist ja rasch das Geld ausgegangen. Aber: Trotzdem haben wir alle zusammengehalten. Vielleicht war es ja auch eine Trotzreaktion – aber ich denke: Letztendlich wussten die Kolleginnen und Kollegen, worum es ging. Wir hatten im Vorfeld oft vorgerechnet, wie viele Arbeitsplätze die 35-Stunden-Woche bringt. Und viele haben damals schon die steigende Belastung gespürt, vor allem am Band. Das war klar, dass das mit 35 statt 40 Stunden viel eher zu schaffen ist.

Wie habt Ihr das Problem mit dem Geld gelöst?

Der damalige Bremer IG Metall-Bevollmächtigte hat mit Banken und Wohnungsgesellschaften verhandelt, damit sie ihre Forderungen stunden. Und wir bekamen Spenden von Gewerkschaftern aus ganz Europa, vor allem aus Schweden. Die Spenden haben wir dann unseren Ferienarbeitern weitergegeben, als endlich das Sozialgericht Bremen den sogenannten Franke-Erlass dann für rechtswidrig erklärt hat und wir doch unser Kurzarbeitergeld bekamen. Unter Vorbehalt, wohlbemerkt. Es hat noch zweieinhalb Jahre gedauert, bis geklärt war, dass wir das Kurzarbeitergeld behalten dürfen.

Und wie war das dann für Euch, nach sieben Wochen kalter Aussperrung wieder an die Arbeit zurückzukehren?

Das war am Anfang ein schwieriger Prozess. Da war viel Vertrauen kaputt. Zuvor dachten viele: „Ich bin bei einem guten Arbeitgeber“. Und dann sperrt er uns kalt aus und sagt: „Was interessiert mich, was mit Deiner Miete und Deinen Kindern ist?“

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