Streik für Tarif
Weisensee: Hessens höchster Streik

Seit vier Wochen streiken die Beschäftigten der Firma Weisensee in Eichenzell. Gestern ging es vom Streiklokal mit einem Autokorso zur Wasserkuppe und dann per Demo zu Fuß hoch auf den verschneiten Gipfel des höchsten Bergs Hessens. Sie wollen endlich einen Tarifvertrag mit fairen Löhnen.


Seit vier Wochen sind sie im Streik – und fahren jetzt noch mal richtig hoch: Auf der 950 Meter hohen verschneiten Wasserkuppe demonstrierten die Beschäftigten der Firma Weisensee Warmpressteile mit dem „höchsten Streik“ Hessens für ihren Tarifvertrag.

Die Weisensee-Beschäftigten haben schon lange keine Lohnerhöhung mehr bekommen, viele seit über zehn Jahren nicht mehr, einige sogar schon 15 Jahre.
 

Seit Jahren keine Lohnerhöhung – Geld nach Nase

Doch die Geschäftsleitung stellt sich quer. Geschäftsführerin und Miteigentümerin Michaela Reichel machte in den Verhandlungen bislang kein verhandelbares Angebot.

„Michaela“, besingen die streikenden Weisensee-Beschäftigten im „Kosakenchor“ ihre Geschäftsführerin auf dem schneebedeckten Berggipfel, eingehüllt in den rosa Rauch ihrer Bengalos. „Das ist nicht meine Welt. Bei Dir verdien‘ ich kaum Geld. Der Tarif, der muss sein. Reih’ Dich doch bei uns ein. Michaela-ha-ha.“
 

Weisensee: Höchster Streik Hessens auf der Wasserkuppe

Weisensee-Streikende demonstrieren auf der Wasserkuppe für einen Tarifvertrag. Foto: Reiner Kunze, Verdi-Fototeam Hessen


Den Liedtext haben Andreas und Marco Arnold mitgeschrieben. Sie sind Brüder und arbeiten beide als CNC-Maschineneinrichter bei Weisensee, der eine 15 Jahre, der andere 23 Jahre. Lohnerhöhungen hatten sie schon lange nicht mehr. Und der eine bekommt 4,50 Euro weniger in der Stunde als der andere. „Für die gleiche Arbeit“, ärgert sich Marco. „Die zahlen nur noch Geld nach Nase.“

Der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Schubert rammt eine fast 40 Jahre IG Metall-Fahne in den Schnee auf dem Gipfel. Es reicht, finden die Beschäftigte und IG Metall. Sie wollen jetzt eine Entscheidung. Bislang blieb die Eigentümerfamilie stur. Reichel Senior fährt sogar Teile selbst zu den Kunden, etwa zu ZF und Bosch. Doch jetzt gehen ihnen die Teile aus.
 

Druck steigt – „Streik steht wie eine Eins“

„Der ökonomische Druck auf die Geschäftsleitung steigt“, macht Robert Weißenbrunner, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Hanau-Fulda in seiner Ansprache auf der Wasserkuppe klar. „Und der Streik steht wie eine Eins. Im Klartext heißt das: Der Streik geht so lange weiter, bis wir einen Tarifvertag bei Weisensee haben.“

Mit Fahnen, Fackeln, Trommeln und mit ihren Familien sind sie heute auf den Gipfel der Wasserkuppe gezogen – vorbei an verdutzten Rodel-Touristen. Die jüngste Demoteilnehmerin ist 16 Monate alt und wird im Kinderwagen hinaufgeschoben. „Wir hoffen, dass die Geschäftsleitung endlich einlenkt und nicht noch irgendeinen Mist macht. Wir haben gerade gebaut“, meint ihre Mutter, die Frau eines Weisensee-Beschäftigten, die auch ihren Vater zur Streikdemo mitgebracht hat.

Bei der Demo hoch zur Wasserkuppe sind auch Metallerinnen und Metaller anderer Betriebe dabei. „Seit vier Wochen nehme ich mir immer wieder Urlaub, um hier dabei zu sein und die Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen“, meint ein IG Metall-Vertrauensmann von FFT in Fulda. „Es ist wichtig, dass ich hier bin und Solidarität zeige.“

 

97,2 Prozent stimmten für Streik

Aus vielen anderen Betrieben und IG Metall-Geschäftsstellen bundesweit laufen Solidaritätsgrüße bei den Weisensee-Beschäftigten ein.

Gestartet ist die Tarifbewegung bei Weisensee Warmpressteile im letzten Frühjahr. Fast alle Beschäftigten traten in die IG Metall ein. Sie wählten eine Tarifkommission, stellten ihre Forderungen auf: die Anerkennung der hessischen Metall-Tarifverträge. Die Verhandlungen starteten, blieben jedoch ohne Fortschritt. Anfang Dezember stimmten dann 97,2 Prozent der Weisensee-Beschäftigten in einer Urabstimmung für Streik.
 

Weitere Infos und Fotos auf der Internetseite der IG Metall Hanau-Fulda

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