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„Bei uns sind praktisch alle Azubis organisiert“

Die Jungen im Osten: Gehen oder bleiben? Ein Blick der heutigen Generation - Interview mit Lisa Neubert, Jugend- und Auszubildendenvertreterin bei VW Sachsen GmbH Zwickau.


Was sagt Dir der Mauerfall?

Natürlich weiß ich, dass das ein entscheidendes politisches Ereignis war. Für mich liegt das alles weit zurück. Ich bin Jahrgang 99.


Und was verbindest Du mit der DDR?

Die kenne ich nur aus den Erzählungen meiner Eltern. Für mich war die Bundesrepublik immer das Normale. Das einzige, was für mich nicht normal ist, ist dass ich hier länger arbeite und weniger verdiene.

 

Lisa Neubert

Sonst kein Unterschied zum Westen?

Ich komme viel rum: Die gleichen Klamotten, die gleiche Musik, die gleichen Themen.


Aber Ihr fahrt die alten Simson Mopeds?

Etwas Besonderes muss schon sein. Die haben halt Kultstatus und sind cooler als die Plastik-Roller.


Wie denken die Jugendlichen bei euch im Werk, wollen sie bleiben oder gehen?

Die allermeisten Azubis wollen bleiben. Anders ist das mit den Dualstudierenden. Da gibt es Diskussionen, ob es in den westlichen Bundesländern vielleicht mehr Möglichkeiten gibt.


Und Du?

Ich fühle mich hier wohl. Ich liebe die Landschaften und mag die Traditionen und die Kultur des Erzgebirges. Alles ist hier ein bisschen ruhiger und familiärer.

Was anders sein könnte: Leute, die ein bisschen außerhalb der angeblichen Normalität stehen, die bunte Haare haben oder offen mit ihrer Homosexualität umgehen, die werden leicht schief angesehen. Besonders die ältere Generation versteht das nicht.


Wie viel Auszubildende haben VW Zwickau und die anderen VW-Standorte in Sachsen?

Etwa 500. Früher hat man für die Ausbildung Schlange gestanden, heute muss auch VW für den Nachwuchs werben. In anderen Betrieben bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt.


Wie stehen die neuen Auszubildenden zur Gewerkschaft?

Wir haben gerade wieder unser Wochenendseminar für Neueinsteiger durchgeführt. Da können die Azubis, die jetzt anfangen, alle möglichen Fragen zur Ausbildung stellen. Wir erklären die Aufgaben der Jugendvertretung und des Betriebsrats und die Bedeutung der Gewerkschaft. Wir möchten, dass die Azubis wissen, warum sie in die Gewerkschaft eintreten und warum das wichtig für alle ist.


Wie viel kommen zum Neueinsteiger-Seminar?

Fast alle, obwohl das gar nicht so einfach ist, weil die Azubis sich untereinander noch kaum kennen. Was mir wichtig ist: Die Azubis sollen merken, dass sie viel erreichen können, wenn sie aktiv werden und sich zusammenschließen. Im Augenblick sind bei uns praktisch alle Azubis organisiert.


Was wollt ihr an der Ausbildung ändern?

Früher haben die Azubis in drei Schichten Ausbildung gemacht. Das zu ändern war unser wichtigstes Ziel. Das haben wir erreicht. Seit dem 1. September 2019 gibt es Ausbildung nur noch in der Normalschicht.

Jetzt gilt es weiter an der Umsetzung der 35-Stunden-Woche zu arbeiten. Das ist ja für die Azubis genauso wichtig, wie für die Facharbeiter.


Welche Unterstützung brauchen die Auszubildenden noch?

Die Unterstützung beim Lernen ist gut. Aber manche Azubis leiden unter dem Leistungsdruck. Manche flüchten auch in Drogen. Da brauchen wir unbedingt einen Drogenbeauftragten.


Welche Rolle spielen gesellschaftspolitische Fragen?

Bei Thementagen sorgen wir dafür, dass das Thema Flucht und Asyl bearbeitet wird. Das ist gerade jetzt wichtig zur Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Parolen. Zudem haben wir ein Gedenkstättenprojekt. Jedes Jahr fahren 20 Jugendliche nach Oswiecim (Auschwitz) und helfen beim Erhalt der Gedenkstätte.

 

30 Jahre Mauerfall: Der Kampf der IG Metall um Arbeitsplätze und den Erhalt industrieller Kerne - Interview mit Michael Ebenau vom IG Metall-Bezirk Mitte.


Mehr zum Thema:

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls hat die IG Metall Zeitzeugeninterviews und Berichte zusammengestellt. Entstanden ist dabei die Broschüre „30 Jahre Mauerfall – 30 Jahre Kampf um Arbeitsplätze, industrielle Perspektiven und Tarifbindung“. Sie ist abrufbar unter:  projekt-zukunft-ost.de

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