Zukunftsvereinbarung bei Bosch in Homburg
Zukunft nach fünf Jahren Kampf gesichert – vom Diesel zur Brennstoffzelle

Bisher waren sie reiner Diesel-Standort. Doch jetzt kommt die Wasserstoff-Brennstoffzelle. Nach fünf Jahren Kampf haben die Beschäftigten von Bosch in Homburg ihre Zukunft gesichert. Auch während der Übergangszeiten der Transformation werden Jobs durch Arbeitszeitabsenkung gesichert.


Bei Bosch im saarländischen Homburg ist die Zukunft des Standorts und der Arbeitsplätze für die nächsten fünf Jahre gesichert. Bisher hat das Werk zu fast 100 Prozent für den Diesel produziert, vor allem Einspritzpumpen. Und mit dem Diesel ging es auch für Homburg bergab: In den letzten vier Jahren baute Bosch hier rund 1000 der 4700 Arbeitsplätze ab.

Doch jetzt ist die Trendwende möglich. Die Wasserstoff-Brennstoffzelle kommt – und damit Arbeit für die Zukunft. Stationäre Brennstoffzellen zur Stromversorgung von Anlagen, Gebäuden und Fabriken sind bereits in der Musterbauphase. 2024 startet die Serienfertigung der sogenannten Hotbox, dem Herzstück der Festoxidbrennstoffzelle. Und auch Komponenten für mobile Brennstoffzellen kommen aus Homburg. Maschinen und Fertigungsanlagen sind bestellt. Die Investitionen wurden durch das Standortkonzept des Betriebsrates gesichert.

Für die Übergangszeit können Arbeitszeiten reduziert werden. Zudem sind betriebsbedingte Kündigungen bis 2026 ausgeschlossen. Das haben die IG Metall-Betriebsräte und die IG Metall Homburg mit der Geschäftsleitung vereinbart.


Fünf Jahre Kampf für die Zukunft

Fast fünf Jahre lang haben die Beschäftigten für ihre Zukunft gekämpft, unter dem Motto „Bosch bleibt“. Sie haben vor dem Werk demonstriert - und auf den Straßen. Sie betrieben Lobbyarbeit, sprachen mit Politikern, Abgeordneten und Ministerpräsidentinnen, veranstalteten Podiumsdiskussionen, waren in Berlin, Brüssel.

„Das ging eigentlich schon vor dem Diesel-Skandal 2015 los. Wir haben gesehen, dass wir etwas tun müssen“, erinnert sich Damian Kroj, Leiter der IG Metall-Vertrauensleute bei Bosch in Homburg. „Am Anfang gab es schon Stimmen, die gesagt haben: Die Dieselkrise ist vorübergehend und wird spurlos an uns vorbeigehen. Aber die Belegschaft hat das dann doch verstanden. Alle haben ja den Rückgang der Aufträge gesehen. Und wir haben viel Aufklärungsarbeit geleistet und viel diskutiert. Fast überall auf der Welt ist es politischer Wille, aus dem Diesel auszusteigen. Es wird uns, langfristig nichts helfen, wenn wir propagieren: ‘Der Diesel bleibt!’ – wenn weniger Dieselfahrzeuge gekauft werden.“


Experten für Wirtschaft und Technologie an Bord

Schließlich haben sich die Betriebsräte auch gegenüber dem Unternehmen durchgesetzt. Sie hatten die IG Metall Homburg an ihrer Seite, um Widerstand zu organisieren und um die Vereinbarungen auch in harte tarifliche Regelungen zu gießen. Das Info-Institut stand ihnen als wirtschaftliche und strategische Beratung zur Seite. Und sie haben viele Ingenieure in der Belegschaft gewonnen, für den Betriebsrat, für die gemeinsame Sache. Damit hatte der Betriebsrat Experten an Bord, die sich mit der Technologie auskennen, die wissen, welche Qualifikationen dafür nötig sind, um auch die Konzernleitung in Stuttgart zu überzeugen: Ja, die Beschäftigten in Homburg, die können das.

Im Mai 2020 haben sie schließlich ihr neues Standortkonzept mit der Geschäftsleitung unterschrieben. Die Zukunft ist gesichert. „Damit so etwas funktioniert, brauchst Du einen vorausschauenden Betriebsrat“, erklärt der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Homburg, Ralf Reinstädler. „Wir haben uns hier schon früh mit der Transformation beschäftigt. Schon vor der Diesel-Krise gab es einen massiven Personalabbau. Das war ja hier ein reines Diesel-Werk. Und wir haben uns gefragt: Wie können wir den Personalabbau stoppen? Was muss passieren, damit wir auch in Zukunft Beschäftigung haben? Über all die Jahre haben wir die Geschäftsführung immer wieder aufgefordert, mit uns ein Zukunftskonzept zu erstellen. Welche Produkte verschwinden, welche neuen kommen?“


Überraschung: LKWs brummen und dieseln wieder

Doch bis die Wasserstoff-Brennstoffzelle dauerhaft genug Arbeit in Homburg sichert, wird es noch Jahre dauern. Zur Überbrückung haben Betriebsrat und Geschäftsleitung im Standortkonzept auch die Absenkung der Arbeitszeit vereinbart. Ab dem 1. Januar 2021 sollte es losgehen: Die Beschäftigten sollten zwei Stunden weniger in der Woche arbeiten – und entsprechend auf zwei Stundenlöhne verzichten.

Doch im Herbst sprang das Geschäft wieder überraschend an. Vor allem die LKWs sind wieder voll durchgestartet - mit Diesel-Motoren übrigens. Im Grunde müsste Bosch schon wieder Mitarbeiter einstellen, statt die Arbeitszeit abzusenken, fand zumindest der Betriebsrat.

Doch das Unternehmen sah es anders und wollte die Absenkung von Arbeitszeit und Löhnen durchziehen. Den Mehrbedarf im LKW-Bereich wollte die Geschäftsleitung durch Versetzungen von Beschäftigten aus dem PKW-Bereich aufgefangen – und im Gegenzug PKW-Produktion ins Ausland verlagern.


Betriebsrat und IG Metall sichern Zukunft und Einkommen

Und so hieß es: nochmal kämpfen. Und der Kampf hat sich gelohnt. Jetzt ist klar: Im Moment muss erst mal niemand derzeit kürzer arbeiten - und niemand auf Geld verzichten. Verlagert wurde trotzdem. Allerdings durch den Einsatz der IG Metall Betriebsräte in deutlich reduziertem Umfang.

„Wir haben die Verkürzung der Arbeitszeit nicht vereinbart, um für Homburg vorgesehene Produkte an anderen Standorten fertigen zu lassen – oder gar um Entgelte zu kürzen, um die Rendite zu verbessern“, macht der Betriebsratsvorsitzende Oliver Simon klar. „Zum Glück haben wir damals in den Verhandlungen zu unserem Standortkonzept die Kapazitätszahlen und Produkte festgeschrieben – und sind hartnäckig geblieben.“

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