Henna Bülbül ist 22 Jahre alt, war zuvor in der Jugend- und Auszubildendenvertretung – und sitzt jetzt zum ersten Mal im Betriebsrat. Zusammen mit rund 250 anderen Frauen ist sie Anfang Juli beim 7. BetriebsrätinnenTag der IG Metall in Berlin.
Für die Betriebsrätin bei Vodafone ist es der erste große Austausch in ihrer neuen Rolle. „Ich nehme hier viel mit. Vor allem aus den Workshops und dem Austausch mit den anderen“, sagt sie.
Henna Bülbül steht für eine Entwicklung, die Mut macht: Immer mehr Frauen übernehmen Verantwortung in den Betriebsräten. Ihr Anteil liegt in den Branchen der IG Metall inzwischen bei 25,8 Prozent (vorläufiges Ergebnis) und ist damit höher als bei der vergangenen Betriebsratswahl. Mehr Frauen in den Gremien sind ein wichtiger Schritt. Gleichstellung entsteht dadurch jedoch noch nicht von selbst.
Gleichstellung im Zentrum aktueller Auseinandersetzungen
Denn die Herausforderungen wachsen. Viele Betriebsrätinnen erleben, dass die Konflikte in den Betrieben schärfer werden. Wirtschaftlicher Druck, Personalabbau und wachsende Unsicherheit erhöhen die Belastungen. Gleichzeitig werden politische Schutzrechte infrage gestellt, die für Gleichstellung und Vereinbarkeit zentral sind – etwa der 8-Stunden-Tag oder das Elterngeld.
Mit einer gemeinsamen Resolution beziehen die Teilnehmerinnen deshalb klar Stellung. Ihr Kern ist eindeutig: Keine Aufweichung des 8-Stunden-Tags. Gute Vereinbarkeit, so die Botschaft an die Bundesregierung, entstehe nämlich nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch planbare Arbeitszeiten, starke Mitbestimmung und eine öffentliche Infrastruktur, auf die sich Beschäftigte verlassen können.
Wer hingegen plant, Schutzrechte abzubauen, verschärft bestehende Ungleichheiten. Und das vor allem für Frauen, die weiterhin den größeren Teil der Sorgearbeit leisten und häufiger in Teilzeit arbeiten.
Austausch, der trägt und stärkt
Zugleich zeigt der BetriebsrätinnenTag: Niemand muss diese Auseinandersetzungen allein führen. Für viele ist der Austausch der wichtigste Teil: „Die Veranstaltung ist wirklich ein Kraft-tanken“, sagt Julia Bernardo, Betriebsrätin bei Schindler AG & Co. KG Deutschland. Der Blick in andere Betriebe helfe, die eigene Situation einzuordnen und neue Kraft zu schöpfen. Auch für Kerstin Packert, Betriebsrätin bei der Ford-Werke GmbH in Köln, ist der Austausch mit den Kolleginnen besonders wichtig. Sie ist bereits zum sechsten Mal dabei. Dass sie immer wiederkommt, hat für sie einen klaren Grund: Trotz jahrelanger Erfahrung nimmt sie jedes Mal neue Impulse für ihre Arbeit mit – weil sich Themen verändern, Zuspitzungen verschärfen und neue Antworten gefragt sind.
Gleichstellung durchsetzen
Der BetriebsrätinnenTag bietet dabei nicht nur Raum für Austausch. Er zeigt, wie Gleichstellung im Betrieb konkret vorangebracht werden kann. In den Workshops geht es darum, welche Hebel Betriebsrätinnen in ihrer Praxis haben – von Qualifizierung in der Transformation bis zum Vorgehen gegen Diskriminierung im Betrieb.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gleichstellung im Betrieb sichtbarer wird und gemeinsam vorangebracht werden kann.
Impulse dafür liefern unter anderem der Content Creator Patrick van Lier, der sich mit Strategien beschäftigt, Männer stärker für Gleichstellung zu gewinnen, sowie Marion Knaths, die den Teilnehmerinnen mit praktischen Tipps zeigt, wie sie ihre Themen im Betrieb überzeugend platzieren und durchsetzen können.
Es geht um Auftreten, Durchsetzung und darum, wie Betriebsrätinnen für ihre Themen Verbündete gewinnen. Gerade darin liegt ein zentraler Gedanke des BetriebsrätinnenTags: Gleichstellung setzt sich nicht von allein durch. Julia bringt es auf den Punkt: „Erfolgreiche Betriebsratsarbeit entsteht nicht allein. Sie braucht Austausch, Verbündete und ein starkes Netzwerk.“
Dass es dabei nicht um abstrakte Fragen geht, zeigt sich auch über die Workshops hinaus. Mit einer Solidaritätsaktion unterstützen die Teilnehmerinnen den Aktionstag bei Mercedes-Benz am 3. Juli.
Tarifpolitik
Dass Gleichstellung kein Randthema ist, wird auch in der Diskussionsrunde zur Betriebs- und Tarifpolitik deutlich. Im Austausch mit Susanne Preuk, Betriebsrätin bei Volkswagen Wolfsburg und den Betriebsrätinnen benennt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, die aktuellen Herausforderungen und spart dabei die Konflikte im Alltag nicht aus.
Besonders alarmierend ist für ihn eine Entwicklung, die viele Kolleginnen bestätigen: „Was mich nachdenklich macht, ist, dass sexuelle Belästigung, Übergriffe und Distanzlosigkeit in den Betrieben zugenommen haben.“
Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten drohen zentrale Gleichstellungsthemen zudem wieder in den Hintergrund zu rücken. Fragen von Weiterbildung, fairer Bezahlung oder Vereinbarkeit würden schnell als „nice to have“ behandelt, obwohl sie für viele Beschäftigte entscheidend sind.
Für Daniel ist deshalb klar: Gleichstellung darf nicht vertagt werden. Sie gehört mitten in die aktuellen tarifpolitischen Auseinandersetzungen – etwa bei Arbeitszeit, Entgelt oder Qualifizierung. Denn was hier verhandelt wird, entscheidet am Ende darüber, ob sich die Lage für Beschäftigte verbessert oder Ungleichheiten weiter zementiert werden.
Fortschritte entstehen nicht von selbst
Der steigende Anteil von Frauen in den Betriebsräten ist ein Fortschritt. Aber er allein verändert noch nichts. Erst, wenn Betriebsrätinnen ihre Themen auch durchsetzen, verändert sich der Alltag der Beschäftigten. Oder, wie Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, es formuliert: „Viele Fortschritte im Betrieb entstehen nicht von selbst. Es braucht Menschen, die hinschauen, nachhaken und Veränderungen vorantreiben.“
Der BetriebsrätinnenTag zeigt, was es dafür braucht: Erfahrung und neue Perspektiven, Austausch und Strategie – und die Bereitschaft, Konflikte zu führen.
Und Henna? Für sie ist es der Anfang. Sie nimmt nicht nur Kontakte und neue Ideen mit zurück in den Betrieb, sondern auch ein klares Bild davon, worauf es ankommt: Gleichstellung ist kein Randthema. Sie wird auch im Betrieb entschieden.