Betriebsrat gründen
Wikus-Beschäftigte zeigen Rückgrat - und wählen Betriebsrat

Die Beschäftigten des Sägenherstellers Wikus haben erstmals einen Betriebsrat gewählt – nach 60 Jahren ohne. Der Auslöser: 77 Entlassungen. Auch die als "Union Buster" bekannte Anwaltskanzlei Schreiner + Partner konnte sie nicht einschüchtern. Sie machten öffentlich Druck und setzten sich durch.


Die rund 520 Beschäftigten des Sägebandherstellers Wikus im nordhessischen Spangenberg haben sich erstmals einen Betriebsrat gewählt – nach 60 Jahren ohne Betriebsrat und mehreren gescheiterten Anläufen.

Dabei hatte der Arbeitgeber die als „Union Buster“ (Gewerkschaftsjäger) bekannte Anwaltskanzlei „Schreiner + Partner“ engagiert. Doch die Beschäftigten ließen sich nicht unterkriegen. Sie hielten zusammen und machten mutig die Missstände in ihrem Betrieb öffentlich – über die Presse und in ihrem eigenem Blog toll-wikus.de. Sie wählten 18 Beschäftigte als Vertrauensleute, die offen für die IG Metall im Betrieb Gesicht zeigten – und die Betriebsratswahl vorbereiteten.
 

Arbeitgeber kündigte auf einen Schlag 77 Beschäftigte

Der Auslöser: Ende letzten Jahres kündigte der Arbeitgeber 77 Beschäftigten, ohne Vorwarnung, ohne Verhandlungen, ohne Sozialplan, ohne Altersteilzeit – einfach raus. Viele der betroffenen Beschäftigten waren schon seit über 20 Jahren im Betrieb.

Den übrigen Beschäftigten kürzte der Arbeitgeber einfach kurzerhand das Weihnachtsgeld.

Früher war Wikus ein echter Familienbetrieb. Der 2019 verstorbene Seniorchef Wilhelm H. Kullmann war ein klassischer „Patriarch“, der sich um seine Beschäftigten kümmerte und schaute, dass es ihnen gut geht, der im Sommer auch mal Eis spendiert und der als Sponsor für Vereine und Sport auftritt. Betriebsrat und Tarifvertrag? Brauchen wir nicht, hieß es. Es gab eine „Mitarbeiterkommission“ – ohne echte Rechte allerdings.

„Die Unzufriedenheit war schon in den letzten Jahren immer mehr gestiegen. Ständig wurden Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg gefällt und Arbeitsverträge einseitig vom Arbeitgeber geändert“, berichtet der frisch gewählte Betriebsratsvorsitzende Raphael Reinstein-Wagner. „Doch als die 77 Kündigungen kamen – und die Geschäftsleitung zugleich aber Mehrarbeit anordnete, da wurde allen klar: Das ist eine Riesen-Schweinerei.“
 

Wikus-Beschäftigte machen Missstände öffentlich

Erste Beschäftigte meldeten sich bei der IG Metall Nordhessen. Schon bald gab es eine Versammlung im Gewerkschaftshaus in Kassel. Immer mehr traten in die IG Metall ein. Die IG Metall schrieb den Arbeitgeber an, wegen Einleitung einer Betriebsratswahl.

Doch die Geschäftsleitung reagierte nicht. Es hagelte Abmahnungen. Ein Kollege, der bereits gekündigt war, bekam sechs Abmahnungen an einem Tag.

 „Wir fanden heraus, dass die Anwaltskanzlei Schreiner + Partner bei uns im Haus war“, erinnert sich Betriebsrat Reinstein-Wagner. „Das war dann ein ganz offenes Misstrauensvotum für uns, als wenn jemand mit der Pistole in den Kindergarten kommt. Das haben alle begriffen.“

Sie ließen sich nicht einschüchtern, sondern machten jetzt erst recht die Situation bei Wikus und das Engagement von Schreiner + Partner öffentlich, über ihren Blog, über die Presse.

Die öffentliche Kritik wirkte: Die Einfahrt zum Grundstück des Juniorchefs, die immer offenstand, war plötzlich zu. Und drei Tage nach dem ersten kritischen Zeitungsbericht hing dann auf einmal eine Einladung zur Wahlversammlung aus, unterzeichnet unter anderem von Beschäftigten aus der Personalabteilung.

Die IG Metall-Mitglieder hängten ihre Einladung zur Wahlversammlung einfach daneben.
 

IG Metall-Mitglieder bei Wikus wählen Vertrauensleute

Und sie wählten 18 IG Metall-Vertrauensleute und warben Mitglieder für die IG Metall im Betrieb. Die gesamte Koordinierung, die Treffen und die Wahl liefen komplett digital, wegen Corona.

Die Vertrauensleute kümmerten sich sogleich um die alltäglichen Probleme im Betrieb, machten Druck für die Reinigung der Arbeitskleidung und gegen die Hitze in der Werkshalle. Und das obwohl Vertrauensleute – anders als Betriebsräte – keinen gesetzlichen Schutz vor Kündigung haben.

 „Wir haben sofort klargemacht: Wer unsere Vertrauensleute angreift, greift die gesamte IG Metall an“, erklärt Andreas Köppe von der IG Metall Nordhessen. „Und dem Arbeitgeber und seinen Anwälten war klar: Wenn sie gegen unsere Vertrauensleute vorgehen, werden wir sie sofort öffentlich unter Druck setzen und das saubere Image von Wikus in Frage stellen. Das hat gewirkt.“
 

IG Metall macht Druck über ihr Netzwerk

Die IG Metall Nordhessen aktivierte zudem ihr IG Metall-Netzwerk: Die „Taskforce Union Busting“ beim IG Metall Vorstand wurde aktiv. Die Betriebsräte der IG Metall bei den Kundenbetrieben von Wikus, vor allem in der Stahlindustrie, schrieben die Wikus-Geschäftsführung an, setzten sie unter Druck und kündigten an, die Missstände in ihren Aufsichtsräten zu thematisieren.

Die Betriebsratswahl kam. Auf der offenen Liste der IG Metall (Liste 2) kandidierten 82 Beschäftigte – 16 Prozent der Belegschaft.

Bei der Betriebsratswahl gewann die IG Metall-Liste 8 von 11 Mandaten im neuen Betriebsrat. Am 2. November hat sich der neue Betriebsrat bei Wikus konstituiert. Sie bestimmen jetzt endlich mit.

Exklusiv für Betriebsräte, Vertrauensleute und andere Aktive in der IG Metall: Hintergründe zur Betriebsratswahl bei Wikus, Präsentation, Blog und Podcast der IG Metall-Vertrauensleute bei Wikus im Extranet der IG Metall.

 

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