30 Jahre Deutsche Einheit
Wer arbeitet wie in Ost und West

30 Jahre nach der Deutschen Einheit haben sich viele Dinge angeglichen. Bei Löhnen und Arbeitszeiten gibt es aber noch deutliche Unterschiede. Das hat Ursachen, die sich ändern lassen.

2. Oktober 20202. 10. 2020


Wenn Wolfgang Lemb über seine ersten Nach-Wende-Erinnerungen spricht, fallen ihm die Automobilwerke Eisenach ein. Der Metaller kommt 1990 aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Thüringen. Er soll helfen, die IG Metall vor Ort aufzubauen. Doch womit er zuerst konfrontiert wird, ist Abbau. Bilder, die die meisten Westdeutschen nur aus dem Fernsehen kennen.

„Die Abwicklung der Automobilwerke Eisenach war eine erste bittere Erfahrung“, sagt er. „In sehr kurzer Zeit wurden damals viele industrielle Strukturen zerschlagen.“

Heute kümmert sich Wolfgang Lemb immer noch darum, dass Ostdeutschland eine industrielle Zukunft hat. Im Vorstand der IG Metall ist er unter anderem für das Ressort Regionale Strukturpolitik/„Perspektive Ost“ zuständig.

Sein Urteil zum Stand der Deutschen Einheit fällt gemischt aus. „Wir haben durch viele Kämpfe und Auseinandersetzungen der damaligen Zeit eine industrielle Substanz erhalten können und Neues wurde aufgebaut und angesiedelt“, sagt er. „Aber es bleiben Grundprobleme, für die – gerade heute – gezielte Industriepolitik notwendig ist.“ In Ostdeutschland gibt es nach wie vor so gut wie keine Firmenzentralen. Strategische Entscheidungen fallen somit meist im Westen. Auch bei Forschung und Entwicklung liegt Ostdeutschland zurück.


Entscheidender Faktor

30 Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es genug zu tun. Der Riss in der Arbeitswelt verläuft aber nicht unbedingt zwischen Ost und West. Er verläuft vor allem zwischen Betrieben mit und ohne Tarifvertrag. Die Arbeit in einem ostdeutschen Metall-Unternehmen mit Tarif ist oft besser als die in einem tariflosen West-Betrieb.

Allerdings arbeiten im Osten deutlich weniger Beschäftigte in tarifgebundenen Unternehmen (Ost: 45 Prozent, West: 53 Prozent). Was das bedeutet zeigt eine aktuelle Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung. Demnach unterbieten tariflose Betriebe im Osten die Konditionen der Tarifverträge besonders deutlich. In Brandenburg zahlen tariflose Betriebe 17,7 Prozent weniger pro Monat als vergleichbare Betriebe mit Tarif. In Sachsen-Anhalt sind es sogar 18,3 Prozent weniger.

Wo Tarifverträge gelten, hat der Osten mit dem Westen vielfach gleichgezogen. In der Metall- und Elektroindustrie unterscheiden sich die Tarifentgelte in Sachsen nicht von denen in Hessen oder im Rheinland. Die Stundenlöhne sind in Sachsen wegen der längeren Arbeitszeit niedriger. Die IG Metall fordert weiterhin: 35 Stunden-Woche auch im Osten. Eine Einigung darüber war mit den Arbeitgebern bisher nicht möglich.

Wenn sich die Arbeitsbedingungen im Osten weiter verbessern sollen, heißt das vor allem: Eintritt in die Gewerkschaft, Tarifverhandlungen. Dann ist vieles möglich. Das zeigen die Belegschaften, die in den vergangenen Jahren erstmals Tarifverträge erkämpft haben.


Einkommen holen auf

Die ostdeutschen Haushaltseinkommen liegen mittlerweile bei 88,3 Prozent des Bundesdurchschnitts – eine Steigerung von rund drei Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Auch die Lohnlücke zwischen Ost und West wird kleiner.

Die Arbeitslosenquote lag im Osten im vergangenen Jahr bei 6,4 Prozent, im Westen bei 4,7. Die Unterschiede zwischen München und Dortmund sind deutlich größer.

In einigen Bereichen ist der Osten dem Westen voraus: Im Osten sind viel mehr Frauen erwerbstätig, die Kinderbetreuung ist deutlich besser ausgebaut.


Wiedervereinigung im Kopf

Neben der Annäherung bei vielen Wirtschaftsdaten gibt es auch einen Trend zur mentalen Wiedervereinigung: „Die Mauer in den Köpfen bröckelt“ – zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung.

„In beiden Teilen Deutschlands nimmt das Fremdheitsempfinden des je anderen Teils stetig ab,“ urteilen die Forscher. Außerdem ergab die Untersuchung: Je jünger die Befragten in Ost und West, desto ähnlicher beurteilen sie die Wiedervereinigung.

Für Wolfgang Lemb eine positive Entwicklung: „Für die Jungen gibt es ‘Ost’ und ‘West’ in dem Sinne nicht mehr. Umso wichtiger sind vergleichbare Rahmenbedingungen in allen Bundesländern und Chancen für eine gute Zukunft, mit sicheren und tariflich abgesicherten Arbeitsplätzen – unabhängig von der Himmelsrichtung.“

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