Ein Zerspanungsmechaniker im Maschinenbau sitzt vor Daten, mit denen bisher niemand so richtig gearbeitet hat: Messwerte aus den CNC-Anlagen, gesammelt, aber kaum genutzt. Er beginnt daraus ein Modell zu entwickeln, das vorhersagt, wann Maschinen ausfallen könnten. Vieles ist anfangs Ausprobieren. Doch dann zeigen sich Muster – und plötzlich werden Wartungen planbar, Stillstände vermeidbar. So kann das aussehen, wenn Auszubildende eine Zusatzqualifikation in künstlicher Intelligenz machen.
Die Industrie steht unter massivem Druck: Transformation, Digitalisierung und wirtschaftliche Unsicherheiten greifen ineinander. Gleichzeitig wächst der Bedarf an neuen Kompetenzen rasant. »Künstliche Intelligenz spielt im Alltag der Auszubildenden bereits eine große Rolle. KI ist daher kein abstraktes Zukunftsthema mehr, sondern auch Teil des Alltags in der Ausbildung, im Betrieb und der Berufsschule. Es fehlt aber Struktur, wie KI-Kompetenzen sinnvoll aufgebaut und genutzt werden können.
Mittelständler hinken bei KI hinterher
„Genau hier setzen wir uns für die ZQs ein“, sagt Christian Herbon, der als Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Gaggenau im Berufsbildungsausschuss der IHK Karlsruhe sitzt. So sollen die Auszubildenden frühzeitig Kompetenzen erwerben, die über klassische Berufsbilder hinausgehen und damit Fortschritt in die Unternehmen tragen. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen hinken häufig hinterher, was künstliche Intelligenz angeht.
Beispiele für KI in der Ausbildung
- Fachkraft für Lagerlogistik: Big Data in der Logistik
- Kaufmann/-frau für Büromanagement: Copilot, ChatGPT u.v.m.
- Industriemechaniker/in: KI-gestützte Wartung von Maschinen und
- Anlagen sowie Optimierung von Prozessen
- Handwerk: KI-gestützte Software zur Errechnung der Farbmenge von Räumen – virtuelle Planung zusätzlich unterstützt durch VR (Virtuelle Realität) und AR (Augmented Reality)
Das zeigen auch Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn: Während 2025 erst rund ein Viertel der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland KI-Anwendungen nutzte, lag der Anteil bei Großunternehmen bereits bei 57 Prozent. Hier liegt also auch eine Chance für die Unternehmen, findet Claudius Audick von der IHK Stuttgart. Und doch seien einige Unternehmen zu Beginn der Zusatzqualifikation erst skeptisch gewesen, insbesondere was die Auswertung interner Firmendaten anging. „Wir haben aber daran festgehalten und betont, dass das notwendig ist, wenn Unternehmen KI erfolgreich einsetzen wollen.“ Heute spielt das kaum noch eine Rolle. Die Unternehmen sind offener geworden.
Interesse an Zusatzqualifikation wächst
Ursprünglich entstanden ist die Zusatzqualifikation aus der Beobachtung heraus, dass technologische Entwicklungen deutlich schneller voranschreiten als die Anpassung klassischer Ausbildungsordnungen möglich ist – diese müssen nämlich für alle Ausbildungsbetriebe umsetzbar sein. „Wir wussten, dass wir ein flexibles Instrument brauchen, um diese Lücke zu schließen“, beschreibt Claudius Audick die Anfänge. Gemeinsam mit Betrieben, Bildungsträgern und Gewerkschaften wurde das Konzept entwickelt und zunächst regional im Raum Stuttgart erprobt. Gefördert wurde das Innovet-Projekt mit Mitteln aus dem Bundesbildungsministerium. Inzwischen wird die Zusatzqualifikation in mehreren IHK-Bezirken angeboten und kontinuierlich weiterentwickelt.
Das Interesse wächst: Immer mehr Betriebe beteiligen sich, und die Zahl der Auszubildenden, die das Angebot nutzen, steigt von Jahr zu Jahr. Auch überregionale Kooperationen tragen dazu bei, das Modell zu verbreiten und zugänglich zu machen. Die Zusatzqualifikation selbst ist praxisnah und modular aufgebaut. Auszubildende erwerben grundlegende Kompetenzen im Umgang mit Daten, lernen Anwendungsfelder von KI kennen und arbeiten an konkreten Projekten aus ihrem Betrieb.