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Dieselaffäre: Interview mit Roman Zitzelsberger

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Dieselaffäre: Interview mit Roman Zitzelsberger

"Wir brauchen verbindliche Regeln für Nachbesserungen"

01.08.2017 Ι Morgen ist der Dieselgipfel. Roman Zitzelsberger, der IG Metall-Bezirksleiter von Baden-Württemberg, nimmt für die IG Metall daran teil. Im Interview erklärt er, was er vom Gipfel erwartet.

Roman, welche Lösungen erhoffst du dir zum Thema Diesel?

Roman Zitzelsberger: Im Wesentlichen müssen verbindliche und nachprüfbare Regelungen und klare Zeitvorgaben für erforderliche Nachbesserungen von Diesel-Pkws ab Euro 5-Norm verabredet werden. Und zwar für alle Hersteller, die auf dem deutschen Markt Autos verkaufen. Am Ende muss messbar sein, dass die Autos nach der Software-Nachrüstung weniger Schadstoff ausstoßen.


Wird denn - nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts in Stuttgart - morgen überhaupt noch über Nachrüstung geredet? Oder geht es nur noch um Fahrverbote?

Zitzelsberger: Nein, Nachrüsten bleibt das wichtige Thema. Jetzt erst recht. Wir dürfen das Thema nicht den Gerichten überlassen, denn das verstärkt nur die allgemeine Unsicherheit. Darum sind verbindliche Festlegungen auf dem Dieselgipfel wichtig. Wenn sich herausstellen sollte, dass die jetzt diskutierten Nachbesserungen nicht reichen, um die Stickoxidemissionen deutlich zu verringern, sollten wir eine bundeseinheitliche Blaue Plakette einführen, so dass nur noch schadstoffarme Autos in Ballungszentren fahren können - einschließlich der nachgerüsteten.


Welche Ergebnisse muss der Gipfel außerdem bringen?

Zitzelsberger: Die Hauptaufgabe ist, das Dieselproblem zu lösen. Darüber hinaus sollten wir uns weitere Themen für die Zukunft vornehmen: Zum Beispiel, wie ältere Pkw, die nur die Euro 1- bis Euro 4-Norm erfüllen, schnell ausgetauscht werden können. Bei öffentlichen und gewerblichen Verkehrsträgern oder bei Taxis ist das relativ schnell machbar. Für solche Fahrzeuge, ebenso wie für Privat-Pkw, wäre zu diskutieren, wie der Kauf schadstoffarmer Neuwagen attraktiv gemacht werden kann, etwa durch eine Umweltprämie.


Du selbst bist beruflich viel in Stuttgart unterwegs, einer Stadt mit extremer Abgasbelastung. Wie gehst du persönlich damit um?

Zitzelsberger: Ich habe mein Mobilitätsverhalten in den vergangenen Jahren umgestellt. Wenn es möglich ist, fahre ich in Stuttgart mit Muskelantrieb, also Fahrrad. Meist geht das nur, wenn ich privat unterwegs bin. Bei innerstädtischen Terminen nutze ich in der Regel öffentliche Verkehrsmittel, nicht nur der Umwelt zuliebe, sondern auch, weil es am einfachsten und unkompliziertesten ist. Wenn ich Folgetermine habe oder die Anbindung schwierig ist, muss ich mit dem Auto fahren.


Das heißt aber, viel Zeit im Stau zu verlieren.

Zitzelsberger: Leider ja. Zum Beispiel bei Fahrten von Stuttgart-Feuerbach nach Bad Cannstatt ist das fest "eingepreist".


Müssen Konzepte für einen besseren und umweltfreundlicheren Verkehr Thema auf dem Gipfel morgen sein?

Zitzelsberger: Ich befürchte, damit würden wir den Gipfel überfordern. Aber natürlich müssen auch diese Themen so schnell wie möglich angegangen werden. Wir brauchen ein gemeinsames Handeln aller, die den ökologischen Umbau des Mobilitätssektors voranbringen können. Es geht um neue, digitalisierte Verkehrssteuerungskonzepte, die (auch die Umwelt belastende) Staus, Stop-and-go- und Parkplatzsuchverkehr vermeiden helfen. Aber auch um einen besser ausgebauten öffentlichen Nahverkehr und um ein integriertes System, in dem die verschiedenen Verkehrsmittel - wie Fahrräder, Autos, Busse und Bahnen - besser aufeinander abgestimmt werden. Ein weiteres Ziel müssen Antriebe und Kraftstoffe sein, die kein Kohlendioxid ausstoßen.


Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat einen Fonds in dreistelliger Millionenhöhe dafür angekündigt. Reicht das?

Zitzelsberger: Das wird vermutlich morgen ein Streitpunkt sein. Man kann die Idee weiterverfolgen. Ich würde dieses Thema aber nicht zur Messlatte für den Erfolg des Dieselgipfels machen.


Der Grüne Anton Hofreiter hält die "Tage des fossilen Verbrenners" für "gezählt". Man solle nicht länger tote Pferde reiten. Sind der Diesel- und Benzinantrieb so gut wie tot?

Zitzelsberger: Das halte ich aus mehreren Gründen für Unsinn. Erstens ist das Elektroauto bisher in der Gesamtbilanz noch nicht umweltfreundlicher. Es ist zwar beim Fahren emissionsfrei, aber die Herstellung von Batterien und Zellen ist mit einem gigantischen Energieaufwand und CO2-Ausstoß verbunden. Erst wenn nur erneuerbare Energie zum Einsatz kommt und weniger Energie verbraucht wird, kommt das E-Mobil als massenhafte Alternative in Frage. Aber in absehbarer Zeit geht es nicht ohne Autos mit Verbrennungsmotor. Ich halte auch nichts davon, sich von Technologien zu verabschieden, die sich vielleicht auf Dauer als die besseren erweisen könnten. Besonders, wenn es gelingt, CO2-neutrale synthetische Kraftstoffe herzustellen, und wenn alle sonstigen Schadstoffe, die beim Verbrennungsprozess entstehen, so minimiert werden können, dass sie keine Rolle mehr spielen.


Werden die Kartellabsprachen auf dem Dieselgipfel ein Thema sein?

Zitzelsberger: Ich denke, das macht keinen Sinn. Zuerst muss doch rechtlich geklärt werden, ob und inwieweit die Absprachen gegen das Kartellrecht verstoßen haben. Das will die EU-Kartellbehörde jetzt prüfen.


Du hast viele Kontakte zu Beschäftigten in der Autoindustrie. Sie bauen gute Autos und sind stolz darauf.

Zitzelsberger: Das will ich korrigieren. Unsere Kolleginnen und Kollegen in der Autoindustrie bauen die besten Autos. Keine anderen Fahrzeuge der Welt können in punkto Qualität, Sicherheit und auch bei der Schadstoff- und Emissionsminimierung auch nur ansatzweise mit unseren mithalten. Nicht umsonst sind Fahrzeuge aus Deutschland weltweit so gefragt. Auch jetzt noch.


Was empfinden die Beschäftigten, wenn die Autoindustrie täglich am Pranger steht?

Zitzelsberger: Sie sind natürlich verunsichert und verärgert über die Vorwürfe und Fehler, die gemacht wurden. Und in ihrer Ehre getroffen oder vielleicht besser: ihrer Überzeugung, etwas Gutes zu schaffen. Ich war bei Entwicklungsingenieuren bei Bosch, die beispielsweise wichtige Komponenten für den neuen Euro 6-Diesel von Daimler entwickelt haben. Es ist derzeit der mit Abstand sauberste und effizienteste Diesel, den es gibt. Die Ingenieure sind stolz darauf, dass sie ihren Teil dazu beigetragen haben. Sie trifft es natürlich, wenn sie jetzt in der Debatte mit Giftschleudern in Verbindung gebracht werden. Die Technologie, die heute auf den Markt kommt, ist höchster Standard. Die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, resultieren aus der Vergangenheit. Man sollte die Dinge differenziert und fair betrachten. Das öffentliche Bashing sollte endlich aufhören.


Was erwarten die Beschäftigten jetzt von der IG Metall?

Zitzelsberger: Dass die IG Metall darauf dringt, die Abgasmanipulationen aufzuklären und Konsequenzen daraus zu ziehen. Aber auch, dass sie auf dem Gipfel klar macht: Es geht auch um die Zukunft der Beschäftigten. Und darum, dass der Umbau der Autobranche so gestaltet wird, dass neben Umweltschutz auch Sicherheit und Zukunft der Arbeitsplätze eine zentrale Rolle spielen.

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