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DGB Index Gute Arbeit
Wenn Überlastung zur Regel wird

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland fühlen sich während ihrer Arbeit gehetzt und unter Zeitdruck. Die Arbeitsintensität, das zeigt der aktuelle „DGB Index Gute Arbeit“, steigt. Das aber hat Auswirkungen: Die Belastungen wachsen, das Wohlbefinden sinkt.


Immer mehr Arbeit, immer weniger Zeit, immer größerer Stress - das ist Alltag für die Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland. Ein Großteil schätzt die eigene Situation am Arbeitsplatz infolge von Zeitdruck und Arbeitsverdichtung als problematisch ein: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland, exakt 53 Prozent, fühlen sich während ihrer Arbeit sehr häufig oder oft gehetzt oder unter Zeitdruck. Jeder Dritte musste, verglichen mit dem Vorjahr, deutlich mehr Arbeit bewältigen ohne jedoch mehr Zeit zur Verfügung zu haben. Das geht aus dem „DGB-Index Gute Arbeit Report 2019“ hervor, für den 6574 abhängig Beschäftigte zu ihren Arbeitsbedingungen befragt wurden.


Psychische Erkrankungen durch Stress am Arbeitsplatz

„Wachsender Stress am Arbeitsplatz mit der Folge deutlich zunehmender psychischer Erkrankungen ist die Geisel des 21. Jahrhunderts. Betroffen sind alle Beschäftigten, von geringer bis zu hoch Qualifizierten. Der DGB-Index zeigt erneut: Der Präventionsdruck in den Betrieben ist enorm“, sagt Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

Schwerpunkt des diesjährigen Reports ist das Thema Arbeitsintensität. Wie intensiv die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten sind und ob diese zur Belastung werden, hängt von drei Faktoren ab: Arbeitsmenge, Arbeitsdauer und Qualität der ausgeführten Tätigkeit. Gerät das Verhältnis der drei Faktoren in eine Schieflage, steigt die Arbeitsintensität und steigen die Belastungen für die Beschäftigten. Die Studie hat nun das Ausmaß von Arbeitsintensität sowie die Ursachen und Folgen schlechter Arbeitsbedingungen untersucht.


Personal-Mangel als häufigste Ursache

Eine der häufigsten Ursachen für Arbeitshetze und Überlastung ist der Mangel an ausreichendem Personal, sei es aufgrund chronischer Unterbesetzung oder infolge krankheitsbedingter Ausfälle im Betrieb. Insgesamt 38 Prozent der Befragten geben an, sehr häufig oder oft wegen fehlendem Personal mehr oder länger arbeiten zu müssen. Das gilt auch für die Branchen der IG Metall: Im Bereich Metallerzeugung/-verarbeitung sind es 34 Prozent, im Maschinen- und Fahrzeugbau 30 Prozent. Die aktuelle Studie des „DGB-Index Gute Arbeit“ zeigt auf, dass jeder Vierte Beschäftigte die Menge an Arbeit (sehr) häufig nicht in der vorhandenen Arbeitszeit bewältigen kann - es ist schlicht zu viel.


Stress mindert das Wohlbefinden

Eine dauerhaft hohe Arbeitsintensität aber führt zu Stress. Der zeigt sich etwa darin, dass viele Beschäftigte auf Pausen verzichten, um ihre Arbeitsziele erreichen zu können. Insgesamt geben 28 Prozent der Befragten an, sehr häufig oder oft Auszeiten zu verkürzen oder ganz auf diese zu verzichten, um die Menge an Arbeit überhaupt bewältigen zu können. Noch deutlich höher liegt der Anteil bei den Personen, die ihre Arbeitsmenge nicht schaffen können: In dieser Gruppe reduziert die Hälfte aller Befragten ihre Pausen.

Das hat negative Folgen auf das Wohlbefinden der Beschäftigten. Arbeitsmedizinisch längst bewiesen ist, dass sich Stress negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirkt. Das Risiko für psychische Erkrankungen, etwa Burnout, Depression und Angststörungen steigt. Wenn die Arbeitsüberlastung zum Regelfall wird, verschwimmt die Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und arbeitsfreier Zeit - und damit der Zeitraum, der notwendig für die persönliche Regeneration ist. Statt aber in der verbleibenden arbeitsfreien Zeit Erholung zu finden, fällt es den Beschäftigten schwer, abzuschalten: Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2016 zeigte auf, dass Beschäftigte, die ihre Pausen verkürzen, um ihr Arbeitspensum zu schaffen, an Ermüdung und einem geringeren Wohlbefinden leiden.

 

Beschäftigte fühlen sich ausgebrannt

Die Zahlen des DGB Index konkretisieren diesen Befund: Insgesamt gibt mehr als jeder Dritte an, exakt 36 Prozent, sich nach der Arbeit (sehr) häufig leer und ausgebrannt zu fühlen. Diese Form gesteigerter emotionaler, geistiger und körperlicher Erschöpfung nimmt in der Gruppe derjenigen, die regelmäßig die Arbeitsmenge nicht schaffen kann, in bedenklichem Ausmaße zu: Nahezu 60 Prozent der in dieser Gruppe Befragten sagt aus, sich nach der Arbeit leer und ausgebrannt zu fühlen - weniger arbeiten allerdings tun die Beschäftigten deshalb nicht.

Die Studie zeigt: Gerade Beschäftigte mit einer hohen Arbeitsintensität berichten, dass sie auch krank zur Arbeit gehen. 76 Prozent der Beschäftigten, die ihre Arbeitsmenge nicht schaffen können, haben im vergangenen Jahr mindestens einen Tag trotz Krankheit gearbeitet, häufig auch sehr viel mehr. Präsentismus, also das Arbeiten trotz Krankheit, ist dabei ein Risiko für alle Beteiligten. Die erkrankten Beschäftigten können sich nicht erholen, das Fehler- und Unfallrisiko steigt an und andere Beschäftigte können sich anstecken.


Anti-Stress-Verordnung muss Regelungslücke schließen

„Die Arbeitgeber müssen ihre Verweigerungshaltung aufgeben und Gefährdungsbeurteilungen umfassen durchführen. Auch die Politik muss handeln und ihre Schutz- und Kontrollfunktion erfüllen. Wir brauchen eine Anti-Stress-Verordnung, die die Regelungslücke im Bereich psychischer Belastungen schließt. Und es braucht eine Aufsicht, die ihren Namen verdient und die bestehenden Vorschriften in den Betrieben kontrolliert. Hier gilt das Motto: Arbeitsschutz ohne Aufsicht ist wie ein Derby ohne Schiri“, sagt Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

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