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© Heiko Stumpe

Christiane Benner auf der Hannover-Messe

"Mischt Euch bitte ein!"

27.04.2018 Ι Fortschreitende Digitalisierung wird die Arbeitswelt grundlegend verändern, so viel ist gewiss. Unklar dagegen ist, welche Folgen das für die Beschäftigten haben wird. Auf der Hannover-Messe spricht Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, vor 200 Betriebsräten und Gewerkschafter über die Auswirkungen von "Industrie 4.0" - und stellt einen 5-Punkte-Plan vor.

Jetzt schnappt sich Christiane Benner das Mikrofon, da hat sich etwas angestaut, das muss raus. Die ganze letzte halbe Stunde saß die Zweite Vorsitzende der IG Metall still auf ihrem Platz, hat aufmerksam zugehört, manchmal kurz genickt, manchmal den Kopf leicht zur Seite gelegt. Um sie herum, im Pavillon 36 auf dem Gelände der Hannover Messe, sitzen an diesem Vormittag rund 200 Betriebsräte und Gewerkschafter, vorne, auf dem Podium, steht Martin Kuhlmann vom Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen - und spricht von den Ergebnissen einer eben abgeschlossenen Studie zu den Folgen von Digitalisierung speziell im niedersächsischen Maschinenbau. Digitalisierung, so eines der Ergebnisse, sei zwar vielfach "Verstärker und Beschleuniger" bestehender Trends. Allerdings könne bislang "kein dominanter Trend" ausgemacht werden, gebe es im Zuge fortschreitender Digitalisierung "mehr Kontinuität als Wandel." Das sieht Christiane Benner zugespitzter.

 


"Es wird ein umfassender Umbau bei den Arbeitsplätzen erfolgen" - Christiane Benner auf der Hannover-Messe 2018.


Schon richtig  - die Horrorvision, dass in den nächsten 20 Jahren die Hälfte der Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen, die steht nicht mehr im Fokus der Diskussion, das wird, da sind sich mittlerweile so ziemlich alle einig, nicht eintreffen. Und, ja, Digitalisierung hebt nicht quasi über Nacht alle Gesetzmäßigkeiten der Welt außer Kraft, Erfahrungswissen, zum Beispiel, bleibt auch weiterhin wichtig. Schon richtig. Und dennoch.


"Und dennoch", sagt Christiane Benner, "wird ein umfassender Umbau bei den Arbeitsplätzen erfolgen." Was das bedeutet, was das heißt, das, illustriert Benner, sehe man sehr gut am Beispiel der Telekom: In den vergangenen Jahren hat der Konzern zehntausende Angestellte für neue Aufgaben qualifiziert, dazu zehntausende Stellen abgebaut und zehntausende neue Mitarbeiter eingestellt - die Beschäftigtenzahl selbst ist also nahezu gleich geblieben. "Und dennoch wurde alles auf den Kopf gestellt."


125 000 Arbeitsplätze werden sich deutlich verändern

Solcherart Umwälzungen aber, prognostiziert Christiane Benner, werde es in den kommenden Jahren auch in der Industrie, in der von der IG Metall vertretenden Branchen geben - allein beim Antriebsstrang für Automobile etwa sind bundesweit 40.000 bis 50.000 Arbeitsplätze direkt betroffen, in Gefahr. Insgesamt 125 000 Arbeitsplätze werden wohl deutlich verändert. "Ein grundlegender Wandel hat also bereits begonnen", sagt Christiane Benner. "Das Tempo zieht jetzt an." Und deshalb, sei es dringend an der Zeit, die Digitalisierung im Sinne der Beschäftigten zu gestalten.


Getan werden, das wurde an diesem verregneten Tag in Hannover auch in den Erfahrungsberichten von Betriebsräten offenkundig, kann sehr viel: Digitalisierung ist eben keine Naturkatastrophe, die plötzlich in die Welt hineinbricht, sie ist kein Schicksal, das ungefragt, ungebremst, unbeherrschbar einfach so geschieht - es sind Prozesse, die geleitet, Dynamiken, die kanalisiert, technologische Neuerungen, die gestaltet werden können. Dass die Gestaltung von Digitalisierung und damit die Gestaltung der Folgen von Digitalisierung gelingen kann, davon ist die Zweite Vorsitzender der IG Metall überzeugt. "Ich bin gestaltungswütig und optimistisch."


Fünf-Punkte-Plan für innovative Mitbestimmung

Digitalisierung müsse und könne dazu beitragen, dass mehr Selbstbestimmung in der Arbeitswelt und individuelle Gestaltungsspielräume in der täglichen Arbeitsgestaltung möglich werden. "Das wollen wir", so Benner. Allerdings, und das sei auch wahr, gebe es Voraussetzungen, ohne die Gestaltung von Digitalisierung nur schwerlich möglich ist. "Wir dürfen nicht hinterher hecheln, sondern müssen vorne dran sein, auch eigene Ideen einbringen", sagt die Zweite Vorsitzender der IG Metall. "Ich möchte deshalb einen Fünf-Punkte-Plan für innovative Mitbestimmung in der Industrie 4.0 vorstellen." Zu dem gehören: Eine "Roadmap Digitalisierung" für jeden Betrieb, vorausschauende Qualifizierungsmaßnahmen, Schutz der Beschäftigtendaten, Schutz vor physischer und psychischer Belastung sowie die garantierte Beteiligung der Beschäftigten.


Zunächst einmal, das ist der erste Punkt, brauchen Betriebsräte einen Überblick, wo und in welchem Maße Digitalisierung in ihrem Betrieb bereits angewandt und eingesetzt wird. Nötig ist eine umfassende Bestandsaufnahme. In jeder einzelnen Abteilung müsse ermittelt werden, ob und welche digitale Technik wo bereits eingesetzt wird - und welche Auswirkungen das auf Arbeitsplätze, Tätigkeitsprofile und Qualitätsanforderungen habe. "Schafft flächendeckende Betriebslandkarten", fordert Christiane Benner. Denn nur wenn Entwicklungen früh erkannt werden, könne kraftvoll gehandelt werden.


Gemeinsame Aufgabe für Arbeitgeber, Politik und Gewerkschaften

Ein detaillierter Überblick ist elementar, reicht jedoch nicht aus. Daher braucht es, zweitens, eine Hinwendung, eine Zuwendung, eine Konzentration auf: Qualifizierung. Absehbar ist, dass kognitive Routine-Berufe an Bedeutung verlieren, während analytische und interaktive Berufe deutliche Zuwächse verzeichnen werden. Qualifizierung aber, dieser Punkt ist Christiane Benner wichtig, ist keine Aufgabe, um die sich der einzelne Beschäftigte alleine kümmern muss - es ist "eine übergreifende Aufgabe, die Arbeitgeber, Politik und Gewerkschaften gemeinsam bewältigen müssen." Frühzeitig müssten auch die Arbeitsagenturen einbezogen werden. Und der Staat müsse unterstützen, etwa bei der Entwicklung unkonventioneller Weiterbildungswege, aber auch bei der Finanzierung.


Neben einem umfassenden Überblick, neben vorausschauender Qualifizierung ist, drittens, ein effektiver Datenschutz elementar. Neue Techniken, Touchscreens, Datenbrillen, smarte digitale Assistenten, machen Leistungs- und Verhaltenskontrolle prinzipiell möglich; die Gefahr besteht, dass alle Arbeitsschritte vorgegeben, alle Arbeitsschritte protokolliert werden - und die Daten der Beschäftigten gesammelt, verknüpft, ausgelesen werden. Das dürfe nicht sein. Der Vorschlag von Christiane Benner: "Eventuell wäre eine Art verbindlicher Beschäftigten-Datenbrief denkbar. Dann müssten die Arbeitgeber einmal im Jahr die Beschäftigten darüber informieren, welche Daten sie erheben und wie sie diese verwenden."

 

"Taylorisierung 4.0" verhindern

Nicht nur die Daten der Beschäftigten aber müssen geschützt werden - auch die Gesundheit der Menschen muss in der digitalen Arbeitswelt bewahrt werden. Digitale Geräte können dazu beitragen, dass Arbeit selbstbestimmter, ergonomisch gesünder, weniger belastend wird - dieselben Geräte aber können auch zu Arbeitsverdichtung, zu größerem Stress führen. "Was wir unbedingt verhindern müssen ist eine Taylorisierung 4.0", betont Christiane Benner. Und, dass die Anti-Stress-Verordnungen auch auf die digitale gestützte Produktion übertragen werden müssen.


Damit dies alles gelingen kann, damit die Digitalisierung im Sinne der Beschäftigten gestaltet werden kann, ist es notwendig, die Beschäftigten frühzeitig und konsequent zu beteiligen. "Ab dem ersten Tag, an dem neue Produktionssysteme eingeführt werden, müssen alle betroffenen Kolleginnen und Kollegen nach ihrer Meinung gefragt werden", so die Zweite Vorsitzende der IG Metall. Wichtig sei das schon deshalb, weil bereits bei Einführung neuer Produktionssysteme diese Systeme verbessert und angepasst werden können. "Das bedeutet im Umkehrschluss: Auch die IG Metall muss viel offener und adaptiver werden."


Ja, es stimmt, es ist wahr, die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt werde anspruchsvoll, sagt Christiane Benner an diesem kalten, spannenden, verregneten, inspirierenden Vormittag in Hannover.  "Aber sie fordert uns an den richtigen Stellen."

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Werner Bachmeier
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