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Kardinal Marx zu Gast bei der IG Metall
„Wir sind so etwas wie Verbündete“

Reinhard Marx bekleidet das höchste Amt der katholischen Kirche in Deutschland. Während seines Besuchs bei der IG Metall erklärt er, warum Kirche und Gewerkschaften Verbündete sind und warum er von Kindesbeinen an mit dem Betriebsalltag vertraut ist.


„Wenn Marx zur IG Metall kommt, dann ist das ein Statement“, sagte der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann bei der Begrüßung von Reinhard Marx. Dessen Besuch fand statt im Rahmen eines gemeinsamen Treffens von Vorstand, Beirat und den Ersten Bevollmächtigten. Der Kardinal und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist nicht nur Namensvetter von Karl Marx, dem Urheber des kommunistischen Manifests. Reinhard Marx hat auch ein gleichnamiges Buch „Das Kapital“ geschrieben. Er war Bischof von Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, bevor er Erzbischof von München und Freising wurde.


Es gibt viele Bezüge zwischen Karl und Reinhard Marx, was dem Besuch des letzteren bei der IG Metall eine besondere Note gab. „Sie als Gast bei uns zu haben ist ein Anlass, nachzudenken, manches zu überdenken und neu zu denken“, sagte der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. In seinem Referat nahm Marx Stellung zum Verhältnis von Kirchen und Gewerkschaften, wie eine neue Fortschrittsidee aussehen kann und was dem gesellschaftlichen Zusammenhalt nützt.


Herr Kardinal, Sie sind Sohn eines Gewerkschafters. Wie hat Sie das geprägt?

Reinhard Marx: Ich habe während meines Studiums immer nebenbei in der Produktion gearbeitet. In meiner Heimat gab es eine Zementfabrik und auch einen Maschinenbauer. Ich habe die Stechuhr bedient und kenne körperliche Arbeit. Mein Vater war Betriebsratsmitglied. Auch darüber habe ich viel mitbekommen aus dem Arbeitsleben. Mein Vater stammte aus der Landwirtschaft und hatte eine Ausbildung zum Schlosser gemacht. Bedingt durch den Krieg und anschließende Gefangenschaft konnte er erst mit 40 seine Meisterprüfung ablegen. Ein Aufstieg mit vielen Mühen und Entbehrungen. Vor seiner Laufbahn habe ich großen Respekt.


Wie sind Ihre Kontakte zu Gewerkschaften und zur IG Metall?

Ich habe immer gerne mit den Gewerkschaften zusammengearbeitet. Den Arbeitskampf 1969 bei Hoesch in Dortmund habe ich vor Ort mitbegleitet, mit den Streikenden und den IG Metall-Betriebsräten gesprochen. Ich habe mir auch die Arbeit in anderen Branchen mit großem Interesse angeschaut, bin mit Bergleuten unter Tage gefahren. Mir hat an den Gewerkschaften immer gefallen, dass dort engagierte Menschen um einen Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital ringen.


Schon 2008 prangern Sie in Ihrem Buch „Das Kapital“ den Zwang zu immer höheren Renditen und die Verlagerung von Arbeitsplätzen an. Wie sehen Sie die Lage heute?

Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich hat eher zugenommen, und ist auch mit ein Auslöser großer politischer Probleme. Wichtig ist, eine neue Fortschrittidee zu entwickeln, die sich nicht nur ökonomisch definiert, sondern die sozialen und ökologischen Kosten mitberücksichtigt. Noch sind die Konturen dieser neuen Fortschrittidee nicht ganz deutlich, aber klar ist, wir brauchen ein neues Narrativ. Der Markt alleine kann nicht die Lösung aller Probleme sein. Über Märkte kann man zwar Wohlstand schaffen, aber es braucht zusätzlich auch die Moral, um die Gesellschaft zusammen zu halten. Wir brauchen einen breiten gesellschaftlichen Dialog, damit wir mit dieser neuen verbindenden Idee vorankommen.


Erlauben Sie eine fast philosophische Frage: Was hält die Gesellschaft mehr zusammen, der Glaube oder Tarifverträge?

Beides ist wichtig, aber das sind ganz verschiedene Ebenen. Viele Menschen haben keine Tarifverträge; davon müsste es vielleicht doch mehr geben. Und den Glauben teilen auch nicht alle. Die Gesellschaft zusammen zu halten muss der Wille aller sein. Die verschiedensten Interessen muss man in einer freien Gesellschaft austarieren. Man darf dabei nie die Offenheit für die Position der anderen verlieren. Alle müssen zu Solidarität bereit sein, denn wir sitzen in einem Boot. Bei allen unterschiedlichen Interessen haben die Menschen dennoch eine gemeinsame Verantwortung für dieses Land und für diese Erde.


Würden Sie sich wünschen, dass Kirche und Gewerkschaften enger zusammenarbeiten?

Für mich ist das ein wichtiges Beziehungsfeld. Es gibt vielfältige Kontakte zwischen Kirche und Gewerkschaften, in denen auf mehreren Ebene erfolgreich zusammengearbeitet wird. Wir haben viele gemeinsame Interessen, sind in bestimmten Punkten so etwas wie Verbündete und das ist gut so. 

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