IG Metall
IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     
Beschäftigte wollen flexibler arbeiten können - Interview mit Jörg Hofmann

Flexibilität darf keine Einbahnstraße sein - Interview mit Jörg Hofmann

Wem gehört die Zeit?

12.05.2014 Ι Die Arbeitszeit ist bei den Beschäftigten derzeit ein Riesenthema. Im Mittelpunkt steht dabei der Wunsch nach Zeitsouveränität und flexiblen Arbeitszeiten. "Wem gehört die Zeit?" Um bei dieser Frage weiterzukommen, wirbt der Zweite IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann im Interview für neue arbeitszeitpolitische Initiativen, die alle Beschäftigten beteiligen.
Jörg, der Streik um die 35-Stunden-Woche jährt sich in wenigen Tagen zum 30. Mal. Doch das Thema Arbeitszeit ist aktueller denn je. Worum geht es in der aktuellen Diskussion?
Die Beschäftigten wollen Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen, die ein gesundes Maß haben und sie wollen ihre Arbeit und ihr Privatleben besser in Einklang bringen. Nach sicherer Arbeit und ausreichendem Einkommen stehen für unsere Kolleginnen und Kollegen Fragen ihrer Arbeitszeit an oberster Stelle. Das hat unsere Beschäftigtenumfrage mit über 500 000 Beteiligten deutlich gemacht. Und nicht zuletzt bleibt die Arbeitszeitverkürzung als Mittel zur Beschäftigungssicherung aktuell. Dies hat die vergangene Krise deutlich gezeigt.

Die Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche haben doch die 35-Stunden-Woche. Was wollen sie denn noch mehr?
Mit den vereinbarten Schritten zur 35-Stunden-Woche wurde auch die Flexibilität der Arbeitszeit erweitert. Aber diese Entwicklung verlief sehr einseitig zugunsten der Flexibilitätsansprüche der Arbeitgeber. Die Beschäftigten haben kaum Wahlmöglichkeiten und Zeitsouveränität. Flexibilität darf aber keine Einbahnstraße sein. Die Kolleginnen und Kollegen wollen planbarere Arbeitszeiten. Arbeitszeit darf nicht der Puffer sein, um ständig wachsende Leistungsanforderungen noch bewältigen zu können. Die Arbeitnehmer wollen auch mal kurzfristig frei nehmen können, wenn sie was Privates regeln müssen. Und es geht um Zeiten, in denen sie sich erholen und ihren persönlichen Interessen nachgehen können.

Dafür gibt es doch die Feierabende und Wochenenden.
Klar, aber ausufernde Arbeitszeiten und Arbeitszeitverfall nehmen zu. Das ist nicht akzeptabel. Die Arbeitnehmer müssen ein Recht darauf haben "abzuschalten", statt jederzeit über Telefon oder Email verfügbar zu sein. Da sind aber auch die Betriebsräte gefordert. Wir brauchen eine gemeinsame betriebspolitische Strategie, die dagegen hält. Und schließlich geht es um ganz konkrete Vereinbarkeitsfragen: Väter und Mütter wollen arbeiten, ohne ihre Kinder oder die Pflege von Familienangehörigen zu vernachlässigen. Wir haben heute das Problem, dass die Menschen solche Lebensumstände hauptsächlich privat regeln und viele Unternehmen halten sich da immer noch vornehm zurück. Dabei ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb mein Vorschlag dazu: eine "kurze Vollzeit": Wir brauchen kollektive Regelungen, also Arbeitszeitmodelle, die ermöglichen, zeitlich befristet oder anlassbezogen Arbeitszeit zu reduzieren.

Flexible Arbeitszeiten haben bisher die Arbeitgeber den Mitarbeitern abverlangt - und zwar im Interesse des Unternehmens. Warum sollten die Arbeitgeber jetzt auf die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten eingehen?
Mindestens aus zwei Gründen. Erstens brauchen und wollen Unternehmen motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der sich abzeichnende Fachkräftemangel macht das notwendiger denn je. Frauen und ältere Beschäftigte werden für die Unternehmen wichtiger. Passende Arbeitszeitmodelle entscheiden zunehmend über die Attraktivität der Arbeitsplätze. Schon aus diesem Grund müssen sich die Unternehmen verstärkt auf die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten einlassen.

Und zweitens sind die Leistungsanforderungen in den Betrieben in den letzten Jahren enorm gestiegen - und dies oft bei knapper Personaldecke. Insbesondere psychische Belastungen und Erkrankungen haben in einem Maße zugenommen, dass selbst die Krankenkassen Alarm schlagen. Für viele Beschäftigte in unserem Organisationsbereich sind die aktuellen Arbeitsbedingungen nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter durchzuhalten. Das kann auch nicht im Interesse der Unternehmen sein. Erforderlich sind Arbeitszeiten, die alterns- und auch altersgerecht sind. Außerdem brauchen wir mehr Möglichkeiten des flexiblen Übergangs in die Altersrente.

Wie will die IG Metall die Themen anpacken?
Wir brauchen neue arbeitszeitpolitische Initiativen. Sowohl auf betrieblicher, als auch auf tarifpolitischer Ebene. Dabei müssen wir mit unserer arbeitszeitpolitischen Strategie kurz- und mittelfristige Ziele benennen. Aber wir müssen auch die Voraussetzungen dafür schaffen, diese Ziele erfolgreich durchsetzen zu können.

Was wären solche Voraussetzungen?
Das beginnt im Betrieb und im Umgang mit bestehenden gesetzlichen und tariflichen Regelungen. Hier wollen wir auf der betriebspolitischen Konferenz Impulse setzen. Dazu gehört auch, die kurz- und mittelfristigen tarifpolitischen Ziele abzustecken. Die Debatte darüber hat in den Bezirken begonnen. Wichtig ist mir die breite Beteiligung der Mitglieder, der Betriebsräte, Vertrauensleute und Beschäftigten an dieser Debatte. Ich bin überzeugt: Wenn wir unsere Ziele in einer so angelegten arbeitszeitpolitischen Strategie bündeln und mit neuer Energie angehen, werden wir in der alten Auseinandersetzung um die Frage "Wem gehört die Zeit" einen Schritt weiterkommen.

Themen

Alles rund um Ihren Arbeitsplatz.

Links und Zusatzinformationen
Der IG Metall-Arbeitszeit-Check

Lässt Ihnen Ihre Arbeitszeit Zeit für ein gutes Leben? Im Bedarfsfall sind Sie als Erstes gefragt, Grenzen zu ziehen.

Mit Tarifvertrag geht's gerechter zu:

beim Entgelt, beim Urlaub, bei der Arbeitszeit - und es gibt Rechtsschutz. Aber: Nur Mitglieder haben einen Anspruch darauf.

Die wichtigsten Infos immer dabei
Servicebereich