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Fünf Jahre nach der „Flüchtlingskrise“
Vom „Flüchtling“ zum Facharbeiter

Vor fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise 2015, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren berühmt gewordenen Satz: „Wir schaffen das.“ Fünf Jahre später steht fest: Integration durch gute Arbeit funktioniert. Auch dank vieler engagierter Metallerinnen und Metaller.


Als Mohammad Alkoud 2015 nach Deutschland kam, hatte er eine traumatische Flucht hinter sich und Angst vor dem, was kommt. Heute steht er vor dem Abschluss seiner Berufsausbildung und hat wieder Pläne für die Zukunft. Doch bis hierher war es ein weiter Weg.


Flucht vor dem Krieg in Syrien

Das Leben von Mohammad Alkoud schien zu Ende, ehe es richtig begonnen hatte. Zumindest sein Leben, wie er es bis dahin kannte: Mohammad war noch 17, als er seine Heimat Syrien verlassen musste. Auf den demokratischen Aufbruch im Land hatte das Assad-Regime mit einem Krieg gegen die eigene Bevölkerung reagiert. Hunderttausende mussten fliehen, viele machten sich auf den Weg Richtung Europa.


Neustart im Saarland

Mohammad strandete zunächst in der Türkei, wo er sich ein Jahr lang mit verschiedenen Jobs über Wasser halten konnte. Dann trieb ihn die Not weiter Richtung Westen und schließlich nach Deutschland, genauer ins Saarland, was sich bald als Glücksfall herausstellen sollte: Die beiden saarländischen Stahlhersteller Dillinger und Saarstahl entschlossen sich 2016, ihre Berufseinstiegsmaßnahme BEST zu öffnen und zusätzlich 20 Geflüchtete in das Programm aufzunehmen. Mohammad war einer von ihnen.


Stahlwerk gibt Geflüchteten eine Chance

Bereits seit 2011 bietet Dillinger das BEST-Programm an, ein Projekt von Stahlstiftung Saarland, der Agentur für Arbeit Saarland, den Job-Centern Saarbrücken, dem Landkreis Saarlouis und der Verbundausbildung Untere Saar e.V. Seit 2016 macht auch die wenige Kilometer entfernte Konzernschwester Saarstahl mit.  Junge Leute mit beruflichen Startschwierigkeiten werden im Rahmen des zehnmonatigen Programms fit gemacht für eine betriebliche Ausbildung. Sie erhalten einen Einblick in betriebliche Abläufe und werden dabei von externen Fachleuten pädagogisch begleitet. Die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) und der Betriebsrat haben das BEST-Konzept mit ausgearbeitet und sind auch bei der Auswahl der Auszubildenden mit einbezogen. Die Ausbilder der beiden Unternehmen unterrichten die Jugendlichen in Theorie.

„Das klappt bei den geflüchteten Jugendlichen gut, wenn man es einfach und verständlich erklärt“, zeigte sich der Leiter Bildung und Personalentwicklung, Cornelis Wendler, seinerzeit optimistisch. Das war vor gut dreieinhalb Jahren. Wie ist sein Fazit heute? „85 bis 90 Prozent der Teilnehmer werden anschließend in eine reguläre Ausbildung vermittelt“ zieht er Bilanz. „Es war die richtige Entscheidung das Programm für Geflüchtete zu öffnen. Die Maßnahme ist ein Erfolg.“


Integration durch Arbeit funktioniert

Das beste Beispiel dafür ist Mohammad Alkoud. Nach dem BEST-Programm weiß er, was seine Stärken sind, er kennt die wichtigsten Fachbegriffe und ist gut vorbereitet für die Ausbildung zum Anlagenmechaniker. Dennoch ist nicht immer alles einfach. „In der Berufsschule hatte ich manchmal Schwierigkeiten“, erzählt er. „Schließlich hatte ich vorher sechs Jahre keine Schule mehr besucht.“ Doch er beißt sich durch, gibt nicht auf, wenn es schwierig wird. Mohammad ist fest entschlossen, seine Chance zu nutzen.

Mohammad ist kein Einzelfall. Fünf Jahre nach dem Höhepunkt der sogenannten „Flüchtlingskrise“ sind sich Ökonomen einig: Es bleibt zwar noch viel zu tun, doch alles in allem lief die Integration in den Arbeitsmarkt besser, als die schwierigen Umstände erwarten ließen. Laut der Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB hat etwa jeder zweite Geflüchtete fünf Jahre nach Ankunft in Deutschland einen Job. Die Integration in den Arbeitsmarkt verläuft nach Einschätzung des Instituts heute schneller als bei Geflüchteten früherer Jahre.


Mitbestimmung fördert Integration

Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine entscheidende Rolle spielen Initiativen wie das BEST-Programm. Überall im Land haben engagierte Metallerinnen und Metaller gemeinsam mit dem Arbeitgeber Praktikumsplätze organisiert, Integrationsprogramme entworfen, Berufseinstiegskonzepte kreiert und als Paten oder Mentoren Geflüchtete begleitet. Wie im Saarland haben bundesweit Betriebsräte und Vertrauensleute dafür gesorgt, dass Geflüchtete nicht in prekären Arbeitsverhältnissen stecken bleiben, sondern in sichere Arbeitsverhältnisse mit fairer Bezahlung kommen. Mitbestimmung fördert Integration. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie der Hans Böckler Stiftung: „Die Integration von Geflüchteten gelingt besser mit Mitbestimmung und Tarifverträgen. Problematisch wird es, wo die Tarifdeckung schwach ist und Betriebsräte fehlen.“

Mohammad hatte Glück. Er war in genau solch einem Unternehmen: mit Tarifvertrag der IG Metall und einem starken Betriebsrat mit klarer Haltung. „Wir wollen eine Ausbildung geprägt von Vielfalt, Toleranz und gegenseitigem Respekt“, sagt Joshua Dirks, Betriebsrat bei Dillinger. Mohammad, selbst längst Metaller, hat es auch dank dieser Rückenstärkung jetzt fast geschafft: In sechs Monaten stehen die Abschlussprüfungen an. Dann ist er Facharbeiter. Ein weiter Weg, aber er hat sich gelohnt.

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