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Qualitative Forderungen zur Metall-Tarifrunde: Interview mit Jörg Hofmann. Foto: IG Metall

Qualitative Forderungen zur Metall-Tarifrunde: Interview mit Jörg Hofmann

Mehr Zeit zum Leben

10.07.2014 Ι Die Weichen für die nächste Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie sind gestellt. Der IG Metall-Vorstand hat den Tarifkommissionen qualitative Themen und Forderungen zur Diskussion empfohlen, die nun ab Herbst regional verhandelt werden sollen. Was die IG Metall will, erläutert der Zweite Vorsitzende der IG Metall Jörg Hofmann.
Jörg, warum sind die Arbeitszeiten jetzt für die IG Metall wieder ein Thema?
Jörg Hofmann: Unsere Beschäftigtenbefragung, bei der im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Million Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mitgemacht haben, hat eines ganz klar gezeigt: Die Arbeitnehmer wollen individuellere Arbeitszeiten. Sie wollen Zeit, um sich beruflich weiterbilden zu können. Sie wollen Zeit, um ihre Arbeit mit ihrem Privatleben, vor allem mit der Familie, vereinbaren zu können. Und sie wollen nach einem langen Arbeitsleben Zeit haben, um gesund ihren dritten Lebensabschnitt genießen zu können. Es geht also immer um die Zeit.

Bisher diktieren vor allem die betrieblichen Abläufe die Arbeitszeiten. Die Unternehmen verlangen von ihren Beschäftigten, dass sie flexibel einsatzbereit sind. Dagegen sagen wir: Flexibilität darf keine Einbahnstraße mehr sein. Es muss einen fairen Ausgleich geben. Die Beschäftigten müssen ihre Arbeitszeit an ihre individuellen Lebensentwürfe anpassen können. So muss moderne Arbeitszeitgestaltung aussehen.

Zudem müssen wir feststellen, dass ständiger Leistungsdruck zu einem Ausufern der Arbeitszeiten führt. Arbeit wird auch mit nach Hause genommen, weil die reguläre Arbeitszeit nicht ausreicht. Flexibilität wirkt sich heute zu oft ausschließlich zugunsten der Arbeitgeberinteressen aus.

In der nächsten Tarifrunde soll es um berufliche Entwicklung und um flexible Übergänge gehen. Warum gerade diese beiden Themen?
Wir setzen um, was unsere Mitglieder und die Beschäftigten wollen. Und diese Schwerpunkte ergeben sich aus der Beschäftigtenbefragung. Berufliche Entwicklung ist nicht nur für junge Leute ein wichtiges Thema. Das hat die Befragung gezeigt: In der jetzigen Tätigkeit bis zur Rente zu arbeiten, ist für über 90 Prozent nicht denkbar. Viele wären allerdings gerne bereit, die hierfür notwendige Bildungsanstrengung zu erbringen. Aber sie sagen auch, dass ihnen die Zeit dafür fehlt und sie es sich finanziell nicht leisten können, eine Auszeit dafür zu nehmen. Die IG Metall Jugend hat sich dieses Themas besonders angenommen.

Daneben müssen wir die Möglichkeit eines flexiblen Übergangs durch Altersteilzeit zukunftssicher machen und verbessern. Auch das ist das Votum unserer Mitglieder. Seit März haben sie in den Betrieben, in örtlichen und regionalen Veranstaltungen und Konferenzen darüber diskutiert, welche Themen die IG Metall angehen soll. Dabei zeigt sich, dass der vorzeitige Ausstieg als besonders drängendes Problem angesehen wird.

Weil sich viele der Rente nähern?
Ja, das Durchschnittsalter der Belegschaften steigt, die Arbeit wird immer stressiger und ist für viele nicht bis zur regulären Rente zu schaffen. Da es um die ganze Lebensplanung geht, brauchen die Beschäftigten langfristige, verlässliche Ausstiegsperspektiven. Die geltenden Tarifverträge zur Altersteilzeit laufen regulär Ende 2016 aus. Sie müssen wegen der gesetzlichen Änderungen - Stichwort Rente mit 63 - vorher angepasst werden. Auch darum sind neue Tarifverträge schon jetzt ein Thema.

Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt in den nächsten Tarifverhandlungen noch keine Rolle. Warum nicht?
Wir können nicht alles in einer einzigen Tarifrunde angehen. Da würden wir uns übernehmen. Wir fangen jetzt mit zwei der wichtigsten Themen an. Mir ist wichtig: Vereinbarkeit bleibt ein Thema - in den Betrieben und in der Tarifpolitik.

Das Ziel, wo wir hinwollen, ist ein neues Normalarbeitsverhältnis. Das meint unbefristete, sichere Jobs mit verlässlichem, stetigen Einkommen und eine Arbeitszeit, die sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen und ihren unterschiedlichen Lebensphasen orientiert. Wer kleine Kinder hat, soll eine Zeit lang kürzer arbeiten können. Wenn sich jemand qualifizieren will, soll das nicht mehr an Zeitmangel scheitern. Wer sich nach einem anstrengenden, harten Arbeitsleben der Rente nähert, soll früher ausscheiden können, wenn er oder sie das will.

Es geht also in dieser Tarifrunde nur um Zeit?
Nein, auch um Geld. Sowohl für die Weiterbildung als auch für die Altersteilzeit gilt: Viele können sie sich finanziell nicht leisten. Das zeigen alle unsere Erfahrungen und die Beschäftigtenbefragung bestätigt es. Durch den Rost fallen vor allem die, die sie besonders brauchen: gering Qualifizierte, Beschäftigte in niedrigen Entgeltgruppen und mit besonders belasteten Tätigkeiten, etwa Schichtarbeiter oder Arbeitnehmer mit körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Unsere Forderungen sollen darum auch eine soziale Komponente enthalten. Wir wollen gleiche Chancen für alle.

Was heißt das konkret bei der Altersteilzeit?
Der Altersteilzeit-Tarifvertrag soll langfristig fortgesetzt werden. Dabei muss das finanzielle Volumen steigen, weil die rentennahen Jahrgänge zunehmen. Besonders belastete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen bei der Auswahl Vorrang erhalten. Außerdem wollen wir, dass die Quote besser ausgeschöpft wird. Der Tarifvertrag sieht vor, dass bis zu vier Prozent der Belegschaft Anspruch auf Altersteilzeit erhalten können. In der Praxis wird diese Quote oft nicht ausgeschöpft. Aus unterschiedlichen Gründen. Wo sie nicht ausgeschöpft wird, dürfen die Mittel künftig nicht mehr verfallen.

Und bei der Weiterbildung?
Beschäftigte, die einen Schulabschluss nachholen, einen Berufsabschluss erzielen, sich zum Techniker weiterbilden oder auch studieren wollen, sollen zeitlich befristet Teilzeit arbeiten können. Dabei sollen sie die Wahl haben, täglich kürzer zu arbeiten oder zum Beispiel zwei Jahre Vollzeit und sich danach zwei Jahre freistellen zu  lassen. In dieser Zeit soll der Arbeitgeber ihnen das Entgelt aufstocken - ähnlich wie bei der Altersteilzeit. Außerdem könnten Stipendienmodelle vereinbart werden. Darüber hinaus wollen wir spezielle Maßnahmen und Förderprogramme für Un- und Angelernte erreichen.

Die IG Metall wird ja auch wieder höhere Entgelte fordern. Wann fällt die Entscheidung über die Prozentzahl?
Damit befassen sich die regionalen Tarifkommissionen nach den Sommerferien. Der IG Metall-Vorstand wird die konkrete Forderung im November beschließen, kurz bevor die Verhandlungen starten.

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beim Entgelt, beim Urlaub und es gibt Rechtsschutz. Aber: Nur Mitglieder profitieren davon.

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In der Metall- und Elektroindustrie gilt der "Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente" (TV FlexÜ). Wer mindestens zwölf Jahre in einem Betrieb arbeitet, kann die tarifliche Altersteilzeit im Block-modell nutzen. Beschäftigte erhalten zwischen 85 und 89 Prozent ihres bishe-rigen Nettoentgelts.

Mit dem ansteigenden Renteneintrittsalter verschiebt sich auch der mögliche Beginn der Altersteilzeit. Besonders Belastete wie Schichtarbeiter können statt vier bis zu sechs Jahre Altersteilzeit in Anspruch nehmen. Doch es gibt eine betriebliche Höchstgrenze: Insgesamt können nur vier Prozent der Beschäftigten eines Betriebes das nutzen.

Mit der gesetzlichen Regelung zur Rente mit 63 sind IG Metall und Arbeitgeber jetzt verpflichtet, den TV FlexÜ anzupassen.
Wozu sind Tarifverträge gut?

Tarifverträge regeln Löhne, Gehälter und Vergütungen für Auszubildende - aber auch, wie lange Arbeitnehmer arbeiten müssen und wieviel Urlaubstage, Urlaubs- und Weihnachtsgeld ihnen zusteht. Gäbe es keine Tarifverträge, wären die Arbeitszeiten länger und der Urlaub kürzer - laut Gesetz nur 20 Arbeitstage. Meist gelten die Tarifverträge für ein Jahr oder auch länger. Wenn sie ablaufen, wird über neue verhandelt.

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