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Die Zukunft der Arbeit im digitalen Industriezeitalter – Them...
Arbeiten in der vierten industriellen Revolution

Führt fortschreitende Automatisierung zu neuen Risiken für Beschäftigte und ihre Arbeit? Oder wertet sie die Industriearbeit auf? Welche Chancen und Risiken ergeben sich durch Digitalisierung? Jörg Hofmann, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, Computerexperte Frank Rieger sowie der ...



... Wissenschaftsphilosoph Klaus Mainzer diskutierten über diese Fragen bei der Rhein-Main-Runde in Frankfurt.

Eindeutige Ergebnisse gab es an diesem Abend eigentlich nur in München, beim Sieg der Bayern gegen Porto. Aber das bedeutet nicht, dass diese Veranstaltung, diskussionsreich, ergebnisoffen und trotz Sommerwetters bestens besucht, einen Makel gehabt hätte, ganz im Gegenteil: Wenn die Dinge nicht abgeschlossen sind, sondern im Entstehen begriffen, dann heißt das auch, dass sie gestaltbar sind. Exakt so verhält es sich mit der Digitalisierung der Produktion, die derzeit unter dem Schlagwort „ Industrie 4.0“ verhandelt wird. Aufbrüche und Anfänge sind hier überall zu beobachten – was sie bedeuten, wohin sie führen, das ist noch nicht klar. Darüber muss debattiert werden.

Und das wurde es, an diesem Abend, im „Main Forum“ in Frankfurt. Gemeinsam mit dem beim Vorstand der IG Metall neu geschaffenen Ressort „Zukunft der Arbeit“ hatte die Rhein-Main-Runde zur Diskussion über „Die Zukunft der Arbeit im digitalen Industriezeitalter“ geladen und drei Gäste auf das Podium geholt: Jörg Hofmann, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, Frank Rieger, Buchautor und Sprecher des „ Chaos Computer Club“ sowie den Wissenschaftsphilosophen Klaus Mainzer. Den Drei gelang es, gerade weil sie aus verschiedenen Positionen und mit unterschiedlichen Blickwinkeln argumentierten, einen differenzierten Rundumblick über die Fragen zu geben, die sich mit fortschreitender Digitalisierung und Vernetzung stellen.

„Bildung und Qualifizierung – eine Schlüsselfrage“

Von denen gibt es zahlreiche. Moderatorin Lena Schiller-Clausen formulierte zu Beginn des Abends die drängendsten: Führt fortschreitende Automatisierung zu neuen Gefahren für Beschäftigte und ihre Arbeit? Oder trägt sie, im Gegenteil, zu einer Aufwertung von Industriearbeit bei? Schafft Digitalisierung in gleichem Maße neue Arbeitsplätze wie sie Arbeitsplätze zu vernichten droht? Welche Chancen und welche Risiken ergeben sich durch Digitalisierung für die Menschen und für ihre Arbeit?

Für Jörg Hofmann steht außer Frage, dass die gegenwärtige Entwicklungsdynamik der Digitalisierung tiefgreifende Folgen für die Arbeit haben wird. Qualitätsanforderungen und Tätigkeitsprofile werden sich grundlegend ändern, alte Trennlinien zwischen Produktions-, Administrations-, Dienstleistungs- und Wissensarbeit aufgelöst. „Die Digitalisierung erzeugt einen neuen Typus von Industriearbeit, in dem vielfältige Aufgaben gebündelt werden. Tendenziell nehmen dabei die Anteile von Dienstleistungs- und Wissensarbeit zu, die Anteile von Administrations- und Produktionsarbeit ab.“ Was „hybride Tätigkeitsprofile“ und „hybride Produkte“ allerdings für die Arbeit bedeuten, ist bislang noch nicht klar.

Sicher sei allerdings, dass Bildung und Qualifizierung eine Schlüsselfrage für eine erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0 werde, und dass dabei gerade der Erstausbildung und Weiterbildung eine zentrale Rolle zukommen wird. Im Ganzen, so Hofmann, ermögliche fortschreitende Digitalisierung das Aufbrechen starrer Arbeitsstrukturen und Hierarchien. „Damit aber können nicht nur neue Chancen für qualifiziertes, selbst organisiertes Arbeiten, sondern auch neue Chancen auf eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben eröffnet werden.“ Die IG Metall sei aber kein Akzeptanzbeschaffer, sie habe Gestaltungsansprüche. Letztlich, so Hofmann, müsse die Technik „ihren gesellschaftlichen Nutzen unter Beweis stellen.“

„Alles was vergleichbar ist, wird schlecht bezahlt“

Was den gesellschaftlichen Nutzen fortschreitender Digitalisierung anbelangt, ist Frank Rieger skeptisch. Künstliche Intelligenz, so der Computerexperte, sei gerade dabei, in die industrielle Produktion zu schreiten; Roboter, die zuvor geschlossene, deterministische, rein ausführende Maschinen waren, seien immer besser in der Lage, selbstständig zu lernen, autonom zu agieren, sich anzupassen, Erfahrungen zu sammeln und auf menschliches Verhalten zu reagieren. Der Informatiker spricht von einer „Automatisierung des Geistes“, die sich gerade vollziehe – und warnt vor den Folgen für die Beschäftigten wie für die Gesellschaft. „Alles, was automatisiert werden kann, wird vergleichbar, und alles, was vergleichbar ist, wird schlecht bezahlt.“ Wenn dies aber so ist, stelle sich mit die Frage, was mit einem Großteil der Beschäftigten in Zukunft passiere und wie das Gemeinwesen weiter finanziert werden solle.

Klaus Mainzer sieht ebenso die Gefahren, die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt bringen kann, auch er warnt davor, dass alle Tätigkeiten, die routiniert ablaufen, in Zukunft theoretisch abgebaut werden können – „es ist aber ein Ammenmärchen zu glauben, dass bald alles automatisiert ist.“ Der Wissenschaftler ist sich sicher, dass auch unter den Bedingungen von Industrie 4.0 Tätigkeiten und Arbeiten auf allen Stufen erhalten bleiben und es dafür weiterhin gut ausgebildete Beschäftigte braucht. Jedoch hätten sich die Innovationszyklen radikal beschleunigt, mehr denn je sei gute Ausbildung und der Erwerb von „digitaler Kompetenz“ nötig. „Die Menschen müssen das Lernen lernen.“

Jörg Hofmann stimmte dem zu – allerdings dürfe man die Menschen nicht alleine auf sich gestellt lassen, brauchen Beschäftigte Zeit und Geld für Qualifizierungsangebote, seien Weiterbildungssysteme nötig, die auf die Bedingungen von Industrie 4.0 ausgelegt seien. Bislang seien Systeme der Erstausbildung und Weiterbildung für die Geschwindigkeit des Wandels noch nicht gerüstet. Auch in der akademischen Ausbildung herrsche „eine völlig überzogene Kleinteiligkeit und Spezialisierung“, die geändert werden müsse. „Die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt ist letztlich eine gesamtgesellschaftliche Zukunftsaufgabe“, so Jörg Hofmann. „Der Mensch gehört in den Mittelpunkt des technologischen Fortschritts. Die IG Metall steht dafür bereit.“
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