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Betriebsrätepreis 2011: Interview mit dem Goldpreisträger von Airbus Operations. Foto: Rainer Brodersen

Betriebsrätepreis 2011: Interview mit dem Goldpreisträger von Airbus Operations

Ein guter Betriebsrat hört gut zu

01.11.2011 Ι Mit dem Engineering-Forum mischen sich die Angestellten aus dem Forschungs- und Entwicklungsbereich von Airbus aktiv ein. Dafür bekamen die Arbeitnehmervertreter den Betriebsrätepreis in Gold. Im Gespräch mit Rainer Brodersen vom Betriebsrat fragt die IG Metall nach ihrem Erfolgsrezept. Das sei so einfach, sagt Brodersen: "Hört den Leuten zu und sagt ihnen nicht, was sie machen sollen."

Rainer, am 20. Oktober wurdet Ihr für Euer Engineering-Forum mit dem Betriebsrätepreis in Gold ausgezeichnet. Was bedeutet die Auszeichnung für Euch?
Für uns bedeutet der Preis vor allem die Anerkennung dessen, was wir gemacht haben. In unserem Projekt stecken viel Herzblut und viele Ideen drin. Ein paar kleine Niederlagen auch, doch im Großen und Ganzen konnten wir mit vielen Menschen was Gemeinsames erreichen. Und das ist das Schöne an der ganzen Geschichte.

Wie viele machen denn beim Engineering-Forum mit?
Wir im Engineering-Bereichsausschuss am Airbus-Standort Hamburg betreuen etwa 4500 Ingenieure. Das Engineering-Forum trifft sich einmal im Monat und da nehmen im Durchschnitt rund 80 Leute teil. Außerdem gibt es eine Mailing-Liste, in die sich jeder eintragen kann, der über Aktionen informiert werden möchte. Das sind zurzeit knapp 300 Leute. Unser Betriebsratskollege Thomas Behrens, den wir für das Engineering-Forum freigestellt haben, dokumentiert alle Aktivitäten, Termine, Präsentationen und vieles mehr.

Alle Achtung. Wie habt Ihr das angestellt, dass die eher "gewerkschaftsscheuen" Ingenieure und technischen Angestellten sich für Betriebsrats- und Vertrauensleutearbeit engagieren?
Es gibt ein geflügeltes Wort bei uns: Im Zweifel sprechen wir mit den Leuten. Und das ist das "A und O". Lange Zeit herrschte diese Stellvertreterpolitik, "der Betriebsrat sagt den Leuten, was für sie gut ist". Das ist eine sehr komfortable Situation, wenn man sagt, der macht das schon. Das genießen zwar einige. Doch bei anderen hat das eher dazu geführt, das sie gesagt haben: Nee, mit denen wollen wir nichts zu tun haben.

Also war Beteiligung statt Bevormundung gefragt.
Genau, wir haben angefangen mit fünf Vertrauensleuten - und zwar aus fünf Disziplinen. Das ist wichtig. Denn wenn wir von 4500 Ingenieuren reden, dann reden wir über Engineering in der Kabine, in den Systemen, in der Elektrik, im sogenannten Rumpfbereich: Jeder war in seinem Bereich ein anerkannter Vertrauensmann. Und die fünf haben gesagt: Wir wollen, dass man mit uns spricht und nicht über uns. Und das haben wir geschafft. Schon unsere erste Veranstaltung war grandios. Da kamen über 400 Leute.

Wie seid Ihr die Sache angegangen?
Wir haben die Kolleginnen und Kollegen gefragt, welche Themen sie interessieren. Als Gewerkschaft mussten wir erst mal einen Schlag ins Gesicht einstecken. Denn wir hatten immer gesagt: Arbeiten ohne Ende - das muss unbedingt aufhören. Aber diejenigen, die gerade an so einem spannenden Projekt wie eine Flugzeugentwicklung tüfteln, die haben Bock auf dieses Projekt. Und deshalb arbeiten sie länger. Wir mussten erst mal lernen, mit den Leuten zu reden. "Warum tut Ihr das?" Wir mussten aber auch unsere Position überprüfen und auch die der IG Metall. Wir haben dann eine neue Position gemeinsam entwickelt. Die daraus entstandenen Forderungen sind bis zu 60 Prozent in dem neu vereinbarten Zukunftstarifvertrag eingeflossen.

Kannst Du uns hier ein Beispiel nennen?
Insbesondere ist hier der angedachte - und schon zum Teil praktizierte - Kulturwandel zu nennen. Es gab bereits eine erste Veranstaltung, zu der alle IG Metall-Vertrauensleute von allen vier Standorten eingeladen waren sowie auch das gesamte Mittelmanagement der Airbus Operations. Dort wurde beiden Berufsgruppen gemeinsam die Eckpunkte des Zukunftstarifvertrags vorgestellt. Die Vertrauensleute werden hier nun als direkte Ansprechpartner vor Ort gesehen. Des weiteren wird es weitreichende Informationsrechte des Betriebsrates bei der Fremdvergabe von Arbeitspaketen geben. Besonders wichtig ist gerade für die Leiharbeitskräfte die weitere Bezahlung nach dem Grundsatz "equal pay and equal treatment": gleiches Geld für gleiche Arbeit.

Sicher empfinden Menschen, die Flugzeuge entwickeln, das als eine Berufung und nicht nur als einen Job.
Ja, das ist so. Die Engineering-Leute fühlen sich eher berufen. Das führt aber auch zu einem der größten Probleme. Die Arbeit wird heute immer mehr global fremd vergeben. Wir haben - wie jedes andere große Unternehmen auch - einen großen Anteil an Subcontracting. Diese Fremdvergabe führt dazu, dass der Designer plötzlich nicht mehr designt, sondern nur noch Arbeitspakete monitort in Form von Projektmanagment. Da hat jemand sechs oder acht Semester Luft- und Raumfahrt studiert, um hinterher Projektmanagement zu machen. Das war nicht sein Plan. Und so etwas stört die Kolleginnen und Kollegen. Sie bangen um die Qualität ihrer Arbeit. Sie bangen um ihre Berufung. Es geht nicht mehr darum, ob sie ihre Arbeit gut oder schlecht machen, sondern darum, ob sie einen Flügel oder eine Flugzeugtür selbst entwickeln oder ob sie nur checken, ob der Lieferant pünktlich liefert. Das wirkt sich aus auf die Identifikation mit dem Produkt. Und die ist extrem hoch aufgrund des guten Produkts.

Sind die Engineering-Kolleginnen und -Kollegen auch bereit, sich über ihre Interessen hinaus an IG Metall-Aktionen zu beteiligen? Zum Beispiel an Warnstreiks wie vor kurzem, als es um den Zukunftstarifvertrag bei Airbus ging, der die vier Standorte und die Arbeitsplätze bis 2020 sichert?
Vor ungefähr sechs Jahren, als die IG Metall das erste Mal zu einer Tarifaktion aufgerufen hat, stand ich zwischen unseren Engineering-Centern mit genau fünf Kollegen und zwei IG Metall-Fahnen. Beim letzten Warnstreik vor drei Wochen zum Zukunftstarifvertrag standen vor der Tür rund 8000 Frauen und Männer. Als wir aus dem Engineering-Block herauskamen, hatten wir vorne das große IG Metall-Engineering-Banner, dahinter waren cirka 200 Leute mit 20 IG Metall-Flaggen. Das heißt: Die Engineering-Leute beteiligen sich.
Und wir werden wahrgenommen. Auf unserem nächsten Forumtreffen wird zum Beispiel der deutsche Chef des Engineerings sprechen. Er möchte dort den Kolleginnen und Kollegen erklären, welche Strategie das Unternehmen bei "Make-or-Buy" beim Subcontracting vorhat.

Ihr werdet aktiv an Unternehmensstrategien beteiligt?
Die Engineering-Kolleginnen und Kollegen werden aktiv beteiligt. Wir, der Betriebsrat, sehen uns eher als die Moderatoren und diejenigen, die den rechtlichen Rahmen ermöglichen. Denn es handelt sich um eine Sprechstunde des Betriebsrates nach Paragraf 39 Betriebsverfassungsgesetz.

Was würdest Du anderen Arbeitnehmervertretern raten, wenn sie Angestellte und Ingenieure für die IG Metall gewinnen wollen?
Da gibt es nur eine einzige Ansage: Es gibt kein Ansprachekonzept für den gesamten Angestelltenbereich. Es muss eine Ansprache auf Augenhöhe passieren.

Es ist also wichtig, sich aufeinander einzulassen.
Genau, dafür braucht man die Vertrauensleute und zwar Vertrauensleute aus dem Engineering. Wenn man sich um die Arbeitsvorbereitungen kümmern möchte, braucht man Vertrauensleute aus der Arbeitsvorbereitung, damit die auch dieselbe Sprache verstehen.

Was macht für Dich einen guten Betriebsrat aus?
Ein guter Betriebsrat hört gut zu. Und er kann nur mit den Kolleginnen und Kollegen gemeinsam etwas erreichen. Die Zeit der Stellvertreterpolitik ist endgültig vorbei.

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Einmal jährlich wird auf Initiative der Zeitschrift "Arbeitsrecht im Betrieb" der "Deutsche Betriebsrätepreis" verliehen. Mit dem Preis wird die vorbildliche Arbeit von Betriebsräten anerkannt, gewürdigt und ausgezeichnet.

Vier Preise an IG Metall-Betriebsräte
In diesem Jahr wurden für den Preis sechs Betriebsratsgremien aus dem Organisationsbereich der IG Metall nominiert. Davon haben vier Betriebsräte einen Preis erhalten: Gold ging an die Arbeitnehmervertreter des Flugzeug- bauers Airbus und Bronze an den Betriebsrat des Iserlohner Kaltwalzwerks Risse & Wilke GmbH. Die IG Metall-Betriebsräte von Aesculap AG in Tuttlingen und ATIKA GmbH & Co. KG in Ahlen erhielten jeweils einen Sonderpreis.

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