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Studie zu LGBTQI*-Diskriminierung am Arbeitsplatz
LGBTQI*: Gemeinsam für Gleichberechtigung

Laut einer Studie werden 30 Prozent der LGBTQI*-Menschen am Arbeitsplatz diskriminiert. Wir schauen in die Betriebe und zeigen, wie Menschen vor Ort gegen die alltäglichen Diskriminierungen vorgehen.


„Beschimpfungen bin ich gewohnt“, sagt Valerie, die mit ihrer Transsexualität schon seit den neunziger Jahren offen im Betrieb und privat umgeht. „Im Werk sind die Leute generell offener geworden gegenüber Homosexualität und anderen sexuellen Identitäten“, berichtet die freigestellte IG Metall-Betriebsrätin. Trotzdem kümmert sich Valerie, deren Name von der Redaktion geändert wurde, immer wieder um diskriminierte LGBTQI*-Menschen (siehe Kasten für Erklärung der Abkürzung). In dem Automobil-Werk mit 1800 Mitarbeiter*innen, in dem Valerie arbeitet, kommt es nicht selten vor, dass sich Betroffene mit ihren Problemen an sie und den Betriebsrat wenden.


Studie bestätigt: Diskriminierung am Arbeitsplatz allgegenwärtig

Eine im September erschienene Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) und der Universität Bielefeld bestätigt diese Erfahrungen: 30 Prozent der LGBTQI*-Menschen erfahren Diskriminierung an ihren Arbeitsplätzen. „Das muss nicht immer von den Kolleginnen und Kollegen kommen. Oft kommen die Beleidigungen auch von der Leitungsebene“, sagt Valerie. Die Studie zeigt auch, dass LGBTQI*-Menschen mehrheitlich in sozialen und Pflegeberufen arbeiten, im verarbeitenden Gewerbe sind deutlich weniger von ihnen vertreten. Umso größer kann der Wunsch nach Anerkennung und Schutzräumen sein.
 

(Grafik: IG Metall)

 

Valerie hat ihren Schutzraum in dem Betriebsrat des Autowerks gefunden. Begonnen hat diese positive Erfahrung 1996 als sie sich auf ihrer ersten Betriebsversammlung im Werk vor der gesamten Belegschaft outete. „Erst herrschte Schweigen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.“ Valerie ließ sich davon jedoch nicht verunsichern. „Dann habe ich einen Spruch gesagt, den meine Oma immer zu mir gesagt hat: ‚Macht den Mund zu, sonst kommen die Fliegen rein.‘“ Die Münder gingen zu, aber die Starre endete erst, als eine Person zu applaudieren begann. „Plötzlich klatschte der ganze Saal und es gab Standing Ovation für mein Outing.“
 

(Grafik: IG Metall)


Offener Umgang am Arbeitsplatz?

Für viele ist das Outing im Gegensatz zu Valeries Erfahrung ein sehr negatives Erlebnis und für viele kommt es erst gar nicht dazu: Laut der DIW-Studie ist ein Drittel der LGBTQI*-Community gegenüber den Vorgesetzten nicht geoutet, 31 Prozent outen sich nicht gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen. Das sogenannte „Outing“ ist eine Last, die in unserer Gesellschaft einseitig bei nicht heterosexuellen Menschen verortet wird. Wenn LGBTQI*-Menschen sich nicht aktiv zu ihrer sexuellen Identität äußern, hat das für sie meist die Folge, dass sie Teile ihres Lebens verschweigen müssen. Dieses Versteckspiel kostet viel Energie und Kraft. Sie können sich nicht mit ihrer ganzen Persönlichkeit in den Job einbringen, wie andere. Dieses Versteckspiel mindert auch ihre Arbeitsleistung wie die „Out im Office?!“-Studie von 2017 zeigt.

Joanna Schuller, Betriebsrätin bei der Robert Bosch GmbH in Bamberg, kennt diese Ängste der Betroffenen. Einige Kolleginnen und Kollegen haben sie in der Vergangenheit mit der Sorge vor dem Outing aufgesucht. „Wir als Betriebsrat sind die richtige Anlaufstelle, wenn sich jemand vor Diskriminierung fürchtet. Ich sehe es als selbstverständlich an mit Rat und Tat beiseite zu stehen“, sagt Joanna. „Bislang sind mir noch keine Fälle von Diskriminierung gegen LGBTQI*-Menschen in unserem Betrieb bekannt“, sagt Joanna, aber sie sagt auch: „Wir als IG Metall müssen gemeinsam und aktiv den Menschen zur Seite stehen, die Repressionen zu fürchten haben.“

 

(Grafik: IG Metall)


Gemeinsam stark für die Gleichberechtigung

Das sehen auch die beiden Ehrenamtlichen Wilma und Hans Irion aus der Frankfurter Geschäftsstelle der IG Metall so und haben deshalb auf dem letzten Gewerkschaftstag 2019 einen Antrag „Gegen die Diskriminierung und für die Gleichbehandlung von LSBTTIQ*“ gestellt, der von den Delegierten erfolgreich verabschiedet wurde. „Weil der Einsatz gegen Diskriminierung und Benachteiligung von Minderheiten und benachteiligten Menschen für die IG Metall untrennbarer Bestandteil des Kampfes für Menschenrechte und für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft insgesamt sein muss, kamen wir zu dem Entschluss dazu einen Antrag für den Gewerkschaftstag 2019 zu stellen“, sagt Wilma. Wie wichtig das im Arbeitsalltag vieler Menschen ist, haben sie durch Begegnungen mit Betroffenen erfahren. „Durch unsere jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit in antifaschistischen sowie antirassistischen Bewegungen und Gruppen haben wir LSBTTIQ*-Menschen getroffen, die in der Arbeitswelt und in den übrigen Lebensbereichen für ihr Sein, ausgegrenzt und diskriminiert werden“ sagt Hans. Hier sahen sie Handlungsbedarf und wurden aktiv.

Valerie hat sich wie viele aus der LGBTQI*-Community über den Antrag gefreut und sieht darin ihre positive Erfahrung innerhalb der Organisation bestätigt. „Das ist jetzt gar nicht pathetisch gemeint, aber was mir wichtig ist zu sagen: Die IG Metall ist meine Heimat als transsexuelle Frau geworden. Hier fühle ich mich so wie ich bin aufgenommen“, sagt Valerie. Die DIW-Studie bestätigt ihren Eindruck, dass sich nicht nur die Sichtbarkeit und rechtliche Gleichstellung von LGBTQI*-Menschen in Deutschland verbessert hat, sondern auch die Akzeptanz in den letzten beiden Jahrzehnten zugenommen hat. Dennoch sind die Fortschritte nicht in Stein gemeißelt und Rückschritte sind jederzeit denkbar. Diskriminierung ist nichtsdestotrotz für viele Betroffene Alltag. Die IG Metall stellt sich hinter die Kolleg*innen der LGBTQI*-Community und macht sich auf verschiedenen Ebenen bis hin zu den Betriebsrät*innen und Unternehmen stark für ihre Gleichbehandlung.

 


Was bedeutet eigentlich…? – Unsere Erklärung der Abkürzungen

Während in der Vergangenheit hauptsächlich zwischen der Sexualität von hetero- und homosexuellen Menschen unterschieden wurde, differenziert man heute auch zwischen der sexuellen Identität, also wie definiert sich der Mensch? Das basiert zwar auch auf der sexuellen Orientierung, geht aber noch über die Frage, von wem sich jemand angezogen fühlt, hinaus.
 

Was bedeutet…

  • … LGBTQ? Das ist die englische Abkürzung, auch Akronym genannt, für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle/transgender und queere Menschen (lesbian, gay, bisexual, transsexual, queer).
  • … LGBTQI? In dieser Variante kommt die Abkürzung I für intersexuell hinzu, also Menschen, die biologisch zum Beispiel bei ihrer Geburt nicht eindeutig durch ihre Chromosomen einem Geschlecht zugeordnet werden können.
  • … LGBTTIQ? Durch das zweite T wird deutlicher zwischen Transgender und Transsexualität unterschieden.
  • … LGBTTIQ*? Anhand des Sternchens, auch Asterisk genannt, wird deutlich gemacht, dass auch die Menschen eingeschlossen werden sollen, die sich nicht unter den aufgezählten sexuellen Orientierungen und Identitäten wiederfinden.
  • … LSBTTIQ*? In diesem Fall handelt es sich im Gegensatz zur vorherigen Variante lediglich um die deutsche Aufzählung, da das S für schwul das G für das englische gay ersetzt.

 

Gleichstellung und Integration

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