Junge Leute in der Region halten

Immer mehr Betriebe stehlen sich aus der Verantwortung für die junge Generation und bilden nicht mehr aus. Auszubildende und dual Studierende von Siemens Energy in Görlitz kämpfen zusammen mit Betriebsrat und IG Metall für den Erhalt ihrer Ausbildungswerkstätte.

1. April 20211. 4. 2021
Martina Helmerich


Magnus Biele kann es immer noch nicht fassen. Der 18-Jährige macht bei Siemens Energy in Görlitz seine Ausbildung zum Industriemechaniker. Vor ein paar Wochen bekamen er und rund 90 weitere Auszubildende die Hiobsbotschaft: Ihr Ausbildungszentrum in Görlitz soll geschlossen werden.

„Das ist, als ob man seine Familie verliert. Keiner kann das so richtig verstehen. Das Thema regt die Leute richtig auf“, sagt Magnus. Er ist im zweiten Ausbildungsjahr und engagiert sich in der Jugend- und Auszubildendenvertretung in der IG Metall. Mit den anderen Jugendlichen hat er im März an einem Warnstreik im Rahmen der aktuellen Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie teilgenommen und auf die geplante Schließung aufmerksam gemacht. Auf selbst gemachten Plakaten stand „Innovation gibts nicht umsonst“ und „Place2be – Görlitz“. Die Protestaktion zeigte Wirkung in der Öffentlichkeit. Das Ausbildungszentrum in Görlitz gibt es schon seit 1947. Es ist das Einzige in der Region, in der ohnehin die Möglichkeiten für junge Leute rar sind. Wenn auch diese Einrichtung schließt, erschwert das für viele die Ausbildung extrem. Wer einen Industrieberuf bei Siemens Energy erlernen will, muss dann nach Berlin. „Das sind 300 Kilometer von hier.“


Fachleute vor Ort sind Standortfaktor

„Das heißt, die ganze Woche weg von zu Hause. Da bleibt keine Zeit mehr für Hobbys, Freunde und Familie“, sagt Magnus. Auszubildende, JAV, Betriebsrat und IG Metall ziehen jetzt beim Kampf an einem Strang. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende David Straube hat selbst vor 20 Jahren hier seinen Beruf erlernt.

„Was Siemens Energy hier vorhat, ist ein herber Einschnitt“, sagt Straube. „Die Auszubildenden sind sehr verunsichert.“ Im Ausbildungszentrum Görlitz können Jugendliche die Berufe Industriemechaniker, Zerspanungsmechaniker und neuerdings auch Mechatroniker erlernen. In Kooperation mit der Hochschule Zittau werden auch dual Studierende wie Lydia Laarz ausgebildet. Gute Fachleute vor Ort sind ein wesentlicher Standortfaktor. Das Zentrum ist außerdem wichtig für die Attraktivität des Innovationscampus in Görlitz. Start-ups, Neuansiedlungen und regionale Firmen sollen die Möglichkeit haben, ihren Nachwuchs im Ausbildungszentrum ausbilden zu lassen. Umso wichtiger ist, die Ausbildungsplätze zu erhalten und Siemens Energy an seine gesellschaftliche Verantwortung zu erinnern.


Nur jeder fünfte Betrieb bildet aus

Was in Görlitz droht, ist kein Einzelfall. Überall in Deutschland setzen die Arbeitgeber die Axt an die Ausbildung. Das belegen die jüngsten Zahlen vom Ausbildungsmarkt. Sie sind nicht erst seit Corona besorgniserregend. Die Krise wirkt wie ein Katalysator.  Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist 2020 um 11 Prozent eingebrochen. Die Zahl der unversorgten Jugendlichen kletterte gegenüber dem Vorjahr um 4800. Es gibt deutlich mehr unvermittelte Bewerber als freie Ausbildungsplätze. Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen hat stark nachgelassen. In den westlichen Bundesländern bildet nur noch jeder fünfte Betrieb aus. In den östlichen Bundesländern ist es nur noch jeder siebte. Seit 2007 ist die Quote der Betriebe, die ausbilden, von 24 auf 19 Prozent gesunken (siehe Grafik). Und das, obwohl der Bedarf an Fachkräften ungebrochen ist.


Einstieg ins Berufsleben ist in Gefahr

Der Verlust von Ausbildungsplätzen ist nach Einschätzung von Hans-Jürgen Urban alarmierend. „Einmal abgebaute Plätze werden meist nicht wieder aufgebaut. Für viele junge Menschen ist der Einstieg ins Berufsleben in Gefahr“, sagt Urban, der als geschäftsführendes IG Metall-Vorstandsmitglied für Berufsbildung zuständig ist. Er fordert deshalb perspektivisch eine Ausbildungsgarantie, damit sich Betriebe nicht aus der Verantwortung stehlen können.

Für Betriebsrat Straube ist klar, dass die Metallerinnen und Metaller mit den jungen Auszubildenden weiter für den Erhalt der Werkstätte in Görlitz kämpfen werden. „Es geht mir darum, junge Leute in der Region zu halten.“

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