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Übergang in die Rente verbessern

Schluss mit der Arbeit!

28.07.2014 Ι Eine überwältigende Mehrheit der Beschäftigten, Junge wie Ältere, wünscht sich, vor der Rente beruflich kürzertreten oder ganz aussteigen zu können. Sie wollen ihre dritte Lebensphase noch genießen können, gesund und mit genug Einkommen. Weil das so ist, will die IG Metall in ihrer nächsten Tarifrunde den flexiblen Übergang in die Rente verbessern.

"Es gibt ein Leben nach der Arbeit. Ayhan Kasap hat klare Vorstellungen, wie seines aussehen könnte: Sport. Viel lesen. Schreiben. Sein Traum wäre es, Artikel für Zeitschriften zu verfassen, zum Beispiel für türkische über das Alltagsleben in Deutschland. Und ab und zu Urlaub im Ferienhaus in Izmir. Das neue Leben hätte wenig Ähnlichkeit mit seinem bisherigen: Maschinenführer an der Presse, Arbeit in der Packerei, in der Gießerei, an der Plattensäge, Plattenprüfer an der Ultraschallanlage. 40 Jahre Schichtarbeit. Früh-, Spät-, Nachtschicht. "In jungen Jahren schafft man das. Ab 50 merkt man, dass die Arbeit Spuren hinterlässt.Man istmüde, dieKnochen tunweh.Aber der Betrieb verlangt die gleichen Leistungen wie in jungen Jahren. Oder noch mehr." Kasap versucht, sich gesund zu ernähren, raucht nicht, trinkt wenig Alkohol, joggt, fährt Fahrrad. Trotzdem: "Irgendwann sagt der Körper: Schluss, es geht nicht mehr."

Er hat einen Antrag auf Altersteilzeit gestellt. Wenn er durchkommt, wird Kasap nur noch bis 61 arbeiten und danach freigestellt. Sein Teilzeitentgelt würde auf 87 Prozent des bisherigen Nettoentgelts aufgestockt. Mit 63 Jahren und acht Monaten könnte er nach dem neuen Rentengesetz in eine Rente ohne Abschläge gehen. Seine Frau wird einmal genauso viel Rente wie er erhalten. Die beiden würden über die Runden kommen.

 

"Ich bin froh, dass unser Betrieb uns die Möglichkeit bietet, in Altersteilzeit zu gehen." Kasap arbeitet bei der Firma Aleris in Koblenz. Deren Betriebsratsvorsitzender ist Bernd Feuerpeil. Er sagt: "Der Run auf die Altersteilzeit ist riesengroß. Wir brauchen sie unbedingt." Etwa jeder dritte Beschäftigte in dem Aluminiumwerk ist über 45 Jahre alt. "Die Produktion ist nicht darauf ausgerichtet, dass die Menschen bis 65 oder gar 67 Jahre arbeiten. Und der Arbeitgeber bietet nicht immer Alternativen für Kolleginnen und Kollegen, die aus der Schichtarbeit rauswollen. Auch wenn der Werksarzt bestätigt, dass sie nicht mehr können. Noch finden wir immer Lösungen. Aber wie lange noch?"

 

Die Quote

Dabei steht Aleris gut da. 5,8 Prozent der Belegschaft kann in Altersteilzeit gehen. Das sind viel mehr als in den meisten Betrieben. Nach den geltenden Tarifverträgen der IG Metall haben vier Prozent der Beschäftigten Anspruch darauf. In Wirklichkeit liegt die Quote in Durchschnitt nur bei zwei bis drei Prozent. Viele Firmen bieten gar keine Altersteilzeit an - sie sind nicht dazu verpflichtet. Und die Mitglieder machen ihr individuelles Recht darauf nicht geltend.



 

Um das Quotenproblem zu lösen, könnte die IG Metall das Thema in ihrer nächsten Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie Anfang 2015 auf die Tagesordnung setzen. Die Tarifverträge zum flexiblen Übergang in die Rente, wie die Altersteilzeitvereinbarungen heißen, kurz TV FlexÜ, wurden 2008 abgeschlossen und gelten seit Januar 2010. In ihnen steht, dass bis zu vier Prozent der Belegschaft in Altersteilzeit gehen können. Voraussetzung dafür ist zwölf Jahre Betriebszugehörigkeit.

 

Das Blockmodell

Zurzeit wird bei der Altersteilzeit überwiegend das Blockmodell angewandt. In der ersten Hälfte - der aktiven Phase - arbeitet der Altersteilzeiter Vollzeit. In der zweiten - der passiven Phase - ist er von der Arbeit freigestellt. Über den gesamten Zeitraum betrachtet, arbeitet er die Hälfte der Zeit. Den halben Lohn, der ihm damit eigentlich nur zustünde, soll der Arbeitgeber im Durchschnitt auf 85 Prozent des vorherigen Nettoentgelts aufstocken.

 

Die Zeit

Von der Vier-Prozent- Quote können Schichtarbeiter und andere Beschäftigte, die "dauerhaft" belastende Tätigkeiten ausüben, 2,5 Prozent beanspruchen. Nicht "Belastete" können bis zu vier Jahre vereinbaren; die Altersteilzeitmuss anschließend nahtlos in eine abschlagsfreie Rente übergehen. Die "Belasteten "könnenbis zu sechs Jahre in Altersteilzeit gehen. Sie können auch schonmit 57 Jahren starten und - nach den bisherigen Gesetzen - mit 63 in eine Rentemit Abschlägen wechseln. Als Ausgleich für die Abschläge erhalten sie jedenMonat 250 Euro alsAbfindung. Das neue Gesetz. In den Tarifverträgen steht: Wenn sich gesetzlich etwas ändert, laufen sie nach sechs Monaten ersatzlos aus. Da sich mit dem neuen Gesetz über die Rentemit 63 nach 45 Versicherungsjahren etwas geändert hat, muss die IG Metall die Verträge also in der nächstenTarifrunde neu verhandeln.

 

Das Geld

Wenn sowieso schon neue Tarifverträge zum flexiblen Übergang in die Rente nötig sind, will die IG Metall sie auch verbessern. Und da ist neben der verbindlicheren Quote und den Anpassungen an das neue Rentengesetz noch mehr in der Diskussion. Die Beschäftigtenbefragung der IGMetall im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer meinen, sie könnten sich Altersteilzeit nicht leisten. Das betrifft natürlich besonders An- und Ungelernte in den unteren Entgeltgruppen. Denn wer 3000 Euro netto verdient, hat in der Altersteilzeit wenn sein Entgelt auf 85 Prozent aufgestockt wird, immer noch 2550 Euro. Bei 2200 Euro würde sich das Einkommen auf 1870 Euro verringern. Wer 1500 Euro erhält, müsste mit 1275 Euro klar kommen.

"Am Anfang sind die Kollegen interessiert an Altersteilzeit. Dann lassen sie sich von der Personalabteilung oder externen Experten ausrechnen, auf wie viel Lohn sie verzichten müssen, gehen zum Steuerberater - und dann hören wir von vielen nichts mehr", schildert Wilhelm Kassens, der Betriebsratsvorsitzende von Waskönig + Walter im norddeutschen Saterland, seine Erfahrungen. "Die Kollegen wollen schließlich auch leben, wollen in Urlaub fahren, ihre Hobbys pflegen. Sie müssen vielleicht noch ein Haus abbezahlen. Und wer mehrere Kinder hat, konnte auch nicht immer viel fürs Alter zurücklegen. Da kann es finanziell schon eng werden."

 

Die Beschäftigten, die am meisten rechnen müssen, die in den unteren Entgeltgruppen, sind oft diejenigen, deren Arbeit körperlich besonders anstrengend und ungesund ist, die am Band mit kurzen Taktzeiten arbeiten oder Lärm, Dämpfe, Hitze und andere schlechte Umwelteinflüsse am Arbeitsplatz ertragen müssen. Also Beschäftigte, die den vorzeitigen Ausstieg aus dem Arbeitsleben brauchen, weil sie die Arbeit gesundheitlich nicht mehr schaffen.

Dieses Problem berücksichtigen die Tarifverträge zum flexiblen Übergang in die Rente eigentlich schon. In ihnen ist vereinbart, dass die Aufstockungsbeträge nur im Durchschnitt bei 85 Prozent des vorherigen Nettoentgelts liegen sollen. Beschäftigte mit geringem Entgelt sollen 89 Prozent erhalten.

In vielen Unternehmen werden aber keine Unterschiede gemacht, sondern das Entgelt wird bei allen Beschäftigtengruppen nach dem gleichen Prozentsatz aufgestockt. Um das zu ändern, müsste die Differenzierung nach Einkommen verbindlicher geregelt werden. Auch das könnte ein Thema sein, wenn der flexible Übergang in die Rente in der kommenden Tarifrunde neu verhandelt wird.

 

Die "Belasteten"

"Sechs Jahre Altersteilzeit sind eine gute Sache. Diese Regelung muss erhalten bleiben", findet Betriebsrat Kassens. Beschäftigte mit belastenden Tätigkeiten erhalten allerdings oft keinen Anspruch auf sechs Jahre Altersteilzeit, sondern nur auf vier.

Das liegt daran, dass als "belastende" Tätigkeit in der Regel nur langjährige Schichtarbeit gilt. Damit werden viele andere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgegrenzt. Auch in diesem Punkt gibt es in den Tarifverträgen aus Sicht vieler Metallerinnen und Metaller Korrekturbedarf.

 

Die Lebensplanung

Oft fragen ältere Kollegen den Betriebsrat Wilhelm Kassens: Wie geht es denn eigentlich weiter? Gibt es in Zukunft überhaupt noch Altersteilzeit? Betriebsräte und Beschäftigte dringen auf länger laufende Verträge. Sie brauchen Kontinuität und langfristige Perspektiven. Schließlich geht es um die künftige Lebensplanung. Jeder will rechtzeitig wissen,was Sache ist. Der Bedarf für Altersteilzeit wird zudem in Zukunft wachsen, weil die Belegschaften älter werden und immer mehr Beschäftigte auf die Rente zusteuern.

 

Die Vorschläge

Es gibt also einiges an Handlungsbedarf, der zurzeit unter den Mitgliedern diskutiert wird: Erstens längerfristig geltende Tarifverträge. Zweitens Regelungen, die Betriebe verpflichten, für mindestens vier Prozent der Belegschaften die Altersteilzeit auch tatsächlich zu ermöglichen. Wird die Quote nicht ausgeschöpft, soll der Betriebsrat wenigstens durchsetzen können, dass die Mittel, die der Arbeitgeber einspart, anders verwendet werden - im Interesse der Arbeitnehmer natürlich. Drittens sollte das finanzielle Volumen erhöht werden, weil der Bedarf für Altersteilzeit zunimmt. Und viertens sollen neben Schichtarbeitern auch andere Beschäftigte mit belastenden Tätigkeiten Vorrang haben. Die Zukunft. Alfred Stübling, bald 60, aus Wutha-Farnroda bei Eisenach, meint, dass er sich Altersteilzeit nicht leisten kann. Sie müsste stärker aufgestockt werden, findet er. Andererseits hat er gesundheitliche Probleme.Vielleicht stellt er darum doch Antrag auf Altersteilzeit. Sicher ist er noch nicht.

Werner Hautzinger aus Neckarsulm ist in Altersteilzeit. Nächstes Jahr wird er 63 und von der Arbeit freigestellt. Bis zur Rente ohne Abschläge mit 65 Jahren. Er hätte dank des neuen Gesetzes auch mit 63 in eine abschlagsfreie Rente gehen können. Er muss aber nicht. Da er schon in Altersteilzeit ist, kann der Vertrag weiterlaufen wie bisher.

Mit der Altersteilzeit steht er sich wohl besser als mit der Rente mit 63. Weil er so bis 65 Jahre fast 90 Prozent seines früheren Vollzeitlohns erhält und nicht nur die knapp 50 Prozent gesetzliche Rente. Die Rente wird auch höher sein, weil er länger gearbeitet und Beiträge gezahlt hat. Dafür muss er eben bis 63 arbeiten. Aber es ist das, was er wollte.

Ayhan Kasap, 58 Jahre, aus Koblenz hat Altersteilzeit beantragt. Er hofft, dass die Quote in seinem Betrieb das noch zulässt. Er will so schnell wie möglich aussteigen. Wenn es klappt, ist er mit 61 freigestellt und mit 63 Jahren in Rente. Er ist gesund und freut sich schon auf das neue Leben nach der Arbeit.

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