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Wie retten wir die Erde und schaffen gute Arbeit?

Die eine denkt vor allem ans Klima, der andere auch an gute und sichere Arbeitsplätze. Ein Widerspruch? Nein! Darin sind sich Rhonda Koch von „Fridays for Future“ und Enrico Wiesner von der IG Metall Jugend einig. Diskussionsstoff gab es bei unserem Gespräch trotzdem genug.

30. August 201930. 8. 2019Simon Che Berberich


Mit welchem Verkehrsmittel seid Ihr dieses Jahr in Urlaub gefahren?

Enrico Wiesner: Ich habe vor einem halben Jahr eine längere Reise mit dem Flieger gemacht. Jetzt habe ich mir gedacht: Flieg mal weniger. Deshalb war ich mit dem Nachtzug in Schweden.

Rhonda Koch: Ich war noch gar nicht im Urlaub. Aber natürlich bin ich dafür, Inlandsflüge drastisch zu reduzieren. Man muss auch nicht zweimal im Jahr nach New York fliegen.


Müssen wir unsere Gewohnheiten ändern, um das Klima zu retten?

Rhonda: Kritischer Konsum gehört dazu. Aber entscheidend ist, auf welche Art wir Dinge produzieren. Und das können wir nur mit gemeinsamem Handeln beeinflussen.

Enrico: Ich sehe es etwas anders: Am schnellsten kann ich bei mir selbst etwas verändern. Dadurch wird ja auch Nachfrage gesteuert. Aber klar: Die Art, wie wir industriell produzieren, ist ein entscheidender Punkt. Beispiel: Wo kommt das Sojafutter für unsere Schweinezucht her? Oft wird für den Anbau Regenwald gerodet.


„Ich bin zur IG Metall gegangen, weil ich was bewegen will. Das will ‚Fridays for Future‘ auch.“


„Fridays for Future“ will den CO2-Ausstoß verteuern, also auch das Autofahren. Wie erklärt Ihr das einem Pendler, der ohne Auto nicht zur Arbeit kommt?

Rhonda: Man muss ehrlich sein: Verbrennungsmotoren sind schlecht fürs Klima. Aber wir wollen Menschen auf dem Land nicht das Auto unterm Hintern wegziehen. Ich will, dass sie mit uns zusammen Druck für mehr Klimaschutz machen. Die größten Veränderungen müssen im Energie- und im Verkehrssektor passieren.


Muss man nicht erst Alternativen schaffen, also Bus und Bahn ausbauen?

Rhonda: Auf den Ausbau des Schienennetzes zu warten dauert zu lange. Aber man kann auch ohne neue Schienen viel tun: Mehr Züge, mehr Personal, mehr Pünktlichkeit, mehr Verbindungen. Damit können wir sofort loslegen. Ich wünsche mir eine aktivere Rolle des Staates. Mehr Investitionen.

Enrico: Ich fahre immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Ich wohne aber auch in Berlin. Da geht das.


Was ist mit den Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie?

Enrico: Wir sollten nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen der Verkehrswende sehen. Der ÖPNV-Ausbau schafft viele Arbeitsplätze. Das sehe ich bei Siemens Mobility, den Zugbauern. Die haben viele Aufträge. Man muss das nur planvoll angehen und endlich anfangen. Ganz wichtig ist: Die neuen Jobs müssen gut bezahlt und sicher sein. So wie die heutigen Jobs im Automobilbau. Dafür müssen wir investieren ― in Forschung und Entwicklung, in die Qualifizierung der Beschäftigten.

Können wir die Klimakrise durch Technologie lösen? Die Stahlindustrie forscht zum Beispiel an der CO2-freien Produktion.

Enrico: Möglich. Aber das braucht Zeit. Unsere Gasturbinen haben Entwicklungszyklen von bis zu fünf Jahren.

Rhonda: E-Autos sind auch technologischer Fortschritt. Aber der CO2-Vorteil von E-Autos ist im Moment noch ziemlich fragwürdig. Das scheint mir nicht die wahre Lösung zu sein.

Enrico: Und das E-Auto braucht deutlich weniger Arbeitskraft. Die Entwicklung muss vorangehen. Vielleicht Richtung Wasserstoffantriebe.


„Fridays for Future“ will seine Forderungen „sozial verträglich“ umsetzen. Was bedeutet das konkret, Rhonda?

Rhonda: Dass die normalen Menschen nicht unter der Transformation leiden dürfen. Das darf nicht auf deren Schultern lasten, sondern auf denen der Konzerne. Deswegen suchen wir den Dialog mit den Gewerkschaften und mit Azubis.

Enrico: Das finde ich gut!


„Ein IG Metall-Slogan heißt ‚Gute Arbeit, gutes Leben‘ ― darauf können wir uns einigen.“


Welche Kontakte gibt es bereits?

Rhonda: Wir haben bei „Fridays for Future“ eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft zum Dialog mit den Gewerkschaften. In rund zehn Städten gibt es Austausch mit dem DGB, mit Verdi, mit der IG Metall. Bei uns in der Berliner Ortsgruppe war die DGB-Jugend zu Gast. Wir haben überlegt, was man gemeinsam angehen kann.

Enrico: Ich war neulich mit ein paar Kollegen bei einer „Fridays for Future“-Demo. Natürlich interessiert mich das. Ich bin zur IG Metall gegangen, weil ich was bewegen will. Das will „Fridays for Future“ auch.


Wo seht Ihr Schnittmengen zwischen IG Metall und „Fridays for Future“?

Rhonda: Ein IG Metall-Slogan heißt „Gute Arbeit, gutes Leben“ ― darauf können wir uns einigen. Einig sind wir uns auch bei dem Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Diskutieren müssen wir über die Details: Wie setzen wir den Klimaschutz konkret um? Der Protest für mehr Klimaschutz kann nicht nur von Schülern und Studenten getragen werden. Wir wollen ein breites Bündnis. Dazu gehören die Gewerkschaften.


Wie sprecht Ihr im Freundeskreis über den Klimawandel? Mit Angst? Mit Aufbruchstimmung?

Enrico: Manche sind sehr zynisch. Nach dem Motto: Wir genießen unser Leben, solange es noch geht. Andere sagen: „Eigentlich müsste man…“ Wieder andere wollen ganz aussteigen und sich mit einem Ökobauernhof unabhängig machen.

Rhonda: Den Zynismus gibt es. Und auch Teilnahmslosigkeit. Man weiß, dass Menschen aufgrund der Klimakrise flüchten müssen, weil sie ihre Lebensgrundlage verlieren. Eigentlich müssten jedes Wochenende zwei Millionen Leute in Berlin demonstrieren.


Kriegt die Menschheit die Kurve?

Rhonda: Ja! Auf jeden Fall. Wir haben schon Revolutionen geschafft. Aber vorher wird sich alles noch zuspitzen ― leider.

Enrico: Wenn wir so weitermachen wie bisher, kriegen wir die Kurve nicht. Wir müssen was ändern, und zwar schnell. Vielleicht muss es erst richtig wehtun, bevor sich die Menschheit bewegt.


Rhonda Koch engagiert sich in Berlin bei „Fridays for Future“ und sucht den Dialog mit Gewerkschaften. Für den 20. September rufen die Klimaktivisten zu einer bundesweiten Kundgebung auf.

Enrico Wiesner ist Jugend- und Auszubildendenvertreter im Siemens Gasturbinenwerk Berlin. Am 20. September geht auch er für mehr Klimaschutz auf die Straße.

 


Sozial, ökologisch, demokratisch ― wie wir den Wandel der Industrie gestalten können:

igmetall.de/fairwandel


Erklärung der IG Metall anlässlich des Aufrufs von Fridays for Future zu Klimastreiks und -aktionen am 20. Septeber:

„Gemeinsam Druck machen“

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